Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Wasserfälle gegen Asthma: Wirkung fraglich

Die Krimmler Wasserfälle in Salzburg wurden in einer Asthma-Studie untersucht.

Die Krimmler Wasserfälle in Salzburg wurden in einer Asthma-Studie untersucht.

Wasserfälle sind nicht nur beeindruckende Naturschauspiele. Sie sollen auch beeindruckend gut bei Asthma helfen. An stichhaltigen Beweisen dafür mangelt es jedoch.

Frage:Kann der regelmäßige Aufenthalt an Wasserfällen eine anhaltende Besserung von Asthmasymptomen bewirken?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisher hat nur eine Studie diese Frage untersucht. Eine Antwort kann sie jedoch nicht geben, zu groß sind die Mängel bei der Durchführung.

Die Symptome reichen von Husten und pfeifenden Geräuschen beim Ausatmen bis zu einem beklemmenden Gefühl im Brustkorb und Atemnot: Asthma kann sehr belastend sein und den Alltag beeinträchtigen [5]. Etwa 10 von 100 Kindern beziehungsweise 5 von 100 Erwachsenen sind an Asthma erkrankt.

Hoffnung auf Besserung

Bei leichtem Asthma genügt es oft, Medikamente nur bei Beschwerden zu nehmen. Manche Menschen sind jedoch stärker betroffen. Sie brauchen regelmäßig Medikamente, um Anfälle zu vermeiden [6,7].

Die chronischen Beschwerden lassen sich jedoch nicht immer so gut verhindern, dass die Asthmakranken damit zufrieden sind. Daher setzen Betroffene ihre Hoffnung auch in Behandlungen, die im Internet oder den Medien mit anhaltender Besserung werben.

Eine dieser vielversprechend klingenden Behandlungen ist der regelmäßige Aufenthalt an Wasserfällen. Besonders beworben wird die angeblich heilsame Wirkung der Krimmler Wasserfälle in den österreichischen Hohen Tauern. Doch auch in anderen Regionen Österreichs, Italiens oder Deutschlands wird die angeblich Asthma-lindernde Wirkung von Wasserfällen angepriesen.

Der Grund dafür soll die hohe Konzentration an negativen Ionen im Sprühnebel der Wasserfälle sein. Diese elektrisch geladenen Teilchen bessern demnach Entzündungen in der Lunge und lindern so angeblich die Asthmabeschwerden.

Studie über Krimmler Wasserfälle ohne Aussagekraft

Wir haben nach wissenschaftlichen Belegen für die behauptete Wirkung bei Asthma-Betroffenen gesucht. Beim Durchforsten mehrerer Forschungsdatenbanken konnten wir eine einzelne Studie finden [1].

Im Rahmen dieser Studie verbrachten 54 Kinder mit Asthma drei Wochen in der Höhenluft der Salzburger Berge. Die Hälfte der teilnehmenden Buben und Mädchen hielt sich zusätzlich eine Stunde täglich an den Krimmler Wasserfällen auf. Die andere Hälfte verbrachte diese Zeit an einem nahegelegenen Ort ohne Wasserfall.

Der Vergleich beider Gruppen zu Studienende macht auf den ersten Blick Hoffnung: Die Wasserfälle scheinen die Asthma-Beschwerden etwas gelindert zu haben. Doch der Schein trügt. Denn bei genauerer Betrachtung liefert die Studie keine handfesten Belege für die Wirksamkeit der „Wasserfall-Therapie“.

Grobe Mängel

Grund ist die mangelnde Aussagekraft der Untersuchung. So wurde ein Viertel der teilnehmenden Kinder bei der veröffentlichten Auswertung gar nicht berücksichtigt. Abgesehen davon wären auch die Daten aller 54 untersuchte Kinder zu wenig für belastbare Ergebnisse. Zusätzlich lässt sich nicht ausschließen, dass andere grobe Mängel die Ergebnisse verfälscht haben.

Ob Wasserfälle eine positive Wirkung bei Asthma haben, ist also unklar und muss erst besser erforscht werden. Derzeit können wir weder ausschließen noch bestätigen, dass es Effekte gibt. Nichtsdestotrotz wird mit scheinbar positiven Ergebnissen für „Asthma-Camps“ und Gesundheitsurlaube an Wasserfällen geworben.

