Vorteil von Aspirin (ASS) im Kampf gegen Krebs unklar

3. April 2012
Nicht nur gegen Kopfweh?

Nicht nur gegen Kopfweh?

Tägliche Einnahme des Kopfwehmittels Aspirin® (auch bekannt als ASS,  Acekapton® oder Aspro®) soll vor Krebs schützen, berichten Standard und Tiroler Tageszeitung. Unklar ist allerdings, ob der geringe Vorteil im Kampf gegen Krebs das erhöhte Risiko für innere Blutungen überwiegt.

 

Medienbericht: Tägliche Einnahme von Aspirin hilft gegen Krebs (21. 3. 2012, Der Standard)
Tägliche Einnahme von Aspirin hilft laut Studien gegen Krebs (21. 3. 2012, Tiroler Tageszeitung)
Frage: Kann der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) vor Krebs schützen?
Antwort: Die tägliche Einnahme von ASS über mehrere Jahre scheint das Risiko, an Krebs zu sterben, etwas senken zu können. Allerdings steigt dabei das Risiko für starke innere Blutungen und Magenbeschwerden.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislage für die Wirksamkeit

Bei Fieber oder Kopfschmerzen ist es wohl eines der am häufigsten verwendeten Medikamente: ASS (Acetyl-Salicyl-Säure), unter anderem auch bekannt als Aspirin®, Acekapton® oder Aspro®. Nun soll das entzündungshemmende und fiebersenkende Schmerzmittel auch zur Vorbeugung von Krebs nützlich sein, schreiben Der Standard und die Tiroler Tageszeitung. So soll das Mittel nicht nur das Risiko, an Krebs zu erkranken, verringern, sondern auch noch die Bildung von Metastasen (Tochtergeschwülsten) hemmen.

Geringfügige Senkung des Krebsrisikos

Einer kürzlich veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit zufolge [1] hat die tägliche Einnahme von ASS tatsächlich eine geringfügige Reduktion des Krebsrisikos zur Folge. Unter 1000 Studienteilnehmern, die ASS zu sich nahmen, verstarben im Mittel 16 Menschen an Krebs, während es bei jenen, die nur ein unwirksames Scheinmedikament (Placebo) erhielt,19 waren.

Diese Risikoverminderung besteht allerdings nur für sogenannte Adenocarcinome, bestimmte Krebswucherungen, die sich aus Drüsengewebe gebildet haben [2]. Vor allem Todesfälle durch Dickdarm- und Speiseröhrenkrebs scheinen durch die Einnahme von ASS etwas seltener aufzutreten [3].

Damit sich ein solcher Schutzeffekt aber zeigt, muss die Einnahme von ASS täglich über mindestens 5 Jahre geschehen [1]. Wird das Medikament nur jeden zweiten Tag eingenommen, scheint es zu keiner Verringerung des Krebsrisikos mehr zu kommen. Die Verfasser zweier großer Langzeit-Studien, die in die erwähnte Übersichtsarbeit nicht miteinbezogen worden waren, fanden bei der nicht-täglichen Einnahme von ASS nämlich keine vorbeugende Wirkung [4].

Kann Ausbreitung von Krebs eindämmen

ASS scheint tatsächlich die Ausbreitung von bereits entstandenem Krebs in manchen Fällen etwas eindämmen zu können. So zeigt sich in zwei systematischen Übersichtsarbeiten [2, 3], dass Metastasen (Tochter-Krebsgeschwülste an anderen Körperregionen) bei denjenigen Teilnehmern, die regelmäßig ASS zu sich nahmen, etwas weniger oft auftreten als in der Placebo-Vergleichsgruppe.

Ob sich daraus aber auch ein Vorteil für die Behandlung von bereits bestehenden Krebsgeschwüren ergibt, ist noch unklar. Zum einen wurden dazu nur Studien untersucht, die in Großbritannien durchgeführt worden waren – daher könnte es auch sein, dass sich in Studien aus anderen Ländern vielleicht gar keine Verringerung von Krebsfällen mit Metastasen ergeben hätte. Zum anderen wurden noch kaum Untersuchungen zur eigentlichen Behandlung von Krebs mit ASS durchgeführt. Solche Untersuchungen, die die direkte Auswirkung von ASS auf die Entwicklung einer Krebserkrankung erforschen, sind zwar mittlerweile im Laufen – bis Ergebnisse vorliegen, wird aber noch einige Zeit vergehen.

