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Zahnspangen – muss Schönheit leiden?

©iStockphoto.com/nobeastsofierce

Gesunde Begradigung?

Zahnspangen machen ein schönes Gebiss, ihr Erfolg ist offensichtlich; sie sorgen dafür, dass „der Biss passt“, wie es im Standard heißt. Aber wie wirken sie sich auf die Gesundheit aus? Fördern sie Karies, schädigen sie das Zahnfleisch und führen sie zu Bandscheibenvorfällen? Oder verhindern sie all das sogar?

Zeitungsartikel: „Der Biss muss passen“ (31.3.2008, derStandard.at, bzw. auch in Print)
Frage:Haben Zahnspangenbehandlungen neben dem ästhetischen auch einen vorbeugenden medizinischen Nutzen?
Antwort:Die Langzeitfolgen von Zahnregulierungen sind noch sehr schlecht erforscht. Abgesehen von offensichtlichen Wirkungen bei extremen Fehlstellungen, sind weder für einen medizinischen Nutzen noch für ein hohes Risiko gute Belege zu finden.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Zwar ist diese Anfrage an medizin-transparent.at spannend und auch sehr konkret, aber leider nicht in vollem Umfang zu beantworten. Es ist derzeit noch nicht möglich sämtliche gesundheitlichen Folgen von Zahnregulierungen einzuschätzen, weder die positiven, noch die negativen. Einer der Gründe dafür ist, dass Zahnregulierungen in erster Linie aus ästhetischen Gründen gemacht werden und der Erfolg offensichtlich ist: Schiefe Zähne stehen wieder gerade.

Methodendiskussion statt Mundgesundheit

Erforscht wurden daher nicht die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen, sondern in erster Linie unterschiedliche Methoden: Welche Technik funktioniert schneller und effektiver? Nebenwirkungen werden oft nicht einmal erhoben [2]. Erst in den letzten Jahren richtet sich der Blick auf die Mundgesundheit, also auf das Gesamtbild, bei dem nicht nur die Ästhetik, sondern sämtliche kurz- und langfristigen Folgen betrachtet werden. 2008 versuchte eine große deutsche Studie erstmals ein solches Gesamtbild zu erfassen [1]. Das Ergebnis war für die Kieferorthopädie einigermaßen verheerend: Es wurden weder Studien gefunden, welche die langfristige Wirksamkeit untersuchten, noch welche, die sich mit der allgemeinen Mundgesundheit auseinander setzten: „Ob die Behebung von Zahnfehlstellungen eine wirksame Voraussetzung für die Erhaltung der natürlichen Bezahnung ist, kann nicht beantwortet werden“, heißt es in der Zusammenfassung. Weder sei klar, wann es überhaupt einer Regulierung bedarf („Forschung dazu fehlt nahezu gänzlich“), noch wie Kariesrisiko oder der Abbau der Zahnwurzel davon beeinflusst werden.

An dieser Studie gab es heftige und teilweise argumentativ nachvollziehbare Kritik von der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie, die auch gleich ankündigten, eine eigene systematische Übersichtsarbeit durchführen zu wollen – was bis heute allerdings nicht passiert ist.

Eine Studie von 2013, welche die Nebenwirkungen von Zahnspangen auf der mundinneren Zahnseite mit den Nebenwirkungen von auf der Außenseite angebrachten Zahnregulierungen vergleicht, findet nur sechs Studien [3]. Nebenwirkungen und Langzeitfolgen sind also deutlich zu wenig erforscht. Zwar finden sich zu einzelnen Fragestellungen Übersichtsarbeiten, aber die zeigen in erster Linie den Mangel an guten Studien [2] [4] [7].

Karies, Parodontose, Kieferschmerzen – mehr oder weniger?

Aus dem Jahr 2008 ist eine Übersichtsarbeit, die sich im ersten Schritt angeschaut hat, ob Menschen mit einer Zahnfehlstellung mehr Probleme mit dem Zahnfleisch haben und im zweiten Schritt die Folgen von Zahnregulierungen auf das Zahnfleisch [5]. Ersteres scheint tatsächlich so zu sein, je mehr Fehlstellungen, desto mehr Erkrankungen des Zahnfleisches sind vorhanden. Warum das so ist, bleibt unklar, denn die Behandlung von Fehlstellungen zeigt keine positive Wirkung, im Gegenteil. Es gibt Hinweise auf einen negativen Einfluss auf das Zahnfleisch, die Zahntaschentiefe und sogar auf den Kieferknochen. Auch eine Studie von 2010 entdeckt Hinweise auf schädlichen Einfluss von Zahnregulierungen [6]: Wurzelabbau tritt häufiger und stärker auf, besonders wenn Methoden verwendet werden, die starke Kräfte einsetzen.

