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Vollmond und Schlaf

©iStockphoto.com/DreamFramer

Voller Mond, schlechter Schlaf?

Aktualisiert: Laut einem Artikel auf Orf.at haben Forscher den Einfluss des Vollmonds auf die Schlafqualität nachgewiesen. In ihren Träumen haben sie das vielleicht tatsächlich, in ihrer Studie eher nicht. (Ursprünglich veröffentlicht am 14.08.2013)

Zeitungsartikel: Ist doch der Vollmond schuld? (26.7.2013, orf.at)
Frage:Wirkt sich der Vollmond negativ auf den Schlaf aus?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Von den vielen Studien, die den Einfluss des Mondes auf menschliches Verhalten erkunden, widmen sich nur wenige dem Schlaf. Aktualisiert: Eine Studie von Juni 2014 mit relativ großen Datensätzen zeigt keinen Einfluss der Mondphasen auf den Schlaf.

Dem Mond wird wirklich alles in die himmlischen Schuhe geschoben – er ist der perfekte Sündenbock: immer da, sich zyklisch verändernd und wehrlos gegen jede Form von Zuschreibung. Kein Wunder also, dass die Mondmythen zahlreich und kaum auszurotten sind, egal wie eindeutig die Beweislage ist. Und für manche biologischen Prozesse scheint er ja auch tatsächlich Taktgeber zu sein. Wirkt er also auch auf das menschliche Schlafverhalten?

Erste Evidenz für Vollmondwirkung auf Menschen?

Die Autoren einer jüngst veröffentlichten Studie [1] sind sich dessen ziemlich sicher und behaupten, den ersten verlässlichen Nachweis erbracht zu haben, dass sich die Mondphase auf den menschlichen Schlaf auswirkt. Doch die Studie wird dieser kühnen Behauptung in keiner Weise gerecht.

Die Studienautoren behaupten, dass um die Zeit des Vollmonds herum, die Schlafzeit um 20 Minuten kürzer wird, sich die Einschlafzeit um fünf Minuten verlängert und sich die Tiefschlafphasen um 30 Prozent verkürzen.
Doch allein schon die geringe Zahl an Teilnehmern (33) und der kurze Beobachtungszeitraum (max. zwei Nächte pro Teilnehmer) schränken die Aussagekraft enorm ein. Die Forscher haben Daten einer alten Studie nochmals ausgewertet, die ursprünglich Effekte von Alter auf den Schlaf untersuchen sollte. Das heißt unter anderem auch, dass sie die Rahmenbedingungen nicht auf einen Versuch zu Mondphasen abgestimmt haben und ihnen daher wichtige Informationen fehlen. Sie wissen nicht, wer von den Teilnehmern „mondgläubig“ war oder wem die aktuelle Mondphase zur Studienzeit bekannt war. Die Beweiskraft dieser Studie ist also äußerst dürftig, doch was sagen andere Studien?

Aktualisiert: Am 16. Juni 2014 sind zwei neue Studien erschienen, die beide eine Reaktion auf [1] sind: Ein Team analysierte die Schlaf-EEGs von 47 Teilnehmern und behauptet ebenfalls einen Einfluss des Mondes zu finden [6]. Doch in einigen Punkten unterscheiden sich die gefunden Zusammenhänge massiv und auch die Methodik der Studie wirkt nicht vertrauenswürdig. Deutlich interessanter ist die zweite Studie: Hier hat ein großes Forscherteam gezielt versucht, die Ergebnisse von [1] anhand größerer Datenmengen zu überprüfen. Den Forschern standen dafür die Aufzeichnung von drei unabhängigen Studien zu Verfügung, zwei aus München und eine aus Basel. Insgesamt analysierten sie tausenden Schlaf-EEGs von insgesamt 1265 Studienteilnehmern. Dabei fanden sie keinen Einfluss der Mondphase auf irgendein Schlafmerkmal, also weder auf die Schlaflänge, noch auf die Einschlafdauer, noch auf die REM-Phasen [7].

Vollmond – voll egal?

Zwar haben sich zahlreiche Studien mit dem Einfluss des Mondes auf den Menschen befasst (siehe nächster Absatz), aber nur wenige untersuchten direkt die Wirkung auf das Schlafverhalten. Eine Studie aus 2006 [2] findet zwar einen Einfluss der Mondphasen auf das Schlafverhalten, aber auch hier wurden nur 31 Personen über einen Zeitraum von sechs Wochen getestet und auch hier wurde ursprünglich eine andere Frage untersucht. Im Widerspruch dazu steht eine österreichische Studie [3], in der die Schlaftagebücher von 195 Gesunden und 196 Kranken ausgewertet wurden. Ergebnis: Weder bei den Gesunden noch bei den Kranken findet sich ein Zusammenhang zwischen der subjektiven Schlafqualität und irgendeiner Mondphase.

