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Wettkampf der Genussmittel: Koffein gegen Alkohol

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Lebensverlängernde Getränke?

Niemand trinkt Alkohol oder Kaffee, um länger zu leben – aber es wäre eine angenehme Nebenwirkung. Ein Artikel in der Presse spekuliert darüber, ob Alkohol ein langes Leben begünstigt, Koffein es jedoch gefährdet.

Zeitungsartikel: Auf ein langes Leben: Alkohol stärkt es, Koffein schwächt es (2.1.2014, Die Presse)
Frage:Wirkt Alkohol lebensverlängernd? Lässt Koffein uns früher sterben?
Antwort:Sowohl für Alkohol als auch für Koffein sind eine Reihe positiver Gesundheitseffekte belegt, natürlich auch in Abhängigkeit von der Dosis. Kaffee wirkt nach derzeitiger Studienlage lebensverlängernd, für den Wirkstoff Koffein ist das nicht nachgewiesen. Ein direkter und allgemein gültiger Vergleich von Alkohol und Koffein bezüglich ihrer Wirkung auf die Lebensdauer ist nicht möglich.
Beweislage: 
Niedrige wissenschaftliche Beweislage für eine lebensverlängernde
Wirkung von Alkohol
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage zu Koffein

Grundlagenforschung ist gelegentlich schwierig zu erklären und für Außenstehende auch nicht immer interessant. Daher versucht die Berichterstattung oft schon bei Laborstudien zu beschreiben, was die Ergebnisse für den Menschen bedeuten könnten – auch wenn das eigentlich unmöglich vorherzusagen ist.

Im Artikel der Presse geht es um genetische Studien mit Hefen [a]: An den Pilzen wurde getestet, ob Koffein und Alkohol bestimmte Abschnitte des Erbguts (Telomere) verlängern oder verkürzen. Die Länge der Telomere hat wiederum möglicherweise einen Einfluss auf die Lebensdauer.

Über den Einfluss auf den Menschen und seine Lebenserwartung verrät eine solche Laborstudie allerdings rein gar nichts. Die guten und schlechten Wirkungen von Alkohol und Koffein wurden und werden anders erforscht.

Alkohol: Jenseits von Gut und Böse

Wie in unserem Artikel über Rotwein genauer beschrieben, hat maßvoller Alkoholgenuss vermutlich eine positive Wirkung auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit [2]; maßvoll bedeutet ein alkoholisches Getränk pro Tag – ein kleines Bier oder ein Achtel Wein. Alkoholische Getränke können also Genussmittel, Partydroge, Suchtmittel, Kulturgut und darüber hinaus auch noch gesund sein.

Wenig überraschend folgt hier ein dickes „Aber“: Eine narrative Übersichtsarbeit hat sich 2012 die Auswirkungen von mäßigem Alkoholkonsum auf eine Vielzahl von tödlichen Erkrankungen angeschaut: Eine endgültige Aussage, ob Alkohol gut für die Gesundheit ist, wagen die Autoren jedoch nicht. Dafür sind die Studienergebnisse zu gemischt ausgefallen, und die Forscher haben noch viele offene Fragen [3].

Vor allem aber: Alkohol-Missbrauch ist eine Gefahr. Teilnehmer von Langzeit-Beobachtungsstudien, die deutlich mehr als ein alkoholisches Getränk pro Tag zu sich nahmen, starben eher verfrüht an Herz-Kreislauf- und anderen Erkrankungen als Wenig- und Nicht-Trinker [2].
Das entspricht auch dem bisherigen medizinischen Wissen. Schließlich ist bekannt, dass Alkohol in größeren Mengen Organe schädigt und das Risiko für Krebs, Herzinfarkt und weitere Erkrankungen erhöht. Zudem führt hoher Alkoholkonsum auch zu psychischen und sozialen Problemen [b].

Wer im Durchschnitt umgerechnet täglich 60 Gramm Alkohol oder mehr trinkt, hat bereits ein um 30 Prozent erhöhtes Sterberisiko [3]. 60 Gramm Alkohol entsprechen im Durchschnitt der Menge von drei großen Bier.