Ernste Nebenwirkungen möglich

ASS wirkt nicht nur schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend – es hemmt auch die Blutgerinnung. Das kann erwünscht sein – so reduziert das Medikament beispielsweise das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden [5]. ASS greift aber auch den Magen an, was Magenirritationen und Magenblutungen zur Folge haben kann. Zudem erhöht der Wirkstoff das Risiko für schwere innere Blutungen wie etwa im Darm oder im Gehirn. So zeigte sich etwa in der systematischen Übersichtsarbeit, die die Wahrscheinlichkeit für krebsbedingte Todesfälle untersuchte [1], in den ersten drei Jahren der täglichen ASS-Einnahme ein deutlich erhöhtes Risiko für solch schwere innere Blutungen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür mit den weiteren Jahren der Einnahme wieder zurückging.

Aus diesem Grund empfiehlt zum Beispiel die US Preventive Services Taskforce die regelmäßige Einnahme von ASS zur Vorbeugung von Herzinfarkten oder Schlaganfällen nur unter Vorbehalten, obwohl die Verringerung des Risikos für solche Herz-Kreislauf-Erkrankungen gut belegt ist [4].

Nachteile könnten bei Krebsvorbeugung überwiegen

Auch wenn das Risiko für schwere innere Blutungen nach drei Jahren wieder zurückzugehen scheint, ist unklar, ob der geringe Vorteil, den die tägliche Einnahme von ASS auf die Krebswahrscheinlichkeit hat, überwiegt. Vor allem, da ein solcher Vorbeugeeffekt sich offenbar erst nach mindestens fünf Jahren der Einnahme bemerkbar zu machen scheint.

Einen weiteren unklaren Punkt stellt die Tatsache dar, dass die zusammengefasst analysierten Studien eigentlich nur das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle untersuchten. Auf die Beantwortung der Fragestellung, ob die Langzeit-Einnahme von ASS auch das Krebsrisiko senken kann, waren diese Untersuchungen nie ausgelegt – ihre Ergebnisse wurden erst im Nachhinein daraufhin analysiert. Daher kann es sein, dass Krebs-bezogene Informationen in diesen Studien nicht vollständig festgehalten wurden .

Medizinische Wissenschaftler des britischen Nationalen Gesundheits-Service NHS raten daher von einer täglichen Einnahme von ASS selbst in niedriger Dosierung ab, wenn dies nicht ausdrücklich von einem Arzt verschrieben wurde. Für eine solche Empfehlung sei es noch zu früh (siehe hier).

(für den Inhalt verantwortlich: B. Kerschner, M. Strobelberger, K. Thaler)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Rothwell, Price u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 51 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: insgesamt 77 549 Personen
Fragestellung: Auswirkung der täglichen Einnahme von Acetylsalicylsäure auf Krebshäufigkeit und -sterblichkeit.

Titel: Short-term effects of daily aspirin on cancer incidence, mortality, and non-vascular death: analysis of the time course of risks and benefits in 51 randomised controlled trials. Lancet. 2012 Mar 20. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Rothwell, Wilson u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien aus Großbritannien
Teilnehmer: 17 285
Fragestellung: Auswirkung der täglichen Einnahme von Acetylsalicylsäure auf die Metastasierung.

Titel: ”Effect of daily aspirin on risk of cancer metastasis: a study of incident cancers during randomised controlled trials“. Lancet. 2012 Mar 20. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Algra & Rothwell (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 45 Kohorten-Studien und 150 Fall-Kontroll-Studien
Teilnehmer: 19 692 Personen (randomisiert-kontrollierte Studien), 41 575 (Kohortenstudien) und 141 577 (Fall-Kontroll-Studien)
Fragestellung: Auswirkung der täglichen Einnahme von Acetylsalicylsäure auf Krebssterblichkeit und Metastasierung.

Titel: “Effects of regular aspirin on long-term cancer incidence and metastasis: a systematic comparison of evidence from observational studies versus randomised trials”. Lancet Oncol. 2012 Mar 20. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Chan AT & Cook NR (2012). Are we ready to recommend aspirin for cancer prevention? Lancet. 2012 Mar 20. Kommentar. (online – kostenpflichtig)

[5] US Preventive Services Task Force (2009). Aspirin for the prevention of cardiovascular disease: U.S. Preventive Services Task Force recommendation statement. Ann Intern Med. 2009 Mar 17;150(6):396-404.  (Arbeit im Volltext)

Post to Twitter Post to Facebook