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Mythos Wasser trinken gegen Kopfschmerzen

Wasser trinken gegen Kopfweh?

Ausreichend Wasser gegen Kopfschmerzen – Mythos oder Wahrheit?

Wer ausreichend Wasser trinkt, kann damit angeblich Kopfschmerzen vorbeugen. Eine wissenschaftliche Bestätigung für diesen Mythos fehlt.

Frage:Kann erhöhter Wasserkonsum Migräne oder anderen Kopfschmerzen vorbeugen?
Antwort:unklar
Erklärung:Ob das vermehrte Trinken von Wasser Kopfschmerzen vorbeugen kann, lässt sich anhand bisher durchgeführter Studien nicht zufriedenstellend beantworten. Falls ein Effekt vorhanden ist, dürfte er aber nur sehr gering sein.

Hat man Kopfschmerzen, liegt das oft daran, dass man zu wenig getrunken hat – dieser Meinung sind viele Menschen. Tatsächlich gibt es mehrere Fallberichte von Patienten mit Migräne, deren Kopfschmerzen zurückgegangen waren, nachdem sie ihre tägliche Wasser-Trinkmenge erhöht hatten. Doch was ist dran an der dem verbreiteten Ratschlag?

Wie viel Wasser ist genug?

Basierend auf bisherigen wissenschaftlichen Studienergebnissen hat das US-amerikanische Institute of Medicine Empfehlungen zur optimalen Trinkmenge erstellt. [3] In unseren Breiten entspricht diese für Männer täglich etwa 3 Liter und für Frauen rund 2,2 Liter, wobei es sich dabei um die durchschnittliche Gesamtmenge aller Getränke handelt. Dies beinhaltet nicht nur Wasser, sondern auch Säfte, Milch und sogar koffeinhaltige Getränke.

Allerdings, so schlussfolgern die Autoren, gebe es keine ausreichenden wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass eine niedrigere tägliche Flüssigkeitsaufnahme das Risiko für verschiedene Krankheiten erhöhen kann. Zudem kann sich die optimale Trinkmenge von Person zu Person unterscheiden, und auch das Ausmaß von körperlicher Aktivität und Umgebungstemperatur spielen eine große Rolle. Daher handelt es sich bei diesen Empfehlungen nur um ungefähre Schätzungen.

Vorbeugeeffekt von Wasser unklar

Im Jahr 2011 veröffentlichten niederländischer Forscher eine Studie [1], der zufolge das Trinken von zusätzlich eineinhalb Liter Wasser pro Tag Kopfschmerzen deutlich lindern konnte.

Allerdings lassen sich aus den Ergebnissen dieser Untersuchung keine Hinweise auf eine solche Wirkung herauslesen. So führte selbst die zusätzliche tägliche Aufnahme von knapp einem Liter Wasser bei den Studienteilnehmern nicht zu weniger monatlichen Kopfschmerztagen. Auch die Menge an benötigten Schmerzmitteln konnte dadurch nicht verringert werden. Immerhin aber berichteten die Probanden von einer schwachen Verbesserung ihrer Symptome. Aus diesen Ergebnissen definitive Schlüsse zu ziehen ist jedoch verfrüht, denn aufgrund etlicher Mängel in der wissenschaftlichen Durchführung ist die Studie nur bedingt verlässlich.

Dieselbe Forschergruppe hatte bereits im Jahr 2005 [2] eine kleine Untersuchung an 18 Migränepatienten durchgeführt, jedoch ohne eine Wirksamkeit von erhöhtem Wasserkonsum feststellen zu können. Die Aussagekraft ist aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl aber nur sehr gering.

Bis zur Durchführung von strengen klinischen Studien mit einer größeren Zahl an Patienten lässt sich die Wirksamkeit von erhöhtem Wasserkonsum nicht wirklich einschätzen. Sollte vermehrtes Trinken tatsächlich Kopfschmerzen vorbeugen können, dürfte der Effekt aber nicht besonders groß sein.

Auch zuviel Wasser kann ungesund sein

Bei einer moderaten Erhöhung der Trinkwassermenge sind zumindest keine ernsthaften Nebenwirkungen zu erwarten. Vorsicht heißt es jedoch beim Trinken extrem großer Wassermengen innerhalb kurzer Zeit. Durch die Medien bekannt wurde beispielsweise der Fall einer 27-jährigen College-Studentin, die bei einem Wassertrinkwettbewerb innerhalb von drei Stunden geschätzte sieben Liter Wasser trank. Nach dem Wettbewerb klagte sie über Kopfschmerzen und Unwohlsein. Stunden später war sie tot – Diagnose Wasservergiftung.

Der Grund: das viele Wasser kann die Salz- und Mineralstoffkonzentration im Körper zu stark verdünnen. Dadurch kann es zu Übelkeit, Erbrechen und Schwindel kommen – in wenigen Extremfällen auch mit Todesfolge [4].

[Aktualisierte Version, ursprünglich veröffentlicht am 10. 9. 2012. Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung. Info zu Wasservergiftung hinzugefügt.]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Spigt u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 102 Patienten mit 5 oder mehr Kopfwehtagen pro Monat
Studiendauer: 3 Monate
Fragestellung: Hilft vermehrtes Trinken von Wasser, Kopfschmerzen vorzubeugen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „A randomized trial on the effects of regular water intake in patients with recurrent headaches“. Fam Pract. 2011 Aug;29(4):370-5.“ (Zusammenfassung der Studie)

[2] Spigt u.a. (2005)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 18 Patienten mit Migräne
Studiendauer: 12 Wochen
Fragestellung: Hilft vermehrtes Trinken von Wasser, Kopfschmerzen vorzubeugen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Increasing the daily water intake for the prophylactic treatment of headache: a pilot trial“. Eur J Neurol. 2005 Sep;12(9):715-8. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Institute of Medicine. Panel on Dietary Reference Intakes for Electrolytes and Water. Dietary reference intakes for water, potassium, sodium, chloride, and sulfate. Washington, DC: National Academics Press,2004. Erhältlich unter http://iom.edu/Reports/2004/Dietary-Reference-Intakes-Water-Potassium-Sodium-Chloride-and-Sulfate.aspx

[4] Toxnet
Toxnet – Toxicology Data Network. Water. US National Library of Medicine. Abgerufen am 30.3.2016 unter http://toxnet.nlm.nih.gov/cgi-bin/sis/search2/r?dbs+hsdb:@term+@DOCNO+8183