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Zuckerkrank durch Plastik-Weichmacher?

Zuckerkrank durch Plastik?

Zuckerkrank durch Plastik?

Diabetesgefahr durch Phthalate in Plastik- und Kosmetikprodukten – davon berichtet „Österreich“ und der „Standard“. Auch wenn es noch keine direkten Belege dafür gibt – vieles deutet tatsächlich darauf hin, dass die Weichmacher das Diabetesrisiko neben anderen Ursachen erhöhen können.
 

 

Zeitungsartikel: Nagellack löst Diabetes aus (19. 7. 2012, Österreich Online-Ausgabe), Weichmacher begünstigen Diabetes Typ 2 (30. 5. 2012, Der Standard Online-Ausgabe
Frage:Können Phthalate Diabetes verursachen?
Antwort:Bisher durchgeführte Untersuchungen bei Menschen zeigen, dass Menschen mit Diabetes oder einer Diabetes-Vorstufe deutlich erhöhte Phthalat-Konzentrationen im Körper aufweisen. Diese Studien können zwar nicht nachweisen, dass die Zuckerkrankheit durch Phthalate (mit)verursacht wurde, Ergebnisse aus Laborstudien im Reagenzglas und an Tieren deuten aber in diese Richtung. Zur Absicherung sind allerdings Studien über längere Zeiträume nötig.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür ein erhöhtes Erkrankungsrisiko

Viele Produkte aus PVC-Plastik wie beispielsweise Bodenbeläge, Gummistiefel, Gartenschläuche und Lastwagen-Planen wären ohne sie nicht biegsam und weich, sondern hart und unbrauchbar. Die Rede ist von Phthalaten, einer Gruppe von Chemikalien, die umgangssprachlich auch als sogenannte „Weichmacher“ bezeichnet werden. Doch der Anwendungsbereich dieser Weichmacher reicht weit über die Verwendung in Kunststoffen hinaus: so werden Phthalate etwa auch in Farben, Lacken und Dispersionen, Schmier- und Lösungsmitteln, in Textilhilfsmitteln sowie Kosmetikprodukten wie Parfüms, Deodorants, Lotionen oder Nagellacken eingesetzt. Als Überzug auf manchen Medikamentenkapseln oder -tabletten sorgen sie zudem für eine gesteuerte Abgabe der Inhaltsstoffe [7] [8]. Insgesamt werden alleine in Österreich jedes Jahr 15.000 bis 20.000 Tonnen dieser Stoffe in Umlauf gebracht [8].

Teilweise als gesundheitsgefährdend eingestuft

So verbreitet Phthalate als Zusatzstoffe vieler alltäglicher Gebrauchsgegenstände sind, so zahlreich sind auch die gesundheitlichen Bedenken, die in den Medien dazu geäußert werden. Dabei stehen die Weichmacher nicht erst seit Erscheinen des Films „Plastic Planet“ im Jahr 2009 unter heftiger Kritik. Umweltorganisationen machen bereits seit langem auf die potentiellen Gefahren dieser Chemikalien aufmerksam.

Einige der am häufigsten verwendeten Phthalate – DEHP (Diethylhexy-Phthalat, DBP (Dibutyl-Phthalat) und BBP (n-Butylbenzyl-Phthalat) sind mittlerweile in der EU als gesundheitsschädlich eingestuft. Sie sind für die Verwendung in Spielzeug, Babyartikeln, Kosmetikprodukten oder Erzeugnissen wie Lacken und Farben verboten. Als Weichmacher in vielen Plastikerzeugnissen dürfen sie dennoch weiter verwendet werden [8]. Laut Angaben des deutschen Umweltbundesamts weicht die Industrie zunehmend auf zwei andere Phthalat-Verbindungen aus – DINP (Di-isononyl-Phthalat) und DIDP (Di-isodecyl-Phthalat). Diese sind aufgrund gesundheitlicher Bedenken in der EU jedoch ebenfalls für die Anwendung in Spielzeug untersagt, welches Kinder in den Mund nehmen könnten [7].

