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Zimt: die Mär vom gesunden Wintergewürz

©istockphoto.com/hlphoto

Gutes Gewürz, keine Medizin

Aktualisiert: Nicht nur Blutzucker- und Cholesterinspiegel soll Zimt senken, auch allerlei Wehwehchen soll er lindern. Alles in allem sei das Gewürz ein „effektives Naturheilmittel“, so ORF.at. Durch wissenschaftliche Studien untermauern lässt sich allerdings nichts davon. Die Wirkung auf den Blutzuckerspiegel ist widerlegt. (Ursprünglich veröffentlicht am 4.2.2014)

Zeitungsartikel: Zimt der Allrounder (17.12.2013, ORF.at),
Die Heilkraft aus der Küche (4./5. 12.2013, Wiener Bezirksblatt)
Frage:Senkt Zimt den Blutzuckerspiegel bei Diabetikern?
Antwort:wahrscheinlich Nein
 
Frage:Senkt Zimt den Cholesterinspiegel?
Antwort:unklar
Erklärung:Zimt kann den Blutzuckerspiegel bei Diabetikern wahrscheinlich nicht senken. Für eine Senkung des Cholesterinspiegels gibt es keine Hinweise.

Aktualisiert am 18.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung.

Apfelstrudel, Grießbrei, Zimtschnecke – sie alle wären ohne Zimt nicht vorstellbar. Doch das Wintergewürz verfeinert nicht nur süße Speisen, es soll auch gut für die Gesundheit sein, glaubt man den Medien.

So soll Zimt den Blutzuckerspiegel senken können und den Cholesterinspiegel im grünen Bereich halten. Doch auch bei allerlei Wehwehchen kann er angeblich Linderung verschaffen, etwa bei Regelschmerzen und einer starken Regelblutung, bei Zahnschmerzen oder bei Verdauungsbeschwerden. Zusätzlich wird Zimt eine keimhemmende Wirkung bescheinigt, und sogar beim Abnehmen soll er helfen, indem er den Stoffwechsel ankurbelt. Süßer Zimtgebäck-Genuss ohne Reue also?

Mythos Blutzucker- und Cholesterin-Senkung

Etliche Tierexperimente sowie klinische Einzelstudien an menschlichen Studienteilnehmern haben die Hoffnung genährt, dass Zimt zu hohe Blutzuckerwerte senken könnte. Eine Zusammenfassung bisher durchgeführter Studien an Diabetes-Patienten zeigt aber: das stimmt wahrscheinlich nicht. So haben Diabetiker, die bis zu 16 Wochen lang ungefähr zwei Gramm Zimt-Kapseln oder -Tabletten pro Tag zu sich genommen haben, keine besseren Blutzuckerwerte als Studienteilnehmer, die Placebo-Präparate ohne Zimt eingenommen haben [1]. Diese Ergebnisse basieren allerdings auf einer Reihe kleiner Studien, eine klinische Untersuchung an einer größeren Anzahl von Teilnehmern zur Bestätigung ist noch ausständig.

Nicht belegt ist die Behauptung, Zimt könne den Cholesterinspiegel senken. Eine US-amerikanische Forschergruppe versuchte, die Resultate bisheriger randomisiert-kontrollierter Studien an Diabetikern zusammenzufassen. Dabei kamen sie zwar zu dem Ergebnis, dass Zimt die Werte des „bösen“ LDL-Cholesterins senken und die des „guten“ HDL-Cholesterins erhöhen könnte [2]. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Forschergruppe etliche wenig vertrauenswürdige Studien in die Zusammenfassung mitaufgenommen hat, nicht aber eine andere Studie von besserer Qualität.

Viele Behauptungen nie überprüft

Ein internationales Forscherteam aus den USA und Deutschland suchte nach wissenschaftlichen Studien zu allen denkbaren gesundheitlichen Vor- und Nachteilen von Zimt [3]. Dabei konnten die Team-Mitglieder für keine einzige Behandlung Hinweise auf eine Wirksamkeit von Zimt finden. Behauptungen wie die, dass Zimt bei Zahnschmerzen, Regelschmerzen oder starker Regelblutung, sowie bei Appetitlosigkeit hilft, wurden nie wissenschaftlich untersucht. Selbiges gilt für die angebliche Wirkung gegen Appetitlosigkeit, Völlegefühl, leichte Bauchkrämpfe oder Blähungen. Auch dass Zimt den Stoffwechsel anregt und beim Abnehmen helfen könnte, ist nicht mehr als eine aus der Luft gegriffene Behauptung.

