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Weizen als Ursprung aller Krankheiten

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Wächst hier die Ähre allen Übels?

Ein Amerikanischer Herzspezialist hat in seinem Buch „Weizenwampe“ den Weizen zur Ursache für eine Vielzahl von Erkrankungen erklärt. Damit landete er einen Bestseller und über einen Beitrag in der Kleinen Zeitung haben es seine Behauptungen auch zu uns auf den Prüfstand gebracht.

Zeitungsartikel: Macht Weizen dick und krank? (19.8.2013, kleinezeitung.at)
Frage:Macht Weizen dick und krank?
Antwort:Es gibt aus den aktuellen Studien keinen Beweis dafür, dass Weizen in einem speziellen Zusammenhang mit Übergewicht und dessen Folgen steht. Dem Weizen eine Sonderrolle zuzuschreiben erscheint unplausibel.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Wenn komplexe Probleme auf eine einzige Ursache geschoben werden, handelt es sich nicht selten um eine Verkaufsmasche. Ein einzelner „Bösewicht“ ist quasi das Gegenstück zum Allheilmittel – beides liefert einfache Lösungen und hat somit gute Chancen, in der Öffentlichkeit bekannt zu werden. Laut William Davis, dem Autor des Buches „Weizenwampe“, ist der Weizen schuld an Übergewicht und vielen Folgeerkrankungen. Der Buchautor greift dafür tief in die Trickkiste, zum Beispiel setzt er Weizen mit Gluten gleich – so kann er alle Wirkungen, die je Gluten zugeschrieben wurden dem Weizen direkt in die Schuhe schieben. Gluten ist ein Gemisch aus verschiedenen Eiweißen, das in Getreidesorten vorkommt. Weizen enthält tatsächlich viel Gluten und ist somit für Personen mit Glutenunverträglichkeit bzw. Zöliakie problematisch, aber das gilt auch für Roggen und in etwas geringerem Ausmaß für Gerste und Hafer. Für die meisten Menschen ist Gluten in normalem Ausmaß keine Belastung, dieser Trick reicht also noch nicht, um Weizen zur Ähre allen Übels zu machen.

Nur in der Theorie

In seinem Buch hat William Davis Platz für sehr viele Behauptungen. Er schildert zahlreiche Mechanismen, wie Weizen sich negativ auf die Gesundheit auswirken könnte: So löst Weizen unter anderem angeblich Entzündungsreaktionen aus, verstärkt den Appetit, beeinflusst die Stimmung und enthält zahlreiche Allergene. Aber selbst wenn alle diese Mechanismen korrekt beschrieben wären, heißt das noch nicht zwangsläufig, dass Weizen krank macht – das Wechselspiel aller Mechanismen ist nicht bekannt. Nur große Studien könnten den direkten Einfluss beweisen, in dem viele Menschen in ihrem Weizenkonsum gemessen und mit anderen verglichen werden. Solche Studien gibt es nicht. Aber das ist nicht das ganze Problem mit der Behauptung „Weizen macht dick und krank“. Davis ist in seiner Schilderung und seinen Argumenten sehr plakativ, aber nicht immer korrekt. Er lässt wichtige Informationen weg und interpretiert manche Studienergebnisse zu sehr im Sinne seiner Theorie. Denn zu einzelnen Behauptungen, wie Weizen oder Gluten wirken können, gibt es hunderte Untersuchungen. Eine ausführliche Kritik all seiner Standpunkte und die dazugehörige Evidenz können wir hier nicht leisten, aber zum Glück hat sich daran schon mal jemand versucht: Eine umfassende Kritik zu dem Buch „Weizenwampe“ findet sich hier [1].

Die ganz normale Wampe

Hochwertige Kohlenhydrate stellen tatsächlich viel Energie zur Verfügung – wer nicht so viel Energie verbraucht, sollte also auch nicht zu viel davon zu sich nehmen. Aber in Summe entpuppen sich die „Weizenwampe“ und all ihre Folgeprobleme als ganz normale „Wampe“ – also als Übergewicht, das entsteht, wenn zu viel gegessen und zu wenig Bewegung gemacht wird. Den Nutzen, den der Buchautor in einer weizenfreien Diät sieht, entsteht mit höherer Wahrscheinlichkeit durch die Kalorienreduktion – der Abbau von Übergewicht führt zu gesundheitlichen Verbesserungen, nicht das Weglassen von Weizen.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jones (2012)
Kritik an dem Buch „Weizenwampe“ mit ausführlicher Literaturangabe (in Englisch. J. Jones. St. Catherine University, St. Paul, MN, U.S.A. Cereal Foods World 57(4):177-189. Volltext