Lungenkrebs durch Blutdruckmittel? Widersprüchliche Studienlage

AutorIn: Iris Hinneburg
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 31. März 2020
ACE-Hemmer kommen bei Bluthochdruck und Herzbeschwerden zum Einsatz. Wie riskant ist das?
Laut einer großen Studie könnten ACE-Hemmer, die u.a. gegen zu hohen Blutdruck verschrieben werden, möglicherweise das Risiko für Lungenkrebs erhöhen. Die Datenlage ist insgesamt jedoch unsicher und widersprüchlich.
Frage:
Steigt mit ACE-Hemmern wie Ramipril das Risiko für Lungenkrebs?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
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Erklärung:
Eine große Beobachtungsstudie hat ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs bei langfristiger Einnahme von ACE-Hemmern im Vergleich zu einer anderen Gruppe von Bluthochdruckmitteln festgestellt. Allerdings lassen sich andere Ursachen für diesen Zusammenhang nicht vollständig ausschließen. Frühere Studien sind zu uneinheitlichen Ergebnissen gekommen. Deshalb lässt sich derzeit weder bestätigen noch ausschließen, dass das Risiko für Lungenkrebs mit ACE-Hemmern steigen könnte. Auch wenn weitere Studien das erhöhte Risiko wirklich bestätigen sollten, dürfte der Effekt eher klein sein.

Wie gehen wir vor?

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Einen zu hohen Blutdruck hat in Österreich etwa ein Viertel der Bevölkerung, bei den Älteren ist es sogar rund die Hälfte [6]. Wenn Maßnahmen wie mehr Bewegung den Blutdruck nicht ausreichend senken, kommen bei vielen Menschen Medikamente zum Einsatz. Sie sollen das Risiko für Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Nierenschäden reduzieren.

Dabei sind mehrere Optionen möglich. Eine davon sind die ACE-Hemmer [7].

Einer großen Studie aus dem Jahr 2018 [1] zufolge könnten Menschen, die ACE-Hemmer einnehmen, ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko haben. Ein Leser wollte von uns wissen, ob er sich deshalb bei der Einnahme von Ramipril Sorgen machen muss. Denn dieser Wirkstoff gehört zur Gruppe der ACE-Hemmer.

Daten aus dem echten Leben

Die große Studie [1] beruht auf Behandlungsdaten von über 990.000 britischen Patientinnen und Patienten. Sie hatten Bluthochdruck und bekamen für die Behandlung einen ACE-Hemmer oder ein anderes Medikament. Dazu gehörten auch Wirkstoffe aus der Gruppe der Sartane.

Das Forschungsteam verglich in der Auswertung die Häufigkeit von Lungenkrebs; insgesamt 7952 Lungenkrebs-Diagnosen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden verzeichnet. War Lungenkrebs häufiger bei Menschen, die ACE-Hemmer einnahmen oder bei denjenigen, die mit einem Sartan behandelt wurden?

Umgerechnet auf ein Jahr wurde bei 16 von 10.000 Personen mit Einnahme eines ACE-Hemmers Lungenkrebs diagnostiziert, bei Einnahme eines Sartans waren es 12 von 10.000 Personen.

Das heißt: Wenn diese Zahle das tatsächliche Geschehen spiegeln, wäre der Effekt nur sehr klein. Im Vergleich zu den Sartanen würden dann etwa 4 von 10.000 Personen mehr an Lungenkrebs erkranken.

Die rechnerische Risiko-Erhöhung in der ACE-Hemmer-Gruppe beginnt ab einer Einnahmedauer von fünf Jahren und steigt danach weiter an.

Theoretisch denkbar

Ob ACE-Hemmer tatsächlich das Risiko für Lungenkrebs erhöhen, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Theoretisch ist das aber nicht ganz abwegig.

Denn mit ACE-Hemmern sammeln sich im Lungengewebe bestimmte Botenstoffe an. Diese Botenstoffe können zumindest im Laborversuch das Wachstum von Tumorzellen beschleunigen. Das ist mit Sartanen nicht der Fall.

Verzerrungen nicht ausgeschlossen

In der Studie [1] haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwar versucht, alle möglichen Einflüsse herauszurechnen, die die Ergebnisse verfälscht haben könnten. Komplett ist das aber nicht gelungen, weil zum Beispiel keine Informationen über berufliche Belastungen mit krebserregenden Schadstoffen vorlagen.

Widersprüchliche Ergebnisse

Auch frühere Studien hatten Probleme, hier eine eindeutige Antwort zu liefern. Die Forschungsarbeiten sind zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen: In einigen war das Lungenkrebs-Risiko mit ACE-Hemmern erhöht, in anderen erniedrigt oder nicht verändert. Allerdings hatten die meisten der Studien auch Schwächen [2].

Arzneimittelagentur hat Risiko geprüft

Diese Studien hat sich auch die Europäische Arzneimittelagentur, kurz EMA, angesehen. Die EMA kümmert sich um Nebenwirkungen bei Arzneimitteln. In einer Risikobewertung ist die Agentur Anfang 2019 zum Schluss gekommen, dass auch mit der neueren Studie [1] kein sofortiger Handlungsbedarf besteht [3].

Wer einen ACE-Hemmer einnimmt, soll das auch weiterhin tun, wenn Arzt oder Ärztin nichts anderes empfehlen [2]. ACE-Hemmer werden wie alle anderen Arzneimittel auch weiter routinemäßig überwacht [3].

