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Was hilft gegen Haarausfall?

Was tun bei Haarausfall?

Was tun bei Haarausfall?

Aktualisiert: Glatzen sind so häufig wie unbeliebt. Zahlreich sind auch Mittel und Methoden, die ein Wiederaufblühen der verlorenen Haarpracht versprechen – von Haarverpflanzung bis zu rezeptpflichtigen Medikamenten (siehe Die Presse). Was aber sagt die Wissenschaft? (ursprünglich veröffentlicht am 27.6.2013)
 
 

 

Zeitungsartikel: Fast ein Kleinwagen auf dem Kopf… (13. 3. 2013, Tiroler Tageszeitung)
Frage:Gibt es Methoden, die wirksam gegen hormonell bedingten Haarausfall helfen?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Neben der Eigenhaartransplantation können die Wirkstoffe Finasterid oder Minoxidil (als Lösung) helfen, beide Mittel haben jedoch Nebenwirkungen. Die Wirksamkeit anderer Mittel ist kaum oder nicht abgesichert.

Aktualisiert am 30.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien führt zu keiner inhaltlichen Änderung.

Bei manchen bilden sich die ersten Geheimratsecken bereits mit 20, andere ereilt das Schicksal lichter Stellen am Kopf erst mit 50. Selbst Frauen sind vor schütterem Haar im Alter nicht gefeit, wenn sie auch in geringerem Ausmaß als Männer betroffen sind. Einem Artikel in der Presse zufolge sei eine Eigenhaarverpflanzung die erfolgreichste Methode gegen Haarausfall. Doch stimmt das? Und wie schneiden andere Behandlungen im Vergleich dazu ab?

Perfekte Methode existiert nicht

Auch wenn es wenige Studien dazu gibt – eine Verpflanzung von Haaren scheint eine effektive Methode zur Verdichtung kahler Stellen zu sein [1] [2] [5] [6]. Bei der Eigenhaarverpflanzung werden Haarwurzel-umgebende Follikel aus dem Haarkranz des Hinterkopfs entnommen. Dort fallen die Haare selbst im hohen Alter nicht aus. An lichteren Stellen werden die Haarfollikel mittels Skalpell und Lokalbetäubung eingesetzt und lassen dort wieder Haare sprießen. Vor dem Weiterfortschreiten des Haarausfalls in benachbarten Regionen schützt die relativ teure Methode allerdings nicht.

Sehr gut abgesichert ist die Wirksamkeit des Wirkstoffs Minoxidil. Das Mittel war ursprünglich ein Medikament gegen Bluthochdruck, hat aber eine interessante Nebenwirkung: es lässt Haare wachsen. Die regelmäßige Anwendung einer 2 oder 3%igen Minoxidil-Lösung auf die Kopfhaut kann bei rund drei von zehn betroffenen Männern zu kosmetisch signifikanten Besserungen führen [6]. Auch bei Frauen mit hormonell verursachtem Haarausfall zeigt die Behandlung mit Minoxidil Wirkung. Wird die Behandlung abgesetzt, fällt das Haar allerdings wieder rasch aus. An Nebenwirkungen können Hautreizungen, Jucken, Hautentzündungen sowie Haarwuchs auch an anderen Stellen als der Kopfhaut auftreten [3].

Ebenfalls wissenschaftlich gut belegt ist die Wirkung von Finasterid [1] [2] [4] [5] [6]. Nach sechs bis zwölf Monaten zeigt sich bei rund vier von zehn Männern eine Besserung des Haarwuchses. Auch bei Finasterid gilt: Die Wirkung hält nur solange an, wie das Mittel eingenommen wird. Das zu schluckende Medikament kann in den Hormonhaushalt eingreifen. Häufige Nebenwirkungen sind Beeinträchtigungen des Sexuallebens und Erektionsstörungen bei jeweils einem von 100 Männern [4] [5]. In seltenen Fällen kann es auch zu Brustwachstum, Schmerzen in den Hoden und Depressionen kommen [6]. Gegen Haarausfall bei Frauen dürfte das Mittel hingegen nicht helfen [1] [2] [5].

Viele Behandlungen kaum belegt

Als Wundermittel gegen Haarausfall werden unzählige Mittel beworben, doch nur wenige wurden in aussagekräftigen Studien untersucht. Dazu zählt etwa der Wirkstoff Dutasterid. Es gibt Hinweise, dass der Wirkstoff hormonell bedingten Haarausfall bessern kann, denn er greift ähnlich wie Finasterid in den Hormonhaushalt ein. Die Wirksamkeit ist jedoch nicht abgesichert. Zudem sind Beeinträchtigungen des Sexuallebens wie vermindertes Lustempfinden häufige Nebenwirkungen [1] [5] [6].

