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Vom Einzeller in den Selbstmord getrieben?

Katzen können Toxoplasmose übertragen

Katzen können Toxoplasmose übertragen

Der Parasit Toxoplasma gondii steht seit einigen Jahren im Verdacht, etwas mit der Selbstmordrate von Menschen zu tun zu haben. Ein berechtigter Verdacht, der sich allerdings nur schwer fassen lässt.

Zeitungsartikel: Toxoplasmose könnte Selbstmorde bei Frauen auslösen (05.07.2012, Der Standard)
Frage:Hat der Parasit Toxoplasma gondii Einfluss auf die Selbsmordrate?
Antwort:Inzwischen zeigen einige Studien eine Verbindung zwischen der Infektion mit dem Einzeller T. gondii und einer höheren Selbstmordrate. Ob jedoch der Parasit tatsächlich Einfluss hat, ist noch nicht geklärt, denn auch ein dritter Faktor ist denkbar, der sowohl die Infektionsrate als auch die Selbstmordrate beeinflusst.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür einen Zusammenhang

Toxoplasma gondii ist ein einzelliger Parasit, er lebt innerhalb der Zellen seines Wirtes – das sind bei T. gondii normalerweise Katzen. Dort können sich die Einzeller vermehren, gelangen sie jedoch in den Menschen, ist das für sie eine Sackgasse. Zwar verschwinden sie nicht restlos, sondern bilden kleine abgekapselte Zysten in Muskel- und Nervengewebe, aber für die Menschen ist das zumeist ungefährlich. Es zeigen sich nur selten Symptome. Allerdings wird seit einiger Zeit darüber spekuliert, ob der Parasit das menschliche Verhalten verändert. Dass T. gondii Ratten und Mäuse manipuliert ist nachgewiesen, aber hat der Organismus auch tatsächlich Einfluss auf die Selbstmordrate beim Menschen?

Vom Einzeller gesteuert?

Es ist eine gruselige Vorstellung, dass Menschen, von einem einzelligen Parasiten geleitet, sich entscheiden, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Trotzdem finden sich inzwischen einige Studien die einen solchen Schluss zumindest in den Bereich des Möglichen rücken [1][2][3][4][5][6]. 2009 verglichen Timothy Arling und sein Team 99 Patienten mit Stimmungsstörungen, die schon Selbstmordversuche begangen hatten, mit 119 Patienten mit Stimmungsstörungen ohne Selbstmordversuch und mit 39 gesunden Teilnehmern. Es zeigte sich, dass bei Patienten, die Selbstmordversuche begangen hatten, eine höhere durchschnittliche Konzentration von Antikörpern gegen T. gondii zu finden sind [2]. Ein weiterer Hinweis ergibt sich aus der Gegenüberstellung der Zahl von Selbstmorden mit der Verbreitung der Infektion: So zeigen die Zahlen von 20 europäischen Staaten: Je verbreiteter der Parasit, umso höher ist die Selbstmordrate [4]. Solche Zusammenhänge aus Populationsdaten beweisen aber noch nicht, dass der Parasit dieses Verhalten auslöst. Es könnte unzählige Faktoren geben, die Einfluss auf das Ergebnis haben. Beispielsweise könnte ein Persönlichkeitsmerkmal sowohl die Wahrscheinlichkeit für Selbstmord beeinflussen als auch die Wahrscheinlichkeit sich mit T. gondii zu infizieren. Bisher war noch keine Studie in der Lage, solche Faktoren auszuschließen und eine direkte Wirkung von T. gondii zu beweisen.

Die im Zeitungsartikel zitierte Studie [1] findet zwar ebenfalls einen Zusammenhang von Infektion und Gewalt gegen sich selbst bei Müttern, doch auch diese Studie kann denkbare andere Einflussfaktoren nicht ausschließen. Der Standard schreibt von einem „50 Prozent höherem Suizidrisiko“;, ein genauer Blick auf die Studie zeigt jedoch, dass das Risiko für gegen sich selbst gerichtete Gewalt um 50 Prozent zunimmt, nicht das Selbstmordrisiko. Die absoluten Zahlen für Suizid:. Von den über 45.000 beobachteten Frauen waren knapp über 12000 mit Toxoplasmose infiziert. Es haben insgesamt 78 Frauen versucht sich gewalttätig das Leben zu nehmen, 18 haben tatsächlich Selbstmord begangen, acht davon waren infiziert, zehn nicht.

So lange über den Wirkmechanismus nur spekuliert werden kann, ist ein direkter Einfluss von T. gondii auf das Suizidverhalten von Menschen nicht gesichert.