Luftionen ohne belegte Wirkung

Negativ geladene Teilchen sollen nicht nur in der Umgebung von Wasserfällen dafür sorgen, dass sich Menschen mit Asthma besser fühlen. Manche Firmen bewerben damit auch Luft-Ionisierungsgeräte, die die Wohnungsluft mit negativen Ionen anreichern. Diese Wirkung ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt [5].

Warum die Luft wegbleibt

Grund für die Beschwerden bei Asthma sind ständig entzündete Atemwege [3]. Diese reagieren stark überempfindlich auf Reize, die für Gesunde harmlos sind. Oft sind auch Allergien im Spiel [2,3,6]. So können Tierhaare oder Pollen eine plötzliche Verengung der Atemwege auslösen. Auch eine Erkältung oder ein Sprint in kalter Luft kann einen Anfall auslösen [3,4].

10 von 100 Kindern

Besonders häufig ist die Krankheit bei Kindern, etwa 10 Prozent von ihnen haben in Österreich und Deutschland Asthma. Bei ungefähr der Hälfte der betroffenen Kinder verschwinden die Beschwerden mit der Zeit. Unter Erwachsenen sind rund fünf Prozent an Asthma erkrankt [5,7].

Mit Asthma leben

Medikamente können Personen mit Asthma dabei helfen, die Beschwerden in Schach zu halten. So ist meist ein normaler Alltag möglich [5-7]. Zusätzlich kann es dienlich sein, bekannte Asthma-Auslöser so gut wie möglich zu vermeiden [3-5]. Sport und bestimmte Atemtechniken können Betroffenen helfen, ihre Beschwerden zu kontrollieren [7].

Detaillierte Informationen rund um das Thema „Asthma“ finden Sie auf den Seiten von Gesundheitsinformation.de.

Rauchen erhöht Risiko

Zigarettenrauch kann die Erkrankung verschlimmern und Anfälle hervorrufen. Selbst zu rauchen oder Passivrauch erhöht bei gesunden Kindern und Erwachsenen das Risiko, an Asthma zu erkranken [2,4,7].

Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder eher Asthma bekommen, wenn sie bereits im Mutterleib Tabakrauch ausgesetzt waren [2,4].

 

Die Studien im Detail

Bei einer umfangreichen Suche in drei wissenschaftlichen Forschungsdatenbanken fanden wir eine kleine randomisiert-kontrollierte Studie. Darin nahmen 54 asthmakranke Kindern im Alter von acht bis 15 Jahren teil.

Drei Wochen lang wurden die Kinder auf einem „Asthma-Camp“ in den Bergen der Hohen Tauern betreut. Per Los wurden die teilnehmenden Buben und Mädchen zwei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe verbrachte eine Stunde täglich an den Krimmler Wasserfällen. Die zweite Gruppe verbrachte diese Zeit stattdessen an einem rund zwei Kilometer Luftlinie entfernten Ort auf derselben Seehöhe, an dem es aber keinen Wasserfall gab.

Drei Monate nach Ende der Behandlung berichteten Kinder aus der Wasserfallgruppe von weniger Beschwerden als aus der Vergleichsgruppe. Unmittelbar nach Behandlungsende hatte sich auch die Lungenfunktion mehrerer Wasserfall-Kinder deutlicher verbessert, wenn auch dieser Unterschied zwei Monate später wieder verschwunden war. Auf einen ersten und oberflächlichen Blick mag dies für die Wasserfalltherapie sprechen. Aber was ist von diesen Ergebnissen zu halten?

Zu wenige Kinder

Wir haben uns jedenfalls nicht zu großem Enthusiasmus hinreißen lassen. Zu gravierend sind die Mängel, die die Aussagekraft der Studie komplett in Frage stellen. Die für einzelne Kinder berichteten Verbesserungen sind aus unserer Sicht kein Beleg dafür, dass die Wasserfall-Therapie im Allgemeinen bei Kindern mit Asthma wirksam ist.