Eine weitere in den Medien jüngst berichtete Gefahr von Phthalaten ist ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Typ 2-Diabetes, im Volksmund auch „Altersdiabetes“ genannt. So schreibt etwa die Online-Ausgabe der Tageszeitung „Österreich“, dass Nagellack und Haarspray Diabetes auslösen kann. Der Standard berichtet indes von Phthalat-hältigen Medizinprodukten wie Bluttransfusions-Beuteln und Katheterschläuchen, die in Verdacht stünden, die Zuckerkrankheit zu begünstigen.

Zusammenhang mit Diabetes gegeben

Die Autoren zweier kürzlich veröffentlichter Untersuchungen fanden bei zuckerkranken Personen deutlich höhere Konzentrationen an Phthalaten im Körper als bei jenen Teilnehmern ohne Diabetes [1] [2]. Dieser Zusammenhang war unabhängig davon, ob die Studienteilnehmer übergewichtig waren oder keinen Sport betrieben – beides Faktoren, die das Auftreten von Typ 2 – Diabetes ebenfalls fördern können [9].

Die Ergebnisse einer weiteren kleinen Studie [3] deuten ebenfalls in diese Richtung. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl lässt sich in dieser Untersuchung allerdings nicht völlig ausschließen, dass der gefundene Zusammenhang nur durch Zufall bedingt ist.

Doch nicht nur Diabetiker weisen teilweise höhere Konzentrationen an Phthalaten (bzw. deren verstoffwechselten Abbauprodukten) im Körper auf. Auch im Urin und Blut von Personen mit Insulinresistenz – einer Diabetes-Vorstufe – finden sich erhöhte Mengen dieser Stoffe, wie die Ergebnisse zweier Studien zeigen [2] [4].

Kein direkter Beleg für Diabetes-Ursache, aber Hinweise

Selbst wenn sich sowohl bei Diabetikern als auch Personen mit einer Diabetes-Vorstufe erhöhte Konzentrationen verschiedener Phthalate im Körper finden – ein Beweis dafür, dass Phthalate Diabetes auslösen ist das nicht. So haben etwa manche Medikamente in Tabletten- und Kapselform einen Phthalat-hältigen Überzug, um die Freisetzung des Wirkstoffs zu steuern. Eine mögliche Erklärung für den beobachteten Zusammenhang könnte daher auch sein, dass Diabetiker und Personen mit einer Diabetes-Vorstufe mehr (unter Umständen auch Phthalat-hältige) Medikamente einnehmen als Gesunde.

In den erwähnten Studien [1] [2] [3] [4] waren jedoch nicht nur Stoffwechsel-Abbauprodukte der beiden üblicherweise für Arzneimittel verwendeten Phthalate Diethyl-Phthalat (DEP) und Dibuthyl-Phthalat (DBP) [10] gefunden. Auch die Konzentrationen der Abbauprokte anderer verbreiteter Phthalate wie etwa des als Weichmacher eingesetzten Diethylhexyl-Phthalats (DEHP) waren bei zuckerkranken und Diabetes-gefährdeten Studienteilnehmern teils signifikant erhöht.

Bei allen vier Studien handelt es sich allerdings nur um sogenannte Querschnittsstudien – das heißt, die Menge an Phthalatprodukten im Körper der Studienteilnehmer war nur zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen worden. Ein aussagekräftigeres Ergebnis würden Längsschnittstudien liefern, bei denen die Konzentration der Phthalat-Abbauprodukte im Blut oder Urin zu verschiedenen Zeitpunkten über einen längeren Zeitraum hinweg festgestellt wird. Ist die Studiendauer lang genug, könnte auch beobachtet werden, ob Personen, die regelmäßig hohe Phthalat-Werte aufweisen, mit der Zeit Diabetes oder eine Vorstufe davon entwickeln.

Hinweise darauf, dass Phthalate an der Entstehung von Typ 2 Diabetes beteiligt sein können, liefern auch zahlreiche Laborstudien im Reagenzglas sowie an Tieren. Das zeigen die in zwei systematischen Übersichtsarbeiten zusammengefassten Forschungsergebnisse solcher Laborstudien [5] [6]. Demnach sind Phthalate in der Lage, sowohl Voraussetzungen für Insulinresistenz als auch Übergewicht zu schaffen.

