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Zuckerkrank durch Sitzen?

Macht Sitzen zuckerkrank?

Macht Sitzen zuckerkrank?

Langes Sitzen und ein inaktiver Lebensstil begünstigen die Entstehung von Typ 2 Diabetes. Laut einer in der Tageszeitung „Heute“ genannten Studie soll allerdings auch täglicher Sport das erhöhte Risiko nicht ausgleichen können. Belege für diese Behauptung gibt es allerdings keine.

 

 

Zeitungsartikel: Langes Sitzen führt zu Diabetes und frühem Tod (18.10.2012, Heute)
Frage:Führt langes Sitzen trotz ausgleichendem Sport vermehrt zu Diabetes Typ 2?
Antwort:Langes Sitzen und ein inaktiver Lebensstil führen zu einem deutlich erhöhten Risiko für die Entstehung von Diabetes Typ 2. Bewegung hat einen günstigen Effekt in der Vorbeugung von Diabetes. Ob sportliche Betätigung das Risiko eines überwiegend sitzenden Lebensstils komplett ausgleichen kann, bzw. welches Ausmaß dazu notwendig wäre, geht aus den vorliegenden Studien nicht hervor.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Viele von uns verbringen zahlreiche Stunden sitzend: im Auto, im Büro, abends gemütlich auf der Couch. „Weil ich den ganzen Tag in der Arbeite sitze, mach ich abends zum Ausgleich und für meine Gesundheit eine halbe Stunde Sport!“- so denken sicherlich einige, doch genau das soll laut Orf.at und „Heute“ – zumindest zur Vorbeugung von Diabetes Typ 2 – nichts bringen.

Diabetes vom Typ 2 wurde früher oft als „Altersdiabetes“ bezeichnet, betrifft heut zu Tage jedoch immer mehr junge Menschen. Insgesamt leiden in westlichen Ländern rund 7 von 100 Menschen an dieser Form der Zuckerkrankheit [3].

Risikofaktoren gibt es einige, vor allem Übergewicht trägt stark zur Entstehung von Diabetes bei. Dass auch langes Sitzen und ein inaktiver Lebensstil nicht gesund sind und die Zuckerkrankheit begünstigen können, ist schon länger bekannt [4]. Nun soll aber selbst Sport dieses erhöhte Risiko angeblich nicht ausgleichen. Stimmt das tatsächlich?

Keine Hinweise

Der Online-Artikel stützt sich auf eine kürzlich erschienene Übersichtsarbeit [1]. Diese zeigt nach Analyse von 18 Studien mit fast 800.000 Teilnehmern deutlich, dass langes Sitzen das Diabetes-Risiko erhöht. Unter den Studienteilnehmern, die die wenigste Zeit sitzend oder liegend verbrachten, erkrankten im Durchschnitt 2 bis 3 von 100 Personen an Diabetes. Diejenigen Personen mit dem höchsten Anteil an sitzender Tätigkeit hatten im Vergleich dazu ein mehr als doppelt so hohes Diabetes-Risiko.

Dieser Zusammenhang zwischen sitzender Tätigkeit und Diabetesrisiko zeigte sich bei jenen Studien, die sportliche Aktivität berücksichtigten, als weitgehend unabhängig davon, ob die untersuchten Personen zusätzlich Bewegungssport betrieben. Auf das genaue Ausmaß der sportlichen Aktivität wird in der vorliegenden Analyse allerdings nicht eingegangen. Es lassen sich daher auch keine Rückschlüsse darüber ziehen, wie viel und welche sportliche Betätigung notwendig ist um das Risiko der sitzenden Tätigkeit auszugleichen.

Bewegung kann Diabetesrisiko deutlich senken

Dass Bewegung eine positive Wirkung zur Vorbeugung von Diabetes Typ 2 hat, zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien deutlich. Die Verfasser einer systematischen Übersichtsarbeit [2] analysierten die Studiendaten von insgesamt rund 300.000 Teilnehmern. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass sich sogar zweieinhalb Stunden schnelles Gehen pro Woche positiv auswirken. Im Vergleich zu jenen Teilnehmern, die sich am wenigsten bewegten, senkte dies das Risiko für das Auftreten der Zuckerkrankheit um knapp ein Viertel. Diese Verringerung war unabhängig von eventuellem Übergewicht, das ja selbst eine stark erhöhte Diabetes-Wahrscheinlichkeit mit sich bringt [2].

Eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration untersuchte Personen mit bereits erhöhtem Diabetes Typ 2 Risiko. Auch hier konnte eine sportliche Betätigung in Kombination mit Ernährungsumstellung die Entstehung von Diabetes vermindern [3]. Allerdings wurde sowohl bei dieser als auch der zuvor erwähnten Übersichtsarbeit [2] nicht genauer darauf eingegangen, wie viel Zeit die Probanden täglich sitzend verbracht hatten. Rückschlüsse darauf, ob Bewegung das Diabetesrisiko mindern kann, sind daher ebenfalls nicht möglich.

Fazit

Welches Ausmaß an sportlicher Betätigung das erhöhte Diabetesrisiko einer überwiegend sitzenden Tätigkeit ausgleichen kann geht aus den vorliegenden Studien nicht hervor. Was allerdings mehrfach nachgewiesen wurde, ist, dass ein aktiver Lebensstil und eine gesunde Ernährung der Entstehung von Diabetes Typ 2 entgegenwirken.

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wilmot u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 18 Studien mit 794.577 Probanden
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen einem „sitzenden Lebenstil“ und Diabetes, Kardiovaskulären Erkrankungen und Tod?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Titel: „Sedentary time in adults and the association with diabetes, cardiovascular disease and death: a systemic review and meta-analysis“ Diabetologia. 2012 Nov;55(11):2895-905. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Jeon u. a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta Analyse
Eingeschlossene Studien: 10 Kohortenstudien mit 301.221 Probanden
Fragestellung: Fragestellung: Reduziert moderate Bewegung das Risiko an Diabetes Typ2 zu erkranken? Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Titel: „Physical Activity of Moderate Intensity and Risk of Type 2 Diabetes“ Diabetes Care. 2007 Mar;30(3):744-52. Review ( http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17327354)

[3] Orozoco u.a. (2008)
Studientyp: systematischer Review und  Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 8 Studien mit 5956 Probanden
Fragestellung: Wirkt Bewegung und Bewegung in Kombination mit Diät vorbeugend gegen Typ 2 diabetes?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Titel: „Exercise or exercise and diet for preventing type 2 diabetes mellitus“ Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 3. Art. No.: CD003054 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] McCulloch (2012). Prediction and prevention of type 2 diabetes mellitus. UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 24.10.2012