Bei der geringen Anzahl von 54 Teilnehmenden lässt sich nämlich nicht ausschließen, dass die Studienergebnisse nur durch Zufall zustande gekommen sind. Zusätzlich sind nicht die gesamten Daten aller anfangs teilnehmenden Kinder in die Auswertung eingeflossen. Ob sich die Asthma-Beschwerden gebessert haben, erhob das wissenschaftliche Studienteam nämlich nur bei 40 von 54 Kindern. Die Lungenfunktion wurde gar nur bei 22 Kindern gemessen. Diese große Datenlücken können das Ergebnis stark verzerrt haben. Wir könnten auch nicht in Erfahrung bringen, welche Kinder bei der Auswertung fehlten.

Fehlende Verblindung

In einer aussagekräftigen Studie weiß niemand, welche teilnehmenden Personen die „echte“ und welche die Vergleichsbehandlung bekommen. Das gilt sowohl für die Teilnehmenden sowie für das wissenschaftliche Personal, das den Gesundheitszustand beurteilt und die Daten statistisch auswertet. Alle Beteiligten sind sozusagen „verblindet“. Ist das nicht der Fall, kann die Erwartungshaltung aller Beteiligten das Studienergebnis verfälschen.

Verständlicherweise war es in der von uns analysierten Wasserfall-Studie nicht möglich, den Kindern zu verheimlichen, welcher Gruppe sie zugeteilt waren. Umso wichtiger wäre es aber gewesen, dass jene Personen, die das Asthma der Kinder beurteilen und jene, die Daten auswerten, davon nichts wissen. Ob das der Fall war, verrät die Studie jedoch nicht.

Während des Camps durften die jungen Patientinnen und Patienten bei Bedarf ihre Asthma-Medikamente inhalieren. Es ist jedoch nicht erwähnt, ob eine Gruppe häufiger zu ihren Medikamenten gegriffen hat als die andere. Dies könnte ebenfalls die Ergebnisse verfälscht haben.

[Aktualisiert am 17. 10. 2018, ursprünglich veröffentlicht am 19. 7. 2012. Eine Neubewertung der einzigen gefundenen Studie ändert unsere Einschätzung]

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Gaisberger u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer/innen: 54 Kinder mit Asthma (Alter 8-15)
Fragestellung: Bessert ein dreiwöchiger Aufenthalt mit einer Stunde täglich in der Nähe der Krimmler Wasserfälle Asthma-Beschwerden bei Kindern besser als ein Aufenthalt auf gleicher Seehöhe ohne Wasserfall?
Interessenkonflikte: Co-Autorin ist Mitglied im Verein Hohe Tauern Health e.V., es werden aber keine Interessenskonflikte angeführt

Gaisberger M, Šanović R, Dobias H, Kolarž P, Moder A, Thalhamer J, Selimović A, Huttegger I, Ritter M, Hartl A. Effects of ionized waterfall aerosol on pediatric allergic asthma. J Asthma. 2012 Oct;49(8):830-8. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] UpToDate (2018)
Litonjua AA, Weiss ST. Risk factors for asthma. In Hollingsworth H (ed.). UpToDate. Abgerufen am 8.10.2018 unter https://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-asthma

[3] UpToDate (2018)
Miller R. Trigger control to enhance asthma management. In Feldweg AM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 8.10.2018 unter
https://www.uptodate.com/contents/trigger-control-to-enhance-asthma-management

[4] Dynamed (2018)
Floyd R.], Chronic asthma in children; Abgerufen am 08.10.2018 unter http://www.dynamed.com/topics/dmp~AN~T919350/Chronic-asthma-in-children#Prevention-and-Screening

[5] AWMF online (2017)
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und
Deutsche Atemwegsliga e.V.., S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Asthma. Abgerufen am 04.10.2018 unter https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/020-009l_S2k_Asthma_Diagnostik_Therapie_2017-11_1.pdf

[6] UpToDate (2017)
Fanta CH., An overview of asthma management. In Hollingsworth H (ed.). UpToDate. Abgerufen am 8.10.2018 unter https://www.uptodate.com/contents/an-overview-of-asthma-management

[7] IQWiG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Asthma. Abgerufen am 8.10.2018 unter https://www.gesundheitsinformation.de/asthma.2591.de.html