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DMSO: Kein Wundermittel gegen Arthrose im Knie

Kein Wunder: DMSO erscheint verlockend, wenn die Knie dauernd schmerzen

Kein Wunder: DMSO erscheint verlockend, wenn die Knie dauernd schmerzen

Dimethylsulfoxid, kurz DMSO, wird bei Arthrose im Knie als wahres Wundermittel angepriesen. Doch verbessert DMSO tatsächlich die Beschwerden?


Frage:Bringt bei einer Knie-Arthrose das Einreiben mit DMSO weniger Schmerzen und mehr Beweglichkeit als das Einreiben mit einem Scheinmedikament?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Zuverlässige Studien haben keinen Unterschied zwischen DMSO und einem Scheinmedikament feststellen können. Es bestehen jedoch noch einige Unsicherheiten.

Frage:Bringt bei einer Arthrose im Knie das Einreiben mit DMSO weniger Schmerzen und mehr Beweglichkeit als das anerkannte Schmerzmittel Diclofenac?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Eine einzige Studie hat keinen Unterschied zwischen DMSO und Diclofenac gefunden. Wegen schwerer methodischer Mängel sind die Ergebnisse allerdings nicht aussagekräftig.

Umso älter, desto eher leiden Frauen und Männer an einer Arthrose. Der Gelenkverschleiß betrifft häufig das Knie. Schwellungen und Schmerzen sind typisch für eine Arthrose, oft auch Bewegungseinschränkungen [3].

Weil Schmerztabletten den Magen schädigen können, verwenden Betroffene oft Salben mit schmerzstillenden Wirkstoffen wie Diclofenac. Bei einer Arthrose scheint das auch einigermaßen gegen Schmerzen zu helfen [5]. Dennoch erreichte uns eine Leseranfrage, ob nicht auch das als „Wundermittel“ angepriesene Dimethylsulfoxid, kurz DMSO, bei einer Arthrose im Knie die Schmerzen lindert und die Beweglichkeit verbessert.

Hilfsstoff DMSO: auch ein Wirkstoff?

DMSO, das angepriesene Mittel gegen Arthrose, ist eigentlich ein Lösungsmittel, das in verschiedenen chemischen und technischen Bereichen eingesetzt wird. Manchmal findet sich DMSO auch als Hilfsstoff in Salben, zusammen mit Arzneistoffen. Hier wird ausgenutzt, dass DMSO das Eindringen anderer Substanzen in die Haut fördert.

Bei Arthrose wird DMSO allerdings nicht als unterstützender Hilfsstoff, sondern als Wirkstoff gegen die typischen Beschwerden beworben. Es wird direkt auf die schmerzende Stelle aufgetragen, zum Beispiel das Knie. Online-Shops verkaufen DMSO oft in Form von Tropfen, manchmal aber auch als Gel oder Creme.

Funktioniert im Reagenzglas – auch im Knie?

Für den Einsatz von DMSO bei Arthrose im Knie haben seine Fans auch eine Begründung: In Laborversuchen hat die Substanz Entzündungsreaktionen und die Schmerzweiterleitung gehemmt. Ob sich die positiven Effekte auch beim Menschen einstellen, müssen allerdings klinische Studien belegen – und genau danach haben wir gesucht.

Schmieren für die Wissenschaft

Tatsächlich haben wir auch fünf Studien identifizieren können, bei denen Menschen mit Arthrose ihre schmerzenden Knie mit DMSO behandelten – oder zum Vergleich mit einem Scheinmedikament (Placebo) bzw. mit einem Diclofenac-Gel [1,2].

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist allerdings schwierig. Denn es ist unklar, ob die Teilnehmenden zu Beginn der Studien tatsächlich vergleichbare Beschwerden hatten. Außerdem wurden sehr unterschiedliche Dosierungen und verschiedene Messinstrumente zur Erfassung der Beschwerden genutzt. Oft weisen die Studien auch methodische Mängel auf, sodass die Aussagekraft insgesamt eingeschränkt ist.

Wirksam? Offenbar nicht

In den beiden methodisch besten Studien mit DMSO und einem Scheinpräparat zum Vergleich zeigte sich keine überzeugende Wirksamkeit.

Die Studie zum Vergleich von Diclofenac und DMSO lieferte keinen verlässlichen Beleg für eine Gleichwertigkeit der beiden Mittel.