(Beinahe) unschuldige Katzen

Die im Zeitungsartikel zitierte Studie [1] untersuchte nicht Katzenbesitzerinnen, wie es der erste Satz im Standard-Artikel nahelegt, die Infektionsquelle spielte keine Rolle. Auch falls ein Zusammenhang von Infektionen mit Toxoplasma gondii und Selbstmord bestehen sollte, ist das noch kein Grund, sich von seiner Hauskatze zu trennen. Bei der Übertragung spielen Katzen nur eine untergeordnete Rolle [7], in den gefundenen Studien werden sie kaum thematisiert. Die Infektion verbreitet sich hauptsächlich über schlecht gewaschenes Obst und Gemüse und über nicht vollständig gegartes Fleisch. Gute Hygiene bei der Reinigung des Katzenklos mit anschließendem Händewaschen ist aber auf jeden Fall anzuraten und schwangeren Frauen, die noch keine Toxoplasmoseinfektion hatten, wird von Kontakt zu Katzen abgeraten – was aber nichts mit dem Selbstmordrisiko zu tun hat.

Hintergrund: Parasit beeinflusst Wirt

Wie kamen die Forscher überhaupt auf die Idee, nach solchen Zusammenhängen zu suchen? In der Biologie gibt es zahlreiche Beispiele, wie Parasiten das Verhalten ihrer Wirte so steuern, dass sie davon profitieren. T. gondii ist ein eindrucksvoller Fall: Mäuse, die mit dem Einzeller infiziert sind, verlieren die Angst vor Katzenurin, sie fühlen sich von dem Geruch sogar angezogen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von einer Katze gefressen zu werden. So sorgt der Parasit dafür, dass er letztlich wieder in einer Katze landet, wo er sich fortpflanzen kann [8]. Da T. gondii sich auch beim Menschen im Gehirn einnistet, liegt der Schluss nahe, dass auch hier das Verhalten beeinflusst wird. Geschätzte 2,5 Milliarden Menschen tragen die Infektion.

(Autoren: J. Wipplinger, B. Kerschner, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Pedersen u.a. (2012)
Studientyp: : Kohortenstudie
Teilnehmer: 45788 Frauen, die zwischen 1992 und 1995 ein Kind bekommen haben
Fragestellung: Existierte ein Zusammenhang zwischen gegen sich selbst gerichtete Gewalt und einer Infektion mit Toxoplasma gondii?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Pedersen MG, Mortensen PB, Norgaard-Pedersen B, Postolache TT. Toxoplasma
gondii infection and self-directed violence in mothers. Arch Gen Psychiatry. 2012

(Zusammenfassung der Studie)

[2] Arling ua (2009)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmer: 218 Patienten mit Stimmungsstörungen, 39 Gesunde
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Antikörpern gegen T. gondii und Selbstmordversuchen bei Patienten mit Stimmungsstörungen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Arling TA, Yolken RH, Lapidus M, Langenberg P, Dickerson FB, Zimmerman SA,
Balis T, Cabassa JA, Scrandis DA, Tonelli LH, Postolache TT. Toxoplasma gondii
antibody titers and history of suicide attempts in patients with recurrent mood
disorders. J Nerv Ment Dis. 2009 Dec;197(12):905-8.

(Zusammenfassung der Studie)

[3] Ling ua. (2011)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: Suizid und Infektionsdaten aus 20 europäischen Nationen
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Infektion mit T. gondii und der Selbstmordrate bei Frauen
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Ling VJ, Lester D, Mortensen PB, Langenberg PW, Postolache TT. Toxoplasma
gondii seropositivity and suicide rates in women. J Nerv Ment Dis. 2011
Jul;199(7):440-4.

(Zusammenfassung der Studie)

[4] Lester (2010)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: Suizid und Infektionsdaten aus 20 europäischen Nationen
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Infektion mit T. gondii und der Selbstmordrate
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Lester D. Brain parasites and suicide. Psychol Rep. 2010 Oct;107(2):424.

[5] Okusaga ua (2012)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmer: : 950 Patienten mit Schizophrenie
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Antikörpern gegen T. gondii und Selbstmordversuchen bei Patienten mit Stimmungsstörungen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Okusaga O, Langenberg P, Sleemi A, Vaswani D, Giegling I, Hartmann AM, Konte
B, Friedl M, Groer MW, Yolken RH, Rujescu D, Postolache TT. Toxoplasma gondii
antibody titers and history of suicide attempts in patients with schizophrenia.
Schizophr Res. 2011 Dec;133(1-3):150-5.

(Zusammenfassung der Studie)

[6] Zhang ua (2012)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Teilnehmer: : : 54 Personen, die einen Selbstmordversuch begangen hatten mit 30 zufällig ausgewählten Personen
Fragestellung: Zusammenhang zwischen T. gondii Antikörper-Konzentration und überlebten Selbstmordversuchen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Zhang Y, Träskman-Bendz L, Janelidze S, Langenberg P, Saleh A, Constantine N,
Okusaga O, Bay-Richter C, Brundin L, Postolache TT. Toxoplasma gondii
immunoglobulin G antibodies and nonfatal suicidal self-directed violence. J Clin
Psychiatry. 2012 Aug;73(8):1069-76.

(Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] Sparkes (2012)
Kommentar zu Katzen und der Übertragung von Toxoplasmose.

Sparkes A. Elevated suicide risks, cats and toxoplasmosis. Vet Rec. 2012 Sep
22;171(12):303.

[8]Der fremde Wille
(abgerufen am 28.2.2013)