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Aromatherapie bei der Geburt

Eine Geburt ist häufig mit großen Schmerzen verbunden. Kann Aromatherapie helfen?

Eine Geburt ist häufig mit großen Schmerzen verbunden. Kann Aromatherapie helfen?

Aromatherapie soll die Geburt erleichtern. Bisherigen Studien zufolge könnte Lavendelöl Wehenschmerzen geringfügig lindern. Gut belegt ist dies jedoch nicht.

Frage:Lassen sich Wehenschmerzen bei der Geburt durch Aromatherapie mit Lavendelöl lindern?
Antwort:möglicherweise Ja
 
Frage:Lässt sich die Dauer der Geburt durch Aromatherapie mit Lavendelöl verringern?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Bisherige Studien sind schlecht gemacht, ihre Ergebnisse sind daher nur eingeschränkt vertrauenswürdig. Sie deuten an, dass eine Aromatherapie mit Lavendelöl Wehenschmerzen geringfügig lindern könnte. Ob sich durch Aromatherapie auch die Geburtsdauer verkürzt, ist nicht geklärt.

Die Geburt eines Kindes ist ein aufregendes Ereignis. Gegen Ende der Schwangerschaft sehnen viele Frauen diesen Tag herbei, jedoch nicht ohne gemischte Gefühle. Denn eine Geburt ist langwierig und anstrengend – ein Kraftakt, der oft mit großen Schmerzen verbunden ist.

Etliche Geburtskliniken bieten zur Entspannung Aromatherapie an. Mit ätherischen Ölen versuchen sie, die Raumluft zu beduften. Manchmal haben Frauen auch die Möglichkeit, ein Bad mit Duftzusätzen zu nehmen oder mit Aromaölen massiert zu werden.

Aromatherapie soll aber nicht nur entspannend wirken. Angeblich kann sie auch Wehenschmerzen lindern und sogar die Geburt beschleunigen. Wir wollten wissen, ob es dafür wissenschaftliche Belege gibt.

Schmerzlinderung tendenziell möglich

In den meisten Studien zur Aromatherapie bei der Geburt verwendeten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Lavendelöl. Die Ergebnisse dieser Studien deuten darauf hin, dass der Duft des ätherischen Öls die Stärke der Wehenschmerzen geringfügig abschwächen könnte.

In diesen Untersuchungen beurteilten die Teilnehmerinnen während der Wehen die Stärke ihrer Schmerzen anhand einer Skala von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (extrem starke Schmerzen). Frauen, die eine Aromatherapie mit Lavendelöl bekamen, schätzten ihre Schmerzen im Schnitt zwischen 0,4 und 1,6 Punkten niedriger ein als jene, die nur eine Scheintherapie ohne ätherisches Öl bekamen [1,2]. Unterschiede von deutlich weniger als einem Punkt gelten allerdings als nicht mehr wahrnehmbar [5].

Ein Problem ist, dass die entsprechenden Studien nicht gut durchgeführt sind. Dass es durch die Aromatherapie weniger starke Schmerzen gibt, ist daher eher schlecht abgesichert. Zudem wurden die Studien ausschließlich in iranischen Kliniken durchgeführt – möglicherweise sind die Ergebnisse also nicht mit der Situation Österreich, Deutschland und der Schweiz vergleichbar.

Ob die Wirkung von Aromatherapie so groß ist, dass Frauen seltener einen schmerzlindernde Infusion im unteren Rücken (PDA, Periduralanästhesie) benötigen, ist gänzlich unklar [3]. Gewissheit können nur weitere, nach strengen wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Studien bringen.

Welche wissenschaftlich belegten Möglichkeiten es gibt, um mit Geburtsschmerzen umzugehen, beschreibt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) auf seiner Seite Gesundheitsinformation.de: „Mit Geburtsschmerzen umgehen“.

Schnellere Geburt durch Aromatherapie?

Wie lange eine Geburt dauert, lässt sich nicht pauschal sagen. Bei manchen Frauen ist alles in wenigen Stunden vorbei, bei anderen dauert es bedeutend länger.

Einige Forschungsteams haben untersucht, ob eine Aromatherapie mit Lavendelöl den Geburtsprozess beschleunigen kann. Die Studienergebnisse dazu sind jedoch widersprüchlich [2,4]. Daher: Ob Lavendel-Duftöl Frauen hilft, ihr Neugeborenes schneller in Händen zu halten, ist derzeit unklar.

Wohl kein Einfluss auf Komplikationen

Klarer ist die Studienlage zur Frage, ob Frauen durch Aromatherapie seltener Eingriffe wie Kaiserschnitt, Zangengeburt oder Saugglocke benötigen. Den Forschungsergebnissen zufolge hat die Aromatherapie darauf wahrscheinlich keinen Einfluss.