Oft werden Erkrankungen der Kiefergelenke in Zusammenhang mit Zahnregulierungen gebracht, einen Nachweis in Form von Studien konnten wir nicht finden. Weder gibt es Hinweise für ein Risiko durch die Regulierung, noch dafür, dass eine Zahnregulierung Erkrankungen der Kiefergelenke vorbeugen oder behandeln kann [7][8].
Zu dem in Medien und Internetforen gelegentlich diskutierten Zusammenhang von Zahnregulierungen und Bandscheibenvorfälle fanden wir keine Studien.

Was ist schon normal?

So lange die Nebenwirkungen und die Gesamtheit der Folgen nicht erforscht sind, ist es für Patienten unmöglich, den Nutzen gegen die Kosten abzuwägen. Ab welcher Zahnfehlstellung braucht es tatsächlich eine Regulierung und was sind deren Folgen? Auch die behandelnden Ärzte verfügen über keine klaren Kriterien und können nicht über alle Folgen informieren. Da die positiven Ergebnisse sichtbar sind und die Ärzte mit den Regulierungen auch Geld verdienen, besteht eine gewisse Gefahr, dass unnötige Behandlungen durchgeführt werden und Nebenwirkungen zu wenig Beachtung finden. Dadurch entstehen Kosten und im schlimmsten Fall gesundheitliche Nachteile. Zwar lässt die aktuelle Studienlage keine hohen Risiken erkennen, aber das Problem liegt derzeit in einer viel zu schwachen Studienlage; eine gezielte Forschung ist hier dringend erforderlich, um Patienten und Ärzten eine informierte Entscheidung zu ermöglichen.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Frank u.a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit im Rahmen eines HTA im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI)
eingeschlossene Studien: 199
Fragestellung: Wirksamkeit und Nebenwirkungen von kieferorthopädischen Behandlungen
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Wilhelm Frank, Karin Pfaller, Brigitte Konta: Mundgesundheit nach kieferorthopädischer Behandlung mit festsitzenden Apparaten (Volltext der Studie)

[2] Borrie, Bearn (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 40 Fallberichte, drei Fallserien und drei retrospektive Kohortenstudien
Fragestellung: Wirksamkeit einer frühen Korrektur eines Kreuzbisses
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Early correction of anterior crossbites: a systematic review.
Borrie F, Bearn D. Early correction of anterior crossbites: a systematic
review. J Orthod. 2011 Sep;38(3):175-84.
(Zusammenfassung der Studie)

[3]Long u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 6
Fragestellung: Vergleich der Nebenwirkungen von Zahnspangen auf der mundinneren Zahnseite mit solchen auf der äußeren Zahnseite
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Comparison of adverse effects between lingual and labial orthodontic treatment
Long H, Zhou Y, Pyakurel U, Liao L, Jian F, Xue J, Ye N, Yang X, Wang Y, Lai
W. Comparison of adverse effects between lingual and labial orthodontic
treatment. Angle Orthod. 2013 Apr 12.
(Zusammmenfassung der Studie)

[4]Millett u.a. (2009, upgedated 2011))
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: Keine
Fragestellung: Behandlung des Überbisses bei Kindern
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Millett DT, Cunningham S, O’Brien KD, Benson PE, Williams A, de Oliveira CM. Orthodontic treatment for deep bite and retroclined upper front teeth in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 4. Art. No.: CD005972.
(Zusammmenfassung der Studie)

[5] Bollen (2008)
Studientyp: Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 37, 25 zur ersten Frage, 12 zur zweiten
Teilnehmer insgesamt:35300 bzw. 1415
Fragestellung: : 1. Zusammenhang von Zahlfehlstellungen mit Erkrankungen des Zahnfleisches. 2. Wirkung und Nebenwirkungen von Zahnregulierungen auf die Zahnumgebung
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Bollen AM. Effects of malocclusions and orthodontics on periodontal health:
evidence from a systematic review. J Dent Educ. 2008 Aug;72(8):912-8.
(Zusammenfassung der Studie)

[6] Weltman (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: elf
Fragestellung: Zusammenhang Kieferbehandlung und Wurzelresorption
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Root resorption associated with orthodontic tooth movement: a systematic review
Weltman B, Vig KW, Fields HW, Shanker S, Kaizar EE. Root resorption associated
with orthodontic tooth movement: a systematic review. Am J Orthod Dentofacial
Orthop. 2010 Apr;137(4):462-76; discussion 12A
(Zusammenfassung der Studie

[7] Luther ua. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: Keine
Fragestellung: Zusammenhang von Zahnregulierungen und Erkrankungen des Kiefergelenks
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Luther F, Layton S, McDonald F. Orthodontics for treating temporomandibular joint (TMJ) disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 7. Art. No.: CD006541.
(Zusammenfassung der Studie

[8] Leite ua. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 20
Fragestellung: Zusammenhang von Zahnregulierungen und Erkrankungen des Kiefergelenks
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Leite RA, Rodrigues JF, Sakima MT, Sakima T. Relationship between
temporomandibular disorders and orthodontic treatment: A literature review.
Dental Press J Orthod. 2013;18(1):150-7.
(Zusammenfassung der Studie