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Zuckerkrank durch „Light“-Limonaden?

Zucker in Softdrinks kann krank machen. Sind Süßstoff-haltige Light-Limos besser?

Zucker in Softdrinks kann krank machen. Sind Süßstoff-haltige Light-Limos besser?

Liebhaber von Light-Getränken erkranken vermehrt an Diabetes, das zeigen Studien deutlich. Unklar ist aber, ob tatsächlich die Süßstoffe daran schuld sind.

Frage:Steigert der regelmäßige Konsum von Süßstoff-hältigen Limonaden das Diabetes-Risiko?
Antwort:unklar
Erklärung:Personen, die häufig Süßstoff-hältige Limonaden trinken, erkranken eher an Diabetes als jene, die solche Getränke selten trinken. Es ist aber unklar, ob Süßstoffe tatsächlich daran schuld sind. Möglicherweise bevorzugen Menschen „Light“-Limonaden, wenn sie beispielsweise aufgrund von Übergewicht ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben.

Cola, Orangenlimo und andere Softdrinks lassen jeden Arzt und jede Ärztin erschaudern. Sie fördern nicht nur das Kariesrisiko, sondern verursachen auf lange Sicht auch Übergewicht. Überflüssige Kilos an Po, Bauch und Hüften sind jedoch nicht nur mit dem gesellschaftlichen Schönheitsideal wenig vereinbar, sie haben auch handfeste gesundheitliche Nachteile. Unter anderem erhöht Übergewicht die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes. In der Hoffnung auf eine gesündere Alternative greifen viele daher zu Light-Getränken mit künstlichen Süßstoffen.

Dass kalorienarme Light-Limonaden tatsächlich die Gesundheit verbessern, ist aber alles andere als sicher. So ist etwa unklar, ob kalorienarme Softdrink-Varianten Übergewicht verhindern können – Medizin-Transparent hat bereits berichtet. Manche Experten vermuten sogar, dass mit künstlichen Süßstoffen gesüßte Limonaden das Diabetes-Risiko in die Höhe treiben könnten.

Diabetes bei Light-Trinkern häufiger

Tatsächlich erkranken Liebhaber von Light-Limonaden überdurchschnittlich häufig an Diabetes. Das zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisher veröffentlichter Beobachtungsstudien deutlich [1]. Zu Beginn dieser Studien haben Wissenschaftler viele Menschen gefragt, wie häufig sie mit künstlichen Süßstoffen versetzte Limonaden trinken. Dann haben sie den Gesundheitszustand der Studienteilnehmer über viele Jahre lang beobachtet. Am Ende waren die Diabetesfälle unter den leidenschaftlichsten Light-Limo-Trinkern deutlich häufiger als unter jenen Teilnehmern, die diese Getränke selten oder nie konsumiert hatten.

Diese Ergebnisse bedeuten jedoch nicht zwingend, dass tatsächlich Süßstoffe für das erhöhte Diabetes-Risiko verantwortlich sind. Bei solchen Beobachtungsstudien lässt sich nämlich nie ausschließen, dass in Wirklichkeit andere Faktoren die Ursache für den festgestellten Zusammenhang sind.

Mögliche Erklärungen

Einer der größten Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes ist Übergewicht [3]. Gerade übergewichtige Menschen greifen aber möglicherweise in dem Glauben, etwas Gutes für ihre Gesundheit zu tun, vermehrt zu „Light“-Getränken. Somit sieht es aus, als ob Konsumenten Süßstoff-hältiger Limonaden eher an zu Diabetes führenerkranken. Die tatsächliche Ursache wäre dann aber nicht der Süßstoff, sondern das von vornherein erhöhte Risiko aufgrund des Übergewichts.

Mit statistischen Mitteln lässt sich der Einfluss des Übergewichts aus Studienergebnissen herausrechnen. Dabei zeigt sich, dass der Zusammenhang deutlich schrumpft, allerdings aber nicht völlig verschwindet [1,2]. Studienteilnehmer, die regelmäßig große Mengen an Light-Getränken konsumieren, haben also auch dann ein leicht erhöhtes Diabetes-Risiko, wenn sie nicht übergewichtig sind.