So zeigte sich kein Unterschied, ob die insgesamt 513 britischen Teilnehmerinnen Aromatherapie bekamen oder nicht. In beiden Gruppen brachten 9 von 10 Frauen ihr Kind mit einer Spontangeburt ohne Hilfsmittel zur Welt [3].

Nebenwirkungen von Aromatherapie: nicht ganz harmlos

Alle Behandlungen können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Das gilt auch für „natürliche“ Behandlungen wie die Aromatherapie. Inwiefern die Studienteilnehmerinnen und ihre Neugeborenen davon betroffen waren, erwähnt allerdings keine der von uns durchgesehen Forschungsarbeiten.

Dennoch ist bekannt, dass ätherische Öle aus Lavendel oder anderen Pflanzen beim Kontakt mit der Haut allergische Ausschläge verursachen können. In seltenen Fällen löst auch schon das schiere Einatmen der Düfte Beschwerden aus [6].

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland warnt, dass Säuglinge und Kleinkinder unter drei Jahren besonders empfindlich auf manche ätherischen Öle reagieren können [7]. Den Fachleuten zufolge kann es schon zu Atemproblemen kommen, wenn wenige Tropfen eines Duftöls in Mund oder Nase geraten.

Weitere unerwünschte Wirkungen von ätherischen Ölen sind Haut- und Schleimhautreizungen, Erbrechen, Bewegungsstörungen oder sogar Krampfanfälle. Besonders warnt das BfR vor ätherischen Ölen aus Kampfer, Eukalyptus, Thymian und Pfefferminze.

Vielfältige Aromatherapie

Wohlriechende ätherische Öle lassen sich sehr unterschiedlich anwenden. Das spiegelt auch die Vielfalt der in den von uns bewerteten Studien untersuchten Methoden wider: Manche Teilnehmerinnen bekamen Massagen mit stark verdünntem Lavendelöl. Andere badeten in Wasser mit Lavendelöl-haltigem Badezusatz. Oder sie bekamen mit Lavendelöl getränkte Tücher beziehungsweise rieben sich Lavendelöl in die Hände und schnupperten daran. In einer Untersuchung wurde Lavendelöl im Raum verdampft [1-4].

Welche Art der Aromatherapie Frauen am wohltuendsten empfinden, können die Studien allerdings nicht beantworten. Auch hier herrscht noch mehr Forschungsbedarf.

Aromatherapie

Nicht nur in der Geburtshilfe wird Aromatherapie eingesetzt. Die vermutete beruhigende Wirkung soll auch gegen Schlafstörungen wirken („Aromatherapie: Dufte Träume durch Lavendel?“) oder Menschen mit Demenz zu mehr Ausgeglichenheit verhelfen. („Aromatherapie bei Demenz: Unklare Beweislage“). Ob Aromatherapie hier wirklich etwas bewirken kann, ist jedoch nicht ausreichend erforscht.

 

Die Studien im Detail

Wir haben medizinische Fachdatenbanken nach systematischen Übersichtsarbeiten durchforstet, also Zusammenfassungen der Studienlage zu Aromatherapie mit Lavendel bei der Geburt. Insgesamt haben wir drei systematische Übersichtsarbeiten gefunden.

Eine davon hat hohe Qualität und gibt einen Überblick über die Studienlage bis 2010 [3]. Die beiden anderen fassen die Forschungslage bis 2013 [4] beziehungsweise 2015 [1] zusammen. Allerdings sind die Arbeiten aus 2013 und 2015 nicht so sorgfältig durchgeführt wie die ältere. Es ist also möglich, dass Untersuchungen übersehen wurden und somit die Zusammenschau der Ergebnisse verzerrt ist.

Zur Sicherheit haben wir daher noch nach weiteren Einzelstudien gesucht und konnten eine zusätzliche klinische Studie aus dem Jahr 2016 finden [2].

Mangelhafte Durchführung

Alle bisher durchgeführten Studien haben methodische Mängel. Das Hauptproblem ist, dass die teilnehmenden Frauen sowie oft auch die beurteilenden Forscherinnen und Forscher wahrscheinlich wussten, wer einer Aromatherapie zugeteilt wurde und wer nicht; sie waren also nicht verblindet.

Wenn sich Teilnehmerinnen bewusst sind, welche Behandlung sie bekommen, also eine „echte“ Aromatherapie oder die Scheinbehandlung, kann dies die Wahrnehmung von und das Berichten über Schmerz beeinflussen. Erwarten das behandelnde medizinische Personal sowie das Daten-auswertende Forschungsteam eine (oder auch keine!) Wirkung, ist möglicherweise auch ihr Urteil beeinflusst. Aus diesem Grund schätzen wir die Studienergebnisse nur als eingeschränkt vertrauenswürdig ein.

