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Krank durch Weihwasser?

Ungesundes Weihwasserbecken?

Ungesundes Weihwasserbecken?

Der Standard berichtet von einer Studie der Medizinischen Universität Wien, die sowohl Weihwasserbecken in Kirchen als auch Wasser aus Heiligen Quellen ein schlechtes Zeugnis punkto Hygiene ausstellt. Aber kann man dadurch auch ernsthaft krank werden?

 
 

 

Zeitungsartikel: „Heilige“ Quellen und Weihwässer in Österreich sind stark verunreinigt (12.9.2013, derStandard.at)
Frage: Kann der Kontakt mit Weihwasser oder das Trinken von Wasser aus sogenannten Heiligen Quellen zu Erkrankungen führen?
Antwort: Es gibt dafür keine eindeutigen Belege
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Die Frage nach dem hygienischen Standard der Weihwasserbecken in Kirchen und Kapellen ist naheliegend. Schließlich tauchen hier unzählige Hände ein und könnten damit eine Ursache zur Weiterverbreitung von Krankheitserregern sein. Was das Team um Alexander Kirschner [1] herausgefunden hat, klingt auch alarmierend: die überwiegende Zahl der Proben, die aus Weihwasserbecken entnommen wurden, enthielt eine hohe Anzahl von Keimen. Das Wasser aus den Heiligen Quellen entsprach weitgehend nicht den für Trinkwasser geltenden Normen.

Wo liegen die Risiken?

Wichtig ist, dass man zwischen den beiden Bereichen klar unterscheidet. Wasser aus den untersuchten Quellen wird nach wie vor getrunken – was damit wesentlich schwerwiegendere Konsequenzen haben kann als das Eintauchen der Hände in ein Weihwasserbecken. Neben dem Risiko der bakteriellen Verunreinigung besteht auch die Möglichkeit der Kontamination mit anderen Substanzen, wie etwa Nitrat, das speziell für Kleinkinder als gesundheitsschädlich gilt. Dass die aktuelle Studie kein Einzelfall ist, belegt eine 2002 veröffentlichte Untersuchung [2] über Weihwasserbecken in Kirchen der spanischen Stadt Sevilla; Rees & Allen [3] wiesen bereits 1996 darauf hin, dass es für Spitalspatienten ein besonderes Risiko darstellt, in Kontakt mit keimversetztem Weihwasser zu kommen. Ähnliches berichten Greaves & Porter [4]: in dieser Fallstudie verschlechterte sich der Gesundheitszustand eines Akutpatienten auf vorerst unerklärliche Weise. Untersuchungen ergaben, dass die Ursache der zugrundeliegenden bakteriellen Infektion Weihwasser war, mit dem der Patient von einer Angehörigen besprengt wurde. Im Weihwasser wurde exakt derselbe Erreger nachgewiesen.

Edelstahl oder Kochsalz?

In vielen Kirchen werden in die steinernen Weihwasserbecken Edelstahlschalen mit Weihwasser gestellt. Dies geschieht in der Annahme, dass sich auf Edelstahloberflächen kaum Verunreinigungen ablagern. Das ist richtig, aber wie die Untersuchung der Medizinischen Universität Wien zeigt, trotzdem nicht gegen bakterielle Verunreinigung wirksam. Die Anzahl der Hände, die ins Weihwasser getaucht wird, bestimmt die Menge an Bakterien. Das heißt im Klartext: mehr Kirchgänger bedeuten höhere Keimkonzentrationen, ganz unabhängig vom Material der Schalen.

Häufig wird Weihwasser auch mit Kochsalz versetzt [2]. Der Grund dafür liegt in dessen antibakterieller Wirkung – und bei genügend Einsatz von Salz, funktioniert das tatsächlich.

Der Nachteil ist ein anderer: je höher die Salzkonzentration, desto stärker wird das Material der Weihwasserbecken davon angegriffen. Im schlimmsten Fall wird dies also ein Problem in Punkto Denkmalschutz.

Was wird empfohlen?

Die Datenlage lässt den Schluss, generell von der Verwendung von Weihwasser abzuraten, nicht zu. Gesunde Menschen haben beim oberflächlichen Kontakt, auch wenn diverse Bakterienstämme nachweisbar sind, kaum ernsthafte Folgen zu befürchten. In Krankenhäusern sollte man aber vorsichtiger damit umgehen, da das Immunsystem vieler Patienten bereits stark geschwächt ist. Als Lösung für Spitalskapellen bietet sich ein automatischer Weihwasserspender an, der Verunreinigungen konstruktionsbedingt ausschließt.

Die Sachlage bei den sogenannten Heiligen Quellen ist insgesamt wenig untersucht. Historisch betrachtet, lagen diese Quellen außerhalb der Siedlungsgebiete und waren deswegen auch weniger stark Verschmutzungen ausgesetzt. Mit fortschreitender Besiedelung und landwirtschaftlicher Nutzung hat sich das Bild natürlich geändert. So kommt es, dass diese Quellen noch ein positives, ja heilendes Image genießen, aber nicht als Trinkwasser geeignet sein müssen. Es fehlt hier auch an regelmäßigen Qualitätskontrollen, wie sie für Trinkwasserquellen vorgeschrieben sind. Die Autoren raten von der Verwendung als Trinkwasser ab.

(Autoren: C. Hahn, B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] Kirschner u.a. (2012).
Kirschner AK, Atteneder M, Schmidhuber A, Knetsch S, Farnleitner AH, Sommer R, „Holy springs and holy water: underestimated sources of illness?“, Journal of Water and Health. 10(3):349-57. Sep 2012 (Zusammenfassung des Artikels)

[2] Jurado u.a. (2002). Jurado V, Ortiz-Martinez A, Gonzalez-delValle M, Hermosin B, Saiz-Jimenez C, „Holy water fonts are reservoirs of pathogenic bacteria.“, Environmental Microbiology; 4(10):617-20. Oct. 2002 (Zusammenfassung des Artikels)

[3] Rees JC, Allen KD (1996). Holy water–a risk factor for hospital-acquired infection. Journal of Hospital Infections. 32(1):51-5. Jan 1996 (Zusammenfassung des Artikels)

[4] Greaves I, Porter KM (1992). „Holy spirit? An unusual cause of pseudomonal infection in a multiply injured patient.“ British Medical Journal. 305(6868): 1578. December 1992 (Artikel in voller Länge)