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Zirbenholz: Waldgeruch als Schlafhilfe?

Zirben auf der Turracher Höhe

Zirben-Möbel sehen nicht nur schön aus, sie riechen auch angenehm. Angeblich fördern sie sogar Schlaf und Gesundheit. Diese Behauptung muss nicht zwingend falsch sein, wissenschaftlich belegt ist sie allerdings nicht.

 
 

 

Frage:Wirkt Zirbenholz schlaffördernd?
Antwort:unklar
Erklärung:Diese Fragestellung hat bisher nur eine einzige kleine Studie untersucht. Deren Ergebnisse sind jedoch aufgrund zahlreicher Mängel bei der Studiendurchführung nicht vertrauenswürdig.

Erinnerungen an ausgedehnte Spaziergänge durch grüne Wälder, Bilder von weichem Moos am Boden und schattenspendende Kühle. Solche Bilder kommen vielen Menschen in den Sinn, wenn sie den Duft von frischem Holz wahrnehmen. Das Holz der hochalpinen Zirbe besitzt ein besonders intensiven Wohlgeruch. Möbel oder Wandverkleidungen aus Zirbenholz herzustellen hat daher in der Alpenregion eine lange Tradition.

Entsprechend positiv bewerben regionale Möbelhersteller ihre Zirbenprodukte. Die Palette reicht von Polstern und Decken, die mit Zirbenholzspänen gefüllt für wohligen Duft beim Schlafen sorgen, bis hin zu Betten, Kästen und Wandverkleidungen. Zirbenholz riecht aber nicht bloß gut, es soll sogar die Gesundheit fördern. Etliche Hersteller preisen etwa Zirbenbetten mit dem Versprechen an, dass das Holz den Schlaf verbessern und Schlafstörungen entgegenwirken soll.

Alles nur Marketing? Nein, sagen die Hersteller, die positive Wirkung des Zirbenholzes auf den Körper sei wissenschaftlich belegt.

Kleine Studie als Beweis?

Nach dem Durchlesen der Werbebehauptungen verschiedener Hersteller wird klar: die Quelle ist immer dieselbe kleine Studie des Joanneum Instituts in Graz. [1] Auch eine tiefreichende Suche in wissenschaftlichen Studiendatenbanken fördert keine weiteren Untersuchungen zutage. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Zirbe sind ein kärglich erforschtes Gebiet.

Zur einzigen Studie: Das Wissenschaftler-Team stellte den 15 Teilnehmer für sechs Nächte ein Bett aus Zirbenholz in deren Schlafzimmer. Für sechs weitere Nächte wurde es durch ein Bett aus Pressspanplatten im Holzdekor-Look ersetzt. Welches Bett die Teilnehmer zuerst erhielten, wurde per Los ermittelt. Lattenrost und Matratze durften die Versuchspersonen von ihrem bisher gewohnten Bett übernehmen. Über den Zweck des Versuchs wussten die Teilnehmer nicht Bescheid.

Wenig Unterschiede, mangelnde Dokumentation

Während die Probanden schliefen, zeichneten die Forscher mit einem mobilen Gerät deren Herzschläge und Hirnströme auf. Am Ende zeigte sich: der Puls der 15 Teilnehmer scheint beim Schlaf im Zirbenbett niedriger als im Spanplattenbett gewesen zu sein. Auch die Aktivität des für Ruhe zuständigen Nervensystems scheint deutlich größer zu sein. Genaue Daten liefert der Forschungsbericht [1] allerdings keine – die Ergebnisse sind daher nur bedingt nachvollziehbar.

Interessant ist zudem, dass die Werte der Teilnehmer im gewohnten eigenen Bett genauso gut zu sein schienen wie wenn sie im Zirbenbett schliefen.
Die Wissenschaftler fragten die Teilnehmer auch, wie gut und erholsam sie in jeder Nacht geschlafen hatten. Die Antworten nach Nächten im Zirbenbett unterschieden sich jedoch für viele Merkmale nicht von jenen im Holzdekorbett. Insgesamt sind die Angaben zu den Fragebögen unvollständig – die Ergebnisse erlauben daher keine definitive Aussage.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Spanplattenbetten ebenso wie die Zirbenholzbetten wenige Wochen vor Studienbeginn neu gefertigt worden waren. Es ist denkbar, dass aus den Spanplatten austretende Lösungsmitteldämpfe die Schlafqualität beeinträchtigt haben.

Ob Zirbenbetten tatsächlich für besseren Schlaf sorgen, müssen in Zukunft besser dokumentierte Studien an deutlich größeren Teilnehmerzahlen untersuchen.

 

Die Studie im Detail

Auf den ersten Blick macht die Studie einen soliden, wissenschaftlichen Eindruck. Ob die Teilnehmer zuerst im Zirben- oder im Holzdekorbett schliefen, hatte das Los entschieden. Keine Versuchsperson kannte den Zweck der Untersuchung. Zudem achteten die Autoren darauf, dass Zirbenbett und Holzdekorbett ähnlich – wenn auch nicht identisch – aussahen.

Allerdings nahmen an der Studie bloß 15 Teilnehmer teil – zu wenige, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen. Zu groß ist das Risiko, dass eventuelle Unterschiede nur durch den Zufall zustande gekommen sind.

Fehlende Nachvollziehbarkeit

Im Forschungsbericht zu ihrer Studie beeindrucken die Autoren zwar mit ausdrucksstarken Grafiken, geben aber keine konkreten Zahlen an. Auch bleibt unklar, wie stark sich die Messwerte der einzelnen Teilnehmer voneinander unterscheiden. Die Ergebnisse sind somit nicht nachvollziehbar. Da die Studie nicht in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht wurde, wurde sie auch keiner verpflichtenden Gegenprüfung durch andere Wissenschaftler unterzogen.

Nachvollziehbarkeit ist jedoch das Um und Auf wissenschaftlicher Arbeiten. Nur so lässt sich ausschließen, dass Daten und Ergebnisse fehlerhaft ausgewertet wurden. Das ist umso wichtiger, als an der Studie etliche Partner mit kommerziellen Interessen beteiligt waren, darunter etwa verschiedene Forstverbände und eine Möbeltischlerei.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Grote u.a. (2003)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie mit gekreuzten Messwiederholungen.
Teilnehmer insgesamt: 31 für Studie zur Belastungsfähigkeit, 15 in Schlafstudie (alle Teilnehmer gesund)
Fragestellung: Fördert eine Wandvertäfelung aus Zirbenholz im Gegensatz zu einer Holzdekortäfelung aus Spanplatten die subjektive Befindlichkeit, Aufmerksamkeit und Erhohlung nach körperlicher Belastung? Führt der Schlaf in einem Bett aus Zirbenholz im Vergleich zu einem Holzdekorbett aus Spanplatten zu einem tieferen, erholsameren Schlaf?
Interessenskonflikte: Projektpartner sind holzverarbeitende Betriebe

Grote v, Lackner H, Muhry F, Trapp M, Moser M. Evaluation der Auswirkungen eines Zirbenholzumfeldes auf Kreislauf, Schlaf, Befinden und vegetative Regulation. ForschungsberichtJoanneum Research, Institut für Nichtinvasive Diagnostik. 2003.

Die Studie in voller Länge