Immerhin haben Forscher in Laborexperimenten eine keimhemmende Wirkung von Zimt feststellen können. Die beschränkt sich jedoch auf die Bekämpfung von Bakterien im Reagenzglas [3]. Dass Zimt gegen Infektionen helfen könnte, lässt sich daraus keinesfalls ohne geeignete klinische Studien schließen – schließlich ist das Innere eines Reagenzglases ein Vielfaches weniger komplex als der menschliche Körper mit allen seinen Stoffwechselvorgängen.

Gesundheitsbedenken durch Cumarin-Gehalt

Gesichert ist, dass der verbreitete Cassia-Zimt aufgrund des hohen Gehalts an Cumarin in großen Mengen gesundheitsschädlich sein und Leberschäden verursachen kann. Ceylon-Zimt hat einen weitaus niedrigeren Cumarin-Anteil. Die Aufnahme von bis zu 0,1 Milligramm Coumarin pro Kilo Körpergewicht pro Tag sehen Experten aber als unbedenklich an, auch wenn diese Menge ein Leben lang täglich verzehrt wird. Bei einem Erwachsenen mit 60 Kilo Körpergewicht entspricht dies etwa 2 Gramm Cassia-Zimt. Bei einem Kleinkind mit einem Gewicht von 15 Kilo wäre die tägliche Obergrenze bereits bei 0,5 Gramm erreicht. Das entspricht etwa einem halben Teelöffel Zimtpulver [4] [5].

(Autoren: B.Kerschner, J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Leach u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiet-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 1577 Patienten mit Typ 1 oder Typ 2 Diabetes
Fragestellung: Bewirkt Zimt eine Senkung des Blutzuckerspiegels bei Diabetikern?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Leach MJ, Kumar S. Cinnamon for diabetes mellitus. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9. Art. No.: CD007170. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit) http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD007170.pub2/abstract

[2] Allen u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 543 Diabetes Typ 2 – Patienten
Fragestellung: Senkt Zimt Blutzuckerwerte sowie Cholesterin- und Triglycerid-Spiegel?
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Allen RW, Schwartzman E, Baker WL, Coleman CI, Phung OJ. Cinnamon use in type
2 diabetes: an updated systematic review and meta-analysis. Ann Fam Med. 2013 Sep-Oct;11(5):452-9.

Übersichtsarbeit in voller Länge

[3] Ulbricht u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 12 randomisiert-kontrollierte Studien, 7 systematische Übersichtsarbeiten
Teilnehmer insgesamt: nicht angegeben
Fragestellung: Klinische und pharmakologische Wirkung von Zimt
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Ulbricht C, Seamon E, Windsor RC, Armbruester N, Bryan JK, Costa D, Giese N,
Gruenwald J, Iovin R, Isaac R, Serrano JM, Tanguay-Colucci S, Weissner W, Yoon H,
Zhang J. An evidence-based systematic review of cinnamon (Cinnamomum spp.) by the Natural Standard Research Collaboration. J Diet Suppl. 2011 Dec;8(4):378-454.

Zusammenfassung der Übersichtsarbeit

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Abraham K, Wöhrlin F, Lindtner O, Heinemeyer G, Lampen A. Toxicology and risk
assessment of coumarin: focus on human data. Mol Nutr Food Res. 2010 Feb;54(2):228-39.

Zusammenfassung der Übersichtsarbeit

[5] Bundesinstitut für Risikobewertung – BfR (2012). Neue Erkenntnisse zu Cumarin in Zimt. Stellungnahme Nr. 036/2012 des BfR vom 27. September 2012. Abgerufen unter:
http://www.bfr.bund.de/cm/343/neue-erkenntnisse-zu-cumarin-in-zimt.pdf