Nur auf dem Papier?

In drei von vier Studien zu Schmerzen bei der Geburt unterschieden sich die Schmerzeinschätzungen der Teilnehmerinnen bei der Aromatherapie nur geringfügig von jener bei der Scheintherapie. Es ist also denkbar, dass die möglicherweise schmerzlindernde Wirkung der Aromatherapie zwar statistisch „sichtbar“, aber für gebärende Frauen gar nicht spürbar und somit relevant ist.

Übertragbarkeit fraglich

Die vier Studien zur Schmerzeinschätzung wurden in iranischen Kliniken durchgeführt [1,2]. Inwieweit die Ergebnisse auf die Situation in österreichischen, deutschen oder schweizerischen Geburtsstationen übertragbar sind, lässt sich nicht sagen. Durchmischter waren die Studien zum Einfluss auf die Geburtsdauer, sie wurden im Iran, Neuseeland und Großbritannien durchgeführt [2,4].

In der Mehrzahl der Studien bekamen die Teilnehmerinnen ihr erstes Kind. Nur in einer Studie nahmen auch Frauen teil, die bereits eine oder mehrere Geburten hinter sich hatten [1].

Weitere Probleme

Die meisten Studien sind auch deshalb in ihrer Aussagekraft eingeschränkt, weil die Anzahl der Teilnehmerinnen sehr gering ist, sie reicht von 90 bis 160 Frauen pro Studie. Ein weiteres Problem ist, dass in manchen Studien die Ergebnisse zu ungenau angegeben sind oder möglicherweise Daten fehlen.

Ebenfalls lässt sich nicht ausschließen: Vielleicht wurden Studien durchgeführt, bei denen die Aromatherapie keinerlei Wirkung zeigte, die aufgrund ihrer „negativen“ Ergebnisse aber nie veröffentlicht wurden. Ob das zutrifft, konnten wir nicht überprüfen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Makvandi u.a. (2016)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien zu Schmerz
Teilnehmerinnen insgesamt: 421 Frauen aus dem Iran
Fragestellung: Kann Aromatherapie mit Lavendelöl Wehenschmerzen lindern?
Interessenskonflikte: Angabe fehlt

Makvandi, S., Mirteimoori, M., Mirzaiinajmabadi, K., & Sadeghi, R. (2016). A Review of Randomized Clinical Trials on the Effect of Aromatherapy with Lavender on Labor Pain Relief. Nurse Care Open Acces J, 1(3), 1-6. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Yazdkhasti u.a. (2016)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmerinnen: 120 Frauen aus dem Iran
Fragestellung: Kann Aromatherapie mit Lavendelöl Wehenschmerzen lindern oder die Geburtsdauer beeinflussen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Yazdkhasti M, Pirak A. The effect of aromatherapy with lavender essence on severity of labor pain and duration of labor in primiparous women. Complement Ther Clin Pract. 2016 Nov;25:81-86. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Smith u.a. (2011)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 2 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen darin: 535 Frauen
Fragestellung: Kann Aromatherapie Wehenschmerzen lindern oder die Wahrscheinlichkeit für spontane vaginale Geburten oder Kaiserschnitte beeinflussen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Smith CA, Collins CT, Crowther CA. Aromatherapy for pain management in labour. Cochrane Database Syst Rev. 2011 Jul 6;(7):CD009215. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Luo u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: u.a. 2 randomisiert-kontrollierte Studien zum Einfluss auf die Geburtsdauer
Teilnehmerinnen darin: 180 Frauen
Fragestellung: Kann Aromatherapie die Geburtsdauer beeinflussen?
Interessenskonflikte: Angaben fehlen

Luo, T., Huang, M., Xia, H., & Zeng, Y. (2014). Aromatherapy for Laboring Women: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Open Journal of Nursing, 4(03), 163. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere Quellen:

[5] Kelly u.a. (1998)
Kelly AM. Does the clinically significant difference in visual analog scale pain scores vary with gender, age, or cause of pain? Acad Emerg Med. 1998 Nov;5(11):1086-90. (Zusammenfassung der Arbeit)

[6] Posadzki u.a. (2012)
Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E. Adverse effects of aromatherapy: a systematic review of case reports and case series. Int J Risk Saf Med. 2012 Jan 1;24(3):147-61.(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] BfR (2008)
Bundesinstitut für Risikobewertung (2008). Fragen und Antworten zur Anwendung von ätherischen Ölen. Abgerufen am 19. 6. 2018 unter http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zur_anwendung_von_aetherischen_oelen-10945.html