Infektionsgefahr durch Weihwasser?

AutorIn: Bernd Kerschner
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 24. Dezember 2020
Beim Hand Eintauchen gelangen viele Keime in das Weihwasser
Eigentlich soll Weihwasser Segen bringen. Doch darin befinden sich große Mengen an Krankheitserregern. Kann Weihwasser krank machen?
Frage:
Kann der Kontakt mit Weihwasser krank machen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
In Weihwasserbecken leben häufig Krankheitserreger. Ob der übliche Kontakt mit Weihwasser tatsächlich krank machen kann, ist jedoch nicht erforscht.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Weihwasser spielt im Christentum eine große Rolle. In jeder Kirche gibt es Weihwasserbecken, um mit dem Wasser ein Kreuzzeichen zu machen. Häufig segnen Priester Menschen oder auch Lebensmittel, Pferde und Autos durch das Besprengen mit Weihwasser.

Doch offene Weihwasserbecken bieten Mikroorganismen ideale Lebensbedingungen – etwa weil das Wasser über längere Zeit in den Becken steht, ohne ausgetauscht zu werden. Zahlreiche ungewaschene Hände, die Gottesdienst für Gottesdienst darin eintauchen, sorgen für einen stetigen Nachschub an Mikroben.

Beim Kreuzzeichen mit dem Weihwasser befeuchten viele Gläubige Finger, Oberkörper und Stirn, manche auch die Lippen. Sind die Keime im Wasser dabei ein Gesundheitsrisiko?

Krankmachende Keime

Laboruntersuchungen zeigen, dass diverse Mikroorgansimen im Weihwasser leben – darunter auch solche, die als Krankheitserreger bekannt sind, wie etwa Darmbakterien, die Durchfall auslösen können. Das fanden drei verschiedene Forschungsteams heraus, als sie Weihwasser aus katholischen Kirchen analysierten. Die Proben entnahmen sie den Weihwasserbecken von 16 Kirchen und zwei Spitalskapellen in Wien, fünf Kirchen in Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg und sieben Kirchen im spanischen Sevilla [1-3].

Die meisten Krankheitserreger fanden sie wenig überraschend in den Becken von stark besuchten Kirchen [3]. Offenbar ist das Wasser umso stärker belastet, je mehr Hände regelmäßig darin eintauchen. Bedenklich fand das österreichische Forschungsteam, dass auch das Weihwasser einer Wiener Spitalskapelle von krankmachenden Keimen besiedelt war.

Schlechte Hygiene – schlechte Gesundheit?

Die Hygiene von Weihwasserbecken ist also häufig schlecht. Unklar ist jedoch, ob die Art und Menge an Keimen darin für Gläubige überhaupt ein Gesundheitsrisiko ist. Inwiefern der übliche Kontakt mit Weihwasser krank machen kann, ist so gut wie nicht erforscht.

In speziellen Situationen könnte verkeimtes Weihwasser aber tatsächlich gesundheitsgefährdend sein. So gibt es Berichte über zwei Spitalspatienten, die wahrscheinlich dadurch schwere Infektionen bekamen. Die Ursache: Angehörige hatten sie im Spital besucht und mit Weihwasser besprengt [4,5]. Ob das keimbelastete Weihwasser aus Weihwasserbecken oder anderen Quellen stammte, ist in den Fallberichten jedoch nicht nachzulesen.

Weihwasser in der Corona-Pandemie

Auch zur Möglichkeit, sich über Weihwasser mit dem Coronavirus anzustecken, gibt es noch keine Studien. Abwegig erscheint das aus medizinischer Sicht jedenfalls nicht.

Deshalb hat Österreichische Bischofskonferenz beschlossen, dass die Weihwasser-Becken während der Corona-Pandemie leer bleiben. Das Besprengen mit frischem Weihwasser hält die kirchliche Institution jedoch für unbedenklich [6].

Gibt es Alternativen?

Bereits vor der Corona-Pandemie empfahl die katholische Kirche, dem Weihwasser Kochsalz beizumengen [2]. Bei ausreichend großen Salzmengen können sich Krankheitserreger im Wasser nicht mehr vermehren, die Keimbelastung bleibt niedrig.

Salzwasser hat auch einen Nachteil: je höher die Salzkonzentration, umso stärker wird der Marmor angegriffen, aus dem viele Weihwasserbecken bestehen. Im schlimmsten Fall wird die Hygienefrage also zum Denkmalschutz-Problem.

Eine weitere Möglichkeit, die Keimbelastung gering zu halten, ist ein automatischer Weihwasserspender. Ähnlich einem Seifenspender lässt er das geweihte Wasser in die Hand tropfen und macht das unhygienische Eintauchen der Hände überflüssig.

Form und Funktion am Steinhof

Diese Idee wurde in der Spitalskirche am Wiener Steinhof vor gut 110 Jahren umgesetzt. Hier gibt ein goldener Spender das Weihwasser tropfenweise ab – wie von Architekt Otto Wagner gewünscht. Dadurch sollte die Übertragung von Infektionen wie Tuberkulose verhindert werden.

Die Studien im Detail

Dass Weihwasserbecken häufig mit Krankheitskeimen belastet ist, zeigen drei Laboranalysen von Weihwasserproben aus insgesamt 30 katholischen Kirchen [1-3]. Dabei haben die involvierten Forschungsgruppen die Anzahl der Keime im Wasser so genau wie möglich bestimmt. Um die Ergebnisse nicht mit zusätzlichen Mikroorganismen zu verfälschen, entnahmen sie die Proben mit sterilen Pipetten und füllten sie abschließend in keimfrei gemachte Gefäße ab.

Die Laboranalysen können jedoch nicht beantworten, wieviel Kontakt mit dem Wasser notwendig ist, um krank zu werden. Unklar ist auch, wie hoch die gemessenen Keimzahlen im Wasser sein müssen, um etwa durch Berührung im Gesicht Krankheiten auszulösen. Trotz intensiver Suche fanden wir keine Studien, die dies untersucht haben.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Kirschner u.a. (2012)
Kirschner AK, Atteneder M, Schmidhuber A, Knetsch S, Farnleitner AH, Sommer R. Holy springs and holy water: underestimated sources of illness? J Water Health.2012 Sep;10(3):349-57. (Zusammenfassung der Untersuchung)

[2] Jurado u.a. (2002)
Jurado V, Ortiz-Martinez A, Gonzalez-delValle M, Hermosin B, Saiz-Jimenez C. Holy water fonts are reservoirs of pathogenic bacteria. Environ Microbiol. 2002 Oct;4(10):617-20. (Zusammenfassung der Untersuchung)

[3] König u.a. (2017)
König C, Tauchnitz S, Kunzelmann H, Horn C, Blessing F, Kohl M, Egert M. Quantification and identification of aerobic bacteria in holy water samples from a German environment. J Water Health. 2017 Oct;15(5):823-828. (Zusammenfassung der Untersuchung)

[4] Rees & Allen (1996)
Holy water–a risk factor for hospital-acquired infection. Journal of Hospital Infections. 32(1):51-5. Jan 1996 (Zusammenfassung des Fallberichts)

[5] Greaves & Porter (1992)
Greaves I, Porter KM. Holy spirit? An unusual cause of pseudomonal infection in a multiply injured patient. BMJ. 1992 Dec 19-26;305(6868):1578. (Fallbericht in voller Länge)

[6] Österreichische Bischofskonferenz (2020)
Rahmenordnung der Österreichischen Bischofskonferenz zur Feier öffentlicher Gottesdienste. Version vom 3. 12. 2020. Abgerufen am 21. 12. 2020 unter www.erzdioezese-wien.at