Insgesamt sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die größten Risikofaktoren für die Entwicklung von Typ 2 Diabetes vor allem andere sind: neben einer erblichen Vorbelastung erhöhen vor allem Übergewicht und ein bewegungsarmer Lebensstil deutlich die Gefahr, zuckerkrank zu werden [9].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] James-Todd u.a. (2012)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studiendauer: Messung nur zu einem Zeitpunkt
Teilnehmerinnen insgesamt: 2350 Frauen zwischen 20 und 80 Jahren
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Konzentration von Phthalat-Stoffwechselprodukten im Urin und dem Auftreten von Diabetes Typ 2?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Urinary Phthalate Metabolite Concentrations and Diabetes among Women in the National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) 2001-2008“. Environ Health Perspect. (Studie im Volltext)

[2] Lind u.a. (2012)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studiendauer: Messung nur zu einem Zeitpunkt
Teilnehmer: 1016 Personen (70 Jahre alt), davon 114 mit Diabetes
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Konzentration von Phthalat-Stoffwechselprodukten im Blut und dem Auftreten von Diabetes Typ 2?
Mögliche Interessenskonflikte: einer der Autoren arbeitet für die Schwedische Medizinprodukte-Agentur (Läkemedelsverket).

Titel: „Circulating levels of phthalate metabolites are associated with prevalent diabetes in the elderly.“ Diabetes Care 35(7): 1519-1524. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Svensson u.a. (2011)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studiendauer: Messung nur zu einem Zeitpunkt
Teilnhmer: 221 Frauen (davon 39 mit selbst-berichtetem Diabetes)
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Phthalat-Metabolit-Konzentration im Urin und dem Auftreten von Diabetes?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Phthalate exposure associated with self-reported diabetes among Mexican women.“ Environ Res 111(6): 792-796. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Stahlhut u.a. (2007)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studiendauer: Messung nur zu einem Zeitpunkt
Teilnehmer: 1451 Männer (davon 781 für Zusammenhang mit Insulinresistenz)
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen erhöhten Phthalat-Metabolit-Konzentrationen im Urin und dem Auftreten von Insulinresistenz und Übergewicht?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Concentrations of urinary phthalate metabolites are associated with increased waist circumference and insulin resistance in adult U.S. males.“ Environ Health Perspect 115(6): 876-882. (Studie im Volltext) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1892109/

[5] Polyzos u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 131 (Labor- und Tierstudien sowie Studien an Menschen)
Fragestellung: Sind hormonell wirksame Substanzen (endokrine Disruptoren) an der Entstehung von Insulinresistenz beteiligt?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „The emerging role of endocrine disruptors in pathogenesis of insulin resistance: a concept implicating nonalcoholic fatty liver disease“. Curr Mol Med. 2012 Jan;12(1):68-82. (Übersichtsarbeit im Volltext)

[6] Thayer u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 3 bezüglich Phthalate
Fragestellung: Sind in die Umwelt freigesetzte Substanzen an der Entstehung von Diabetes und Übergewicht beteiligt?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Role of environmental chemicals in diabetes and obesity: a National Toxicology Program workshop review“. Environ Health Perspect. 2012 Jun;120(6):779-89. (Übersichtsarbeit im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] Umweltbundesamt Deutschland (2007). Phthalate. Die nützlichen Weichmacher mit den unerwünschten Eigenschaften. Abgerufen unter http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/3540.html am 12. 12. 2012

[8] Umweltbundesamt Österreich (2010). Fact Sheet Phthalate. Abgerufen unter http://www.umweltbundesamt.at/umweltsituation/schadstoff/schadstoffe_einleitung/pvcweichmacher/ am 12. 12. 2012

[9] McCulloch DK, Robertson RP (2012). Risk factors for type 2 diabetes mellitus. In Mulder JA (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com am 11. 12. 2012

[10] Kelley KE, Hernández-Díaz S, Chaplin EL, Hauser R, Mitchell AA (2012). Identification
of phthalates in medications and dietary supplement formulations in the United
States and Canada. Environ Health Perspect. 2012 Mar;120(3):379-84. (
Studie im Volltext)