Blutdrucksenkung und mehr

Es gibt eine Reihe von Wirkstoffen, die zur Gruppe der ACE-Hemmer gehören. Ihre Namen enden alle auf -pril: zum Beispiel Ramipril oder Enalapril. Außer zur Behandlung von Bluthochdruck werden sie auch bei Herzschwäche und bei verengten Herzkranzgefäßen eingesetzt [4].

ACE-Hemmer sind bereits seit den 1990er Jahren auf dem Markt. Dass auch viele Jahre nach der Zulassung immer noch neue Erkenntnisse zu Risiken und Nebenwirkungen möglich sind, mag vielleicht irritieren. Es ist aber nicht ungewöhnlich.

Denn vor ihrer Zulassung werden Medikamente in der Regel nur in eher kleinen Studien und mit einer eher kurzen Dauer getestet. Seltene Nebenwirkungen, etwa ein erhöhtes Krebsrisiko, können in diesen Studien vor der Zulassung nicht erfasst werden – besonders dann, wenn sie erst nach längerer Zeit auftreten.

Mehr gesicherte Informationen zu Bluthochdruck und Medikamenten bei Bluthochdruck finden Sie auf den Seiten von www.gesundheitsinformation.de.

Verschiedene Risikofaktoren

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Lungenkrebs gehören Rauchen und Passivrauchen. Lungenkrebs kann auch durch verschiedene Umweltfaktoren begünstigt werden, zum Beispiel Radon oder Asbest. Bestimmte Lungenerkrankungen und genetische Faktoren erhöhen ebenfalls das Risiko für Lungenkrebs [5].

Mehr Information zum Thema Lungenkrebs finden Sie auf den Seiten Krebsinformationsdienst.

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Die Studien im Detail

Die aktuellste Arbeit zum Zusammenhang zwischen ACE-Hemmern und Lungenkrebs ist eine große Beobachtungsstudie [1] aus Großbritannien. Sie wurde 2018 veröffentlicht.

Die Daten dafür wurden nicht neu erhoben, sondern sie stammen aus einer großen britischen Forschungsdatenbank. Darin fließen Informationen aus rund 700 allgemeinmedizinischen Praxen in Großbritannien ein. Diese Daten bilden die Allgemeinbevölkerung gut ab.

Das Forschungsteam hat alle Patientinnen und Patienten herausgefiltert, die zwischen 1995 und 2015 Mittel gegen Bluthochdruck verordnet bekamen. Das war insgesamt fast eine Million Menschen.

Davon nahmen rund 300.000 ACE-Hemmer ein. Knapp 30.000 hatten eine Verschreibung für Sartane. Außerdem wechselten etwa 100.000 im Laufe der Zeit von der einen auf die andere Arzneimittelgruppe. Im Mittel nahmen die Behandelten ihre Medikamente rund sechs Jahre ein.

Außerdem suchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Datenbank danach, bei wie vielen von diesen Menschen bis Ende 2016 die Diagnose Lungenkrebs gestellt wurde.

Die Studie ist größtenteils sehr sorgfältig und mit komplexen statistischen Verfahren durchgeführt. So achtete das Forschungsteam etwa darauf, dass bestimmte Verzerrungen nicht auftreten können. Dazu wurden etwa Menschen mit früheren Krebserkrankungen oder -behandlungen ausgeschlossen.

Auch andere Faktoren können einen statistischen Zusammenhang vorgaukeln, der in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Deswegen hat das Forschungsteam eine ganze Reihe solcher Faktoren bei der Auswertung berücksichtigt. Dazu zählten etwa Alter, Raucherstatus und zurückliegende Lungenerkrankungen. All dies lässt das Risiko für Lungenkrebs ansteigen.

Allerdings konnten andere mögliche Risikofaktoren mangels Daten nicht mit in die Analyse einfließen. Gemeint sind etwa die soziale und wirtschaftliche Situation der Patientinnen und Patienten, mögliche berufliche Belastungen mit Schadstoffen wie Asbest oder eine familiäre Veranlagung für Lungenkrebs. Deshalb lässt sich nicht sicher sagen, ob der gefundene Zusammenhang wirklich ursächlich auf die ACE-Hemmer zurückzuführen ist.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Hicks 2018
Studientyp: registerbasierte Kohortenstudie
Teilnehmer: 990.000 Patientinnen und Patienten mit einer Verordnung von Blutdrucksenkern in einem britischen Verordnungsregister
Fragestellung: Erhöhen ACE-Hemmer im Vergleich zu Sartanen das Risiko für Lungenkrebs?
Interessenkonflikte: Die Studie wurde durch die staatliche Stelle für die Förderung der Gesundheitsforschung in Kanada (Canadian Institutes of Health Research) finanziert. Einer der sechs Autoren hat finanzielle Verbindungen zu pharmazeutischen Herstellern, die aber nicht für die Studie relevant sind.

Hicks BM u.a. Angiotensin converting enzyme inhibitors and risk of lung cancer: population based cohort study. BMJ 2018;363:k4209
(Freier Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] arznei-telegramm.
Erhöhen ACE-Hemmer das Lungenkrebsrisiko? a-t 2018; 49: 89-90

[3] European Medicines Agency (2019)
Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) – Minutes of PRAC meeting on 11-14 February 2019. (Abruf 25.03.2020)

[4] IQWiG (o.J.)
Glossar ACE-Hemmer (Abruf 25.03.2020)

[5] UpToDate (2020)
Overview of the risk factors, pathology, and clinical manifestationsof lung cancer. (Abruf 24.03.2020)

[6] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (o.J.)
Bluthochdruck (Hypertonie). (Abruf 27.03.2020)

[7] IQWiG (2020)
Bluthochdruck. (Abruf 27.03.2020)