Oder, um genau zu sein, wenn sie angegeben haben, nicht übergewichtig zu sein. Denn in diesem Punkt liegt eine weitere Schwachstelle der Studien [2]. Beim eigenen Körpergewicht wird gerne ein wenig geflunkert, die eine oder andere teilnehmende Person lässt gerne mal ein paar Kilo unter den Tisch fallen. Ähnlich verhält es sich mit sonstigen Angaben. Möglicherweise haben Studienteilnehmer, die häufig zu Light-Limos greifen, auch etwas mehr ungesunde Snacks zu sich genommen und sich etwas weniger sportlich betätigt, als sie den Studienleitern erzählt haben. In Wirklichkeit ist ihre Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, also möglicherweise etwas höher, als ihre Antworten das vermuten lassen.

Es lässt sich dennoch nicht ausschließen, dass Süßstoffe tatsächlich Diabetes mitverursachen. Doch um das zu klären, bräuchte es weitere große und vor allem streng durchgeführte Studien.

Hintergrund Diabetes

Diabetes, genaugenommen Diabetes vom Typ 2, ist eine der verbreitetsten Wohlstandserkrankungen unserer Zeit. Wer übergewichtig ist und sich wenig bewegt, hat eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit, einmal diese Form der Zuckerkrankheit zu bekommen. Allerdings kann auch die Vererbung eine gewisse Rolle spielen [3].

Früher als Altersdiabetes bezeichnet, betrifft Typ 2 Diabetes längst nicht mehr nur alte Menschen, sondern auch schon Kinder und Jugendliche. Zwischen 45 und 59 Jahren sind etwa fünf von 100 Österreichern von der Zuckerkrankheit betroffen, bei Menschen ab 60 sind es schon 12 von 100 [4]. Diabetes vom Typ 2 macht dabei den Großteil der Diabeteserkrankungen aus.

Ursache für die Erkrankung ist, dass der Körper die Fähigkeit verliert, den aus der Nahrung stammenden Zucker aufzunehmen. Steigt nach einer Mahlzeit der Blutzuckerspiegel, produziert die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin. Dieses Hormon wirkt bei gesunden Menschen als Signal an die Körperzellen, Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Der aufgenommene Zucker wird dann entweder zur Energiegewinnung genutzt, oder aber zur späteren Verwendung gespeichert. Patienten mit Typ 2 Diabetes können den Zucker aus dem Blut jedoch kaum verwerten, da ihre Körperzellen teilweise oder sogar ganz verlernt haben, auf das Insulinsignal zu reagieren. Mediziner sprechen von Insulinresistenz.

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht am 8.3.2013. Zwei aktuellere systematische Übersichtsarbeiten [1,2] ändern die Grundaussage des Artikels nicht wesentlich]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, A. Glechner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Imamura u.a. (2015)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 17 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 38.253
Fragestellung: Erhöhen Zucker oder mit Süßstoff gesüßte Getränke sowie Fruchtsaft das Risiko für Diabetes unabhängig von Übergewicht?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren, keine der analysierten Studien wurde durch die Lebensmittelindustrie finanziert

Imamura F, O’Connor L, Ye Z, Mursu J, Hayashino Y, Bhupathiraju SN, Forouhi NG. Consumption of sugar sweetened beverages, artificially sweetened beverages, and fruit juice and incidence of type 2 diabetes: systematic review, meta-analysis, and estimation of population attributable fraction. BMJ. 2015 Jul 21;351:h3576. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Greenwood u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 9 Kohortenstudien, davon 6 zu Zucker-gesüßten Softdrinks
Fragestellung: Erhöhen Zucker oder mit Süßstoff gesüßte Getränke das Risiko für Diabetes unabhängig von Übergewicht?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Greenwood DC, Threapleton DE, Evans CE, Cleghorn CL, Nykjaer C, Woodhead C,Burley VJ. Association between sugar-sweetened and artificially sweetened soft drinks and type 2 diabetes: systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies. Br J Nutr. 2014 Sep 14;112(5):725-34. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] McCulloch DK, Robertson RP (2013). Risk factors for type 2 diabetes mellitus. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 9. 8. 2016 unter http://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-type-2-diabetes-mellitus

[4] Statistik Austria. Chronische Krankheiten und Gesundheitsprobleme 2014. Abgerufen am 9. 8. 2016 unter www.statistik.at