Langzeitstudien zu Nutzen und Risiken fehlen

Außerdem waren die Studien unserer Einschätzung nach zu kurz: Sie liefen nur wenige Wochen, während die Beschwerden bei einer Arthrose im Knie oft viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte bestehen. Wie es sich mit der langfristigen Wirksamkeit verhält, lässt sich anhand der vorliegenden Studien nicht sagen.

Die Studienergebnisse ermöglichen auch keine fundierte Aussage zu möglichen Nebenwirkungen. Ersten Einschätzungen zufolge kam es mit DMSO deutlich häufiger zu Hautreaktionen, aber zu keinen schweren unerwünschten Wirkungen.

Verwandt mit MSM

DMSO ist chemisch übrigens eng mit MSM (Methylsulfonylmethan) verwandt, das ebenfalls bei Arthrose beworben wird. MSM wird anders als DMSO nicht auf die schmerzende Stelle geschmiert, sondern ist als Nahrungsergänzungsmittel zum Einnehmen im Einsatz [4]. Über die dürftige Studienlage bei Arthrose haben wir bereits berichtet: „Hilft MSM bei Arthrose?“

Mehr zum Thema Arthrose, etwa Risikofaktoren und Behandlung finden Sie unter gesundheitsinformation.de

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche haben wir zur Frage, ob die lokale Anwendung von DMSO bei einer Arthrose im Knie hilft, eine systematische Übersichtsarbeit mit vier Studien [1] sowie eine weitere Untersuchung [2] identifizieren können.

In allen Studien wurden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeteilt: Insgesamt knapp 700 Menschen mit Arthrose trugen entweder DMSO auf ihr Knie auf oder sie schmierten mit einem Scheinmedikament. In einer Studie mit rund 220 Teilnehmenden verglich das Forschungsteam DMSO und Diclofenac-Gel.

Verblindung schwierig

Problematisch an diesen Studien ist die meist schlechte methodische Qualität, die die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt. Besonders kritisch ist die Frage, ob die Teilnehmenden wussten, welches Präparat (DMSO, Placebo oder Diclofenac) sie verwendeten. Eine Verblindung wäre ist hier besonders wichtig gewesen, weil die Testpersonen den Nutzen der Mittel im Hinblick auf Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen selbst beurteilen sollten. Das Wissen um die Behandlung kann die Wahrnehmung der Beschwerden und das Berichten darüber beeinflussen.

Zwar sollen alle Mittel gleich ausgesehen haben. DMSO wird jedoch durch die Haut in den Körper aufgenommen und dort zu Stoffen abgebaut, die einen charakteristischen knoblauchartigen Geruch haben. Dies bemerken Anwenderinnen und Anwender dann am Geruch von Haut und Atem [4].

Zwei Studien (eine aus [1] und [2]) haben dieses Problem der Verblindung jedoch clever gelöst: Hier wurde den Vergleichspräparaten eine kleine Menge DMSO zugesetzt. So klein, dass sie keinen Einfluss auf die Wirksamkeit haben konnte, aber trotzdem denselben Geruch wie die hohen Dosierungen verursachte.

Aussagen mit wenig Verlass

Ein weiterer Kritikpunkt unsererseits: In einigen Studien war es fraglich, ob die Zuteilung zu den Gruppen wirklich zufällig war und ob die Daten aller Teilnehmenden in die Auswertung eingeflossen sind.

Ein hohes Verzerrungsrisiko besteht nach unserer Bewertung deshalb in drei Studien (alle in [1]). Nur zwei scheinen einigermaßen verlässliche Ergebnisse zu liefern (eine aus [1] sowie [2]).

Unklare Vergleichbarkeit

Die Studienergebnisse zu vergleichen und zusammenzufassen ist schwierig, da die Forschungsteams unterschiedliche Dosierungen von DMSO verwendet und Ergebnisse wie Rückgang von Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen mit verschiedenen Messinstrumenten bewerten ließen. Außerdem ist nicht klar, ob der Schweregrad der Arthrose wirklich bei allen Teilnehmenden vergleichbar war. d.h. ob zu Studienbeginn „faire“ Ausgangsbedingungen herrschten.

Offenbar nicht besser als Placebo

In drei von vier Studien (zwei aus [1] und [2]) schnitt DMSO nicht besser ab als das Scheinmedikament. Nur in einer Studie (in [1]) fand sich ein Unterschied zugunsten von DMSO. Ob der für die Teilnehmenden im Alltag jedoch spürbar war, wird nicht berichtet.