Koffein: Die beliebteste Droge der Welt

Wir lieben Koffein. Kaffee und Tee versorgen 90 Prozent der Erwachsenen weltweit täglich mit der stimulierenden Substanz [c]. Koffein kann in der richtigen Dosis die Reaktionszeit verkürzen und im Falle von Müdigkeit auch andere geistigen Leistungen verbessern. Wie bereits von uns berichtet, kann Koffein das Alzheimerrisiko senken, und es hilft auch noch gegen Kopfweh [c]. Das klärt aber noch nicht, ob Koffein das Leben verkürzt oder verlängert.

Hier geben aktuelle Meta-Analysen zu Kaffee Hinweise: Ein Forscherteam aus Mailand analysierte 28 Kohortenstudien und zeigte, dass ein hoher Kaffeekonsum das Sterblichkeitsrisiko um zwölf Prozent verringert, also für ein etwas längeres Leben sorgt [4]. Auch eine weitere Meta-Analyse aus dem Jahr 2013 liefert beinahe identische Ergebnisse [5].

Das heißt noch nicht, dass es das Koffein ist, welches das Sterblichkeitsrisiko senkt; es zeigt nur, dass sich Menschen, die viel Kaffee trinken, in ihrem Risiko von Menschen unterscheiden, die wenig Kaffee trinken. Warum das so ist und welche Rolle Koffein selbst spielt, ist damit nicht geklärt – auch wenn schon gezeigt werden konnte, durch welche Mechanismen Koffein möglicherweise seine positive Wirkung entfaltet [c]. In einer der erwähnten Übersichtsarbeit wurden zusätzlich fünf Studien zu entkoffeiniertem Kaffee analysiert, und auch hier zeigt sich der gleiche Effekt. Sogar ohne Koffein sinkt das Sterblichkeitsrisiko [5].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: J. Harlfinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Brien u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 44 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 1223 (im Mittel 19 pro Studie)
Fragestellung: Auswirkung von moderatem Alkoholkonsum auf Faktoren, die das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen
Interessenskonflikte: keine angegeben.

Brien SE, Ronksley PE, Turner BJ, Mukamal KJ, Ghali WA. Effect of alcohol consumption on biological markers associated with risk of coronary heart disease: systematic review and meta-analysis of interventional studies. BMJ. 2011 Feb 22;342:d636. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Ronksley u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 84 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 2,8 Millionen
Fragestellung: Auswirkung von moderatem Alkoholkonsum auf die Wahrscheinlichkeit, Herz-Kreislauf- Erkrankungen zu erleiden
Interessenskonflikte: keine angegeben.

Ronksley PE, Brien SE, Turner BJ, Mukamal KJ, Ghali WA. Association of alcohol consumption with selected cardiovascular disease outcomes: a systematic review and meta-analysis. BMJ 2011;342:d671.

(Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Nova u.a. (2012)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: mögliche positive Auswirkungen von moderatem Alkoholkonsum
Interessenskonflikte: keine angegeben.

Nova E, Baccan GC, Veses A, Zapatera B, Marcos A. Potential health benefits of
moderate alcohol consumption: current perspectives in research. Proc Nutr Soc.
2012 May;71(2):307-15.
Zusammenfassung

[4] Malerba u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 28 prospektive Kohortenstudien
Fragestellung: Wirkt sich Kaffeekonsum auf das allgemeine Sterblichkeitsrisiko aus?
Interessenskonflikte: keine angegeben.

Malerba S, Turati F, Galeone C, Pelucchi C, Verga F, La Vecchia C, Tavani A. A
meta-analysis of prospective studies of coffee consumption and mortality for all
causes, cancers and cardiovascular diseases. Eur J Epidemiol. 2013
Jul;28(7):527-39.
Zusammenfassung

[5] Je, Giovannucci (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 20 prospektive Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt:973904
Fragestellung: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kaffeekonsum und allgemeiner Sterblichkeit?
Interessenskonflikte: keine angegeben.

Je Y, Giovannucci E. Coffee consumption and total mortality: a meta-analysis
of twenty prospective cohort studies. Br J Nutr. 2013 Nov 27:1-12.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Kupiec, M. (2014), ) Biology of telomeres: lessons from budding yeast. FEMS Microbiology Reviews.

[b] Mukamal MD (2013) Overview of the risks and benefits of alcohol consumption. In Rind DM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 7.10.2013

[c] UptoDate über Vorteile und Risiken des Koffeinkonsums