Widerlegte Mythen

Zwei Psychologen und ein Astronom haben bereits 1986 eine Zusammenfassung über alle wissenschaftlichen Arbeiten zum Einfluss vom Mond auf Menschen verfasst. 1997 erschien eine aktualisierte Version [4] – mit Bezug auf ihre Meta-Analyse von 37 Arbeiten und insgesamt weiteren 82 Studien kommen die drei Autoren zu dem Schluss, dass keine ursächliche Verbindung zwischen den Mondphasen und menschlichem Verhalten besteht. Beispielsweise werden weder um den Vollmond herum mehr Kinder geboren, noch steigen die Kriminalitätsraten oder die Zahl der Notrufe.
Eine Übersichtsarbeit von 2008 [5] kommt zum gleichen Schluss, auch hier finden die Autoren keine überzeugenden Hinweise von einem Einfluss des Mondes auf menschliches Verhalten.

Unsterbliche Mythen

Die Autoren der ersten großen Übersichtsarbeit [4] spekulierten bereits über die Gründe, warum trotz der wissenschaftlichen Beweislage der Glaube an die Kraft des Vollmonds sich so hartnäckig hält: Tradition, die Medien, Unwissen über physikalische Zusammenhänge und systematische Denkfehler sind ihrer Meinung nach die Ursachen. So spielt beispielsweise selektive Wahrnehmung eine große Rolle, man bemerkt, wenn bei Vollmond etwas Seltsames passiert und erinnert sich daran. Die ereignislosen Vollmondnächte werden nicht registriert. Wenn Menschen etwas Ungewöhnliches beobachten, suchen sie nach einer schnellen und einfachen Erklärung – der groß am Himmel stehende Vollmond ist da häufig die erste Option. Außerdem neigen Menschen dazu, zufällige Ereignisse so zu interpretieren, dass sie ihren Glauben bestätigen. Wer also schon an die Wirkung des Mondes glaubt, wird immer wieder Hinweise dafür finden.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Cajochen u.a. (2013)
Studientyp: Laborexperimente
Studienteilnehmer: 33
Fragestellung: Hat die Mondphase Einfluss auf die Schlafqualität?
Mögliche Interessenkonflikte: Mitfinanziert von Velux.

Cajochen C, Altanay-Ekici S, Münch M, Frey S, Knoblauch V, Wirz-Justice A.
Evidence that the Lunar Cycle Influences Human Sleep. Curr Biol. 2013 Jul 23.
(Zusammenfassung der Studie)

[2] Röösli u.a. (2006)
Studientyp: Auswertung von Schlaftagebüchern
Fragestellung: Hat die Mondphase Einfluss auf die Schlafqualität?
Mögliche Interessenkonflikte: Keine angegeben.

Röösli M, Jüni P, Braun-Fahrländer C, Brinkhof MW, Low N, Egger M. Sleepless
night, the moon is bright: longitudinal study of lunar phase and sleep. J Sleep
Res. 2006 Jun;15(2):149-53
(Zusammenfassung der Studie)

[3] Klösch, Zeitlhofer (2003)
Studientyp: Auswertung von Schlaftagebüchern
Studienteilnehmer insgesamt: 391
Fragestellung: Hat die Mondphase Einfluss auf die Schlafqualität
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben
(Studie im Volltext)

[4] Kelly ua (1997)
Studientyp: nicht-systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 119, 37 in der Meta-Analyse
Fragestellung: Hat die Mondphase Einfluss auf das menschliche Verhalten?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben
(Studie im Volltext)

[5] Foster, Roennebert (2008)
Studientyp: nicht-systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 36
Fragestellung: : Einfluss von täglichen und jährlichen Rhythmen und vom Mondzyklus auf den Menschen
Mögliche Interessenkonflikte: Mitfinanziert von der Daimler-Benz-Stiftung.

Foster RG, Roenneberg T. Human responses to the geophysical daily, annual and
lunar cycles. Curr Biol. 2008 Sep 9;18(17):R784-R794.
(Zusammenfassung der Studie)

[6] Smith ua. (2014)
Studientyp: rückblickende Auswertung von Schlaf-EEGs
Teilnehmer: 47
Fragestellung: : Beeinflusst der Mondzyklus den Schlaf?
Mögliche Interessenkonflikte: Keine angegeben.

Smith M, Croy I, Persson Waye K. Human sleep and cortical reactivity areinfluenced by lunar phase. Curr Biol. 2014 Jun 16;24(12):R551-2. (Zusammenfassung der Studie)

[7] Cordi ua. (2014)
Studientyp: Auswertung von Schlaf-EEGs von drei unabhängigen Studien
Teilnehmer insgesamt: 1265
Fragestellung: : Beeinflusst der Mondzyklus den Schlaf?
Mögliche Interessenkonflikte: Keine angegeben.

Cordi M, Ackermann S, Bes FW, Hartmann F, Konrad BN, Genzel L, Pawlowski M,Steiger A, Schulz H, Rasch B, Dresler M. Lunar cycle effects on sleep and thefile drawer problem. Curr Biol. 2014 Jun 16;24(12):R549-50. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

Der Mond und die Gezeiten, erklärt vom Scienceblogger Florian Freistetter scienceblogs.de