Da die Studien mit geringem Verzerrungsrisiko (eine Untersuchung aus [1] sowie [2]) beide negativ ausfallen, spricht das eher gegen einen für die Betroffenen spürbaren Nutzen von DMSO. Ganz sicher sein können wir uns jedoch nicht. Denn es ist nicht klar, ob die Studien ausreichend viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer untersucht haben, sodass sie einen eventuell bestehenden Unterschied zu dem Scheinmedikament wirklich hätten erkennen können.

Unklar: so gut wie Diclofenac?

Die Studie mit dem DMSO-Diclofenac-Vergleich (aus [1]) kommt zu dem Ergebnis, dass sich kein Unterschied zwischen den beiden Mitteln finden lässt. Aber heißt das auch, dass DMSO genauso gut wirksam ist wie das anerkannte Schmerzmittel? Leider nein.

Um tatsächlich eine solche Aussage treffen zu können, hätte man die Studie ganz anders aufziehen müssen. So liefern selbst gleichwertige Mittel in Studien nie identische Ergebnisse – denn es gibt immer Zufallsschwankungen. Die hätte das Forschungsteam bei der Berechnung der notwendigen Anzahl an Teilnehmenden berücksichtigen müssen. Ebenso wichtig: Eine Vorab-Berechnung, welcher Unterschied in den Ergebnissen vermutlich nur zufallsbedingt ist und ab wann tatsächlich eine unterschiedliche Wirksamkeit vorliegt. Da hier beides fehlt, lassen sich aus der Studie keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen.

Viele Fragen offen

Wie so oft wurden Nebenwirkungen in den Untersuchungen eher vernachlässigt. Meist finden sich nur Angaben, dass keine unerwünschten Wirkungen aufgetreten sind oder Probleme mit DMSO nicht häufiger waren als mit dem Vergleichspräparat. Nicht berichtet wird jedoch meistens, wie das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überwacht haben [1].

Eine Ausnahme bildet lediglich die neueste Studie [2]: Hier erhob das Forschungsteam unerwünschte Wirkungen ausführlich und stellte fest, dass rund 60 Prozent der Teilnehmenden über Probleme berichtet hatten – allerdings unabhängig davon, ob sie mit Placebo oder mit DMSO behandelt wurden.

Der einzige echte Unterschied fand sich bei Hautreaktionen: So klagten etwa doppelt so viele Menschen mit DMSO-Therapie über trockene Haut an der Behandlungsstelle als mit dem Scheinmedikament (16 Prozent versus 8 Prozent).

Die Behandlungsdauer lag in allen Untersuchungen zwischen drei Wochen und einem Monat. Für eine chronische Erkrankung wie Arthrose ist das unzureichend. Über langfristige nützliche Effekte und auch mögliche Nebenwirkungen lassen sich deshalb aus den Studien keine Schlussfolgerungen ziehen.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Brien u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: zu DMSO 4 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 597 Patientinnen und Patienten
Fragestellung: Verbessert die Behandlung mit DMSO die Beschwerden bei Knie-Arthrose?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben des Autorenteams

Systematic review of the nutritional supplements dimethyl sulfoxide (DMSO) and methylsulfonylmethane (MSM) in the treatment of osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage 2008;16:1277-88
Zusammenfassung
Freier Volltext

[2] Simon u.a. (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer insgesamt: insgesamt 775 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Knie-Arthrose in fünf Vergleichsgruppen, davon 318 für den Vergleich von DMSO und Placebo
Fragestellung: Verbessert das Auftragen einer Lösung von Diclofenac mit DMSO im Vergleich zu mehreren Therapieoptionen Schmerzen und Funktion bei einer Knie-Arthrose? Hier relevant: Vergleich von DMSO und Placebo
Interessenskonflikte: Der Hersteller des Haupt-Studienpräparats hat die Untersuchung gesponsert und die Daten ausgewertet. Im Autorenteam gibt es finanzielle Verbindungen zu dem Hersteller.

Efficacy and safety of topical diclofenac containing dimethyl sulfoxide (DMSO) compared with those of topical placebo, DMSO vehicle and oral diclofenac for knee osteoarthritis. Pain 2009;143:238-45
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWIG (2014)
Arthrose (Zugriff am 12.07.2018)

[4] National Center for Complementary and Integrative Health (2017)
Diemethyl Sulfoxide (DMSO) and Methylsulfonylmethane (MSM) for Osteoarthritis.
(Zugriff am 12.07.2018)

[5] Derry u.a. (2016)
Topical NSAIDs for chronic musculoskeletal pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue Apr 22;4:CD007400.
4. Art. No.: CD007400