Auch Laserbehandlungen könnten möglicherweise Besserung verschaffen – hochwertige Studien, die dies bestätigen, sind aber noch ausständig [5] [6]. Zu wenig oder gar nicht abgesichert ist die Wirksamkeit von Behandlungen mit Carpronium Chlorid, t-Flavanon, Adenosin, Cytopurin/Pentadecan oder Cepharantin [2] sowie Pyrithin-Zink oder Ketoconazol [5].

Diverse Vitamine, Antioxidantien, Nahrungsmittelzusatzstoffe oder Spurenelemente, die in der Werbung häufig angepriesen werden, sind den Autoren einer evidenzbasierten Leitlinie zur Behandlung von Haarausfall [1] nur unzureichend untersucht. Dies gilt auch für Planzenextrakte aus Hirse, Gingko, Aloe Vera, Ginseng und ähnlichem. Für Koffein, welches vielen Shampoos zugesetzt wird, findet sich ebenfalls kein direkter Hinweis auf eine Wirksamkeit [1].

Was ist schuld am Haarausfall?

Die Ursachen des Haarverlusts im Alter sind nur teilweise bekannt. Relativ sicher ist, dass der Haarausfall genetisch bedingt ist und vererbt wird. Vor allem bei Männern spielt das Sexualhormon Dihydrotestosteron eine große Rolle. Wissenschaftler bezeichnen diese Form des Haarausfalls (Alopecie) daher auch als androgenetische Alopecie – Androgene sind männliche Sexualhormone.

Bei etlichen Frauen kommt es im Alter zu schütterem Haar, vollständig kahle Stellen wie bei Männern sind allerdings unüblich. Über die Hintergründe des androgenetischen Haarausfalls bei Frauen herrscht weniger Klarheit. Hormone dürften aber auch in ihrem Fall die Hauptrolle spielen.

Betroffen ist unter hellhäutigen Männern aus westlichen Ländern bereits jeder zweite Fünfzigjährige. Mit 80 sind es gar nur noch ein Fünftel, die davon verschont bleiben. Asiatisch-stämmige Männer hingegen bekommen etwas seltener Glatzen. Frauen ab 70 Jahren sind etwa drei bis vier von 10 hellhäutige Frauen in Regionen wie Europa oder den USA davon betroffen [5].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Blumeyer u.a. (2011)
Studientyp: evidenzbasierte klinische Leitlinie auf Basis einer systematischen Literatursuche
Eingeschlossene Studien: 85
Fragestellung: Wirksame Maßnahmen gegen androgenetischen Haarausfall bei Männern und Frauen
Mögliche Interessenkonflikte: mehrere Autoren haben in der Vergangenheit Honorare diverser Kosmetikkonzerne erhalten.

Blumeyer A, Tosti A, Messenger A, Reygagne P, Del Marmol V, Spuls PI, Trakatelli M, Finner A, Kiesewetter F, Trüeb R, Rzany B, Blume-Peytavi U; European Dermatology Forum (EDF). Evidence-based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men. J Dtsch Dermatol Ges. 2011 Oct;9 Suppl 6:S1-57. (Zusammenfassung der klinischen Leitlinie)

[2] Tsuboi u.a. (2012)
Studientyp: Klinische Leitlinie auf Basis einer systematischen Literatursuche
Eingeschlossene Studien: Anzahl unbekannt
Fragestellung: Wirksame Maßnahmen gegen androgenetischen Haarausfall bei Männern und Frauen
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Tsuboi R, Itami S, Inui S, Ueki R, Katsuoka K, Kurata S, Kono T, Saito N, Manabe M, Yamazaki M; Guidelines Planning Committee for the Management of Androgenetic Alopecia. Guidelines for the management of androgenetic alopecia (2010). J Dermatol. 2012 Feb;39(2):113-20. (Zusammenfassung der klinischen Leitlinie)

[3] van Zuuren u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 22 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen insgesamt: 2349
Fragestellung: Wirksame Maßnahmen gegen androgenetischen Haarausfall bei Frauen
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

van Zuuren EJ, Fedorowicz Z, Carter B, Andriolo RB, Schoones J. Interventions for female pattern hair loss. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 5. Art. No.: CD007628. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Mella u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 12 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen insgesamt: 3927
Fragestellung: Wirksamkeit und Sicherheit von Finasterid gegen androgenetischen Haarausfall
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Mella JM, Perret MC, Manzotti M, Catalano HN, Guyatt G. Efficacy and safety of finasteride therapy for androgenetic alopecia: a systematic review. Arch Dermatol. 2010 Oct;146(10):1141-50. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] DynaMed. (2013, 8. März). Androgenetic alopecia. Ipswich, MA:EBSCO Publishing. Abgerufen am 7. 5. 2013 unter http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&db=dme&AN=116740&site=dynamed-live&scope=site

[6] Donovan J, Goldstein BG, Goldstein AO (2013). Treatment of androgenetic alopecia in men. In Ofori (ed.). UpToDate. Abgerufen am 7. 5. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/treatment-of-androgenetic-alopecia-in-men