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Vitamin E – Schutz oder Bedrohung?

©iStockphoto.com/og-vision

Tötet Vitamin E?

Aktualisiert: Vitamin E wird eine Wirkung als Anti-Aging-Wundermittel nachgesagt. Hohe Dosen sollen dem Standard zufolge das Risiko für einen verfrühten Tod aber sogar erhöhen. Ist das das Aus für Wunderdoktor E? (ursprünglich veröffentlicht am 27.5.2013)

Zeitungsartikel: Vitamin E: Hochdosiertes Risiko (8.5.2013, DerStandard.at)
Frage:Erhöhen Vitamin E-Präparate die Wahrscheinlichkeit frühzeitig zu sterben?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Die Studien zu diesem Thema sind sehr uneinheitlich. Dennoch besteht die Möglichkeit, dass Vitamin E das Sterberisiko erhöht. Eine Meta-Analyse warnt vor hoch dosierten Vitaminpräparaten.

Aktualisiert am 24.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung.

Leicht und günstig zu haben, landet Vitamin E bei vielen Menschen als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Speiseplan. Einige der positiven Auswirkungen des Vitamins werden mittlerweile angezweifelt. Die zusammengefasste Analyse bisheriger Studien sieht keine Anzeichen dafür, dass Vitamin E lebensverlängernd wirkt [1][2].

Hohe Dosierungen schaden

Ein Artikel auf DerStandard.at warnt vor Vitamin E-Aufnahmen, die 400 oder mehr Internationale Einheiten* am Tag betragen. Er bezieht sich dabei auf eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2005. Diese untersuchte 19 Studien daraufhin, wie sich hohe Vitamin E Dosierungen auf die Sterblichkeit auswirken. Das Ergebnis: In der Gruppe der Vitamin E beziehenden Personen treten mehr Todesfälle auf als in der Vergleichsgruppe ohne Vitaminzusätze.

Das Ergebnis lässt zwar aufhorchen, relativiert sich aber, wenn man etwas tiefer in die Studie blickt: Die Teilnehmer litten bereits an einer chronischen Erkrankung und waren zwischen 47 und 86 Jahre alt. Ob demnach ein entsprechender Effekt auch bei gesunden und jüngeren Menschen auftritt, ist nicht klar. Außerdem waren die eingeschlossenen Studien klein und wurden nicht auf Qualität geprüft [1].

Laut des deutschen Bundesamtes für Risikobewertung ist eine hoch dosierte Aufnahme von Vitamin E als Nahrungsergänzungsmittel mit einem erhöhten Blutungsrisiko verbunden; für Patienten mit Blutgerinnungsstörungen stellt Vitamin E ein Gesundheitsrisiko dar. Auch eine Wechselwirkung zwischen Vitamin E und anderen Medikamenten ist kritisch und kann schaden [3].

Neuere Ergebnisse

Was in den Medien als neue Erkenntnis gehandelt wird, ist in Wahrheit schon vor acht Jahren veröffentlicht worden und somit veraltet. Für eine gute Evidenz sind neuere Ergebnisse nötig. Diese liefert eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2012. Sie umfasst 78 Studien, die als qualitativ hochwertig gelten. Im Gegensatz zur Meta-Analyse aus dem Jahr 2005 bezogen die Autoren das Sterberisiko hier nicht auf die Dosierung von Vitamin E. Dennoch unterstützt die Arbeit die Aussage von 2005. Auch aus dieser Meta-Analyse resultiert eine leicht erhöhte Sterbezahl durch Vitamin E-Präparate. In der Studiengruppe, die synthetische Vitamin E-Präparate einnahmen, starben von 97 523 Personen 11 689; in der Kontrollgruppe ohne Vitamin E-Einnahme starben 7561 von 73 721 Personen. Dadurch errechnet sich bei Vitamin E-Zufuhr ein um drei Prozent erhöhtes Risiko frühzeitig zu sterben [2]. Diese Risikoerhöhung ist jedoch nur bedingt abgesichert, da die Ergebnisse nicht eindeutig interpretierbar sind.

Alpha-Tocopherol – Die natürliche Variante

Es gibt acht natürliche Substanzen, die unter den Begriff Vitamin E fallen. Das Alpha-Tocopherol ist die am besten untersuchte Form. Fast 90 Prozent des Vitamin E im menschlichen Organismus bestehen aus dieser Verbindung. Wichtigste Funktion ist seine antioxidative Wirkung. Vitamin E schützt die Zellmembranen im Körper vor Oxidation, indem es aggressive Sauerstoffradikale einfängt.

Bei einer gemischten Ernährung kommt praktisch kein Vitamin-E-Defizit vor. Nur bei langen fettreduzierten Diäten können eventuell Mangelerscheinungen auftreten. Der Bedarf an Vitamin E ist von individuellen Ernährungsgewohnheiten und den Lebensumständen abhängig. Er steigt mit der Aufnahme an ungesättigten Fettsäuren, in der Schwangerschaft und Stillzeit. Auch bei Rauchern ist der Bedarf an Vitamin E erhöht. Es gibt demnach keine einheitlichen Empfehlungen zum täglichen Bedarf an Vitamin E. Die maximal empfohlene Tagesdosis liegt aber mit 1500 Einheiten deutlich über den 400 Einheiten der zitierten Studien [4].

 

 

* Die Internationale Einheit: Eine mit IE (oder IU für international unit) abgekürzte Maßeinheit, die besonders im Bereich der Medizin eingesetzt wird. Sie wird für eine reproduzierbare Dosierung der Präparate anhand ihrer Wirkung eingesetzt.

Internationale Einheiten in IUNatürliches Vitamin E in mgSynthetisches Vitamin E in mg
 1 0,67 0,45
 400 268180

(Autoren: K. Regnat, B. Kerschner, J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] ] Miller u.a. (2005)
Studientyp: Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 19
Studienteilnehmer: 135967
Studiendauer: 1,4 – 8,2 Jahre
Fragestellung: Auswirkung von hoch dosiertem Vitamin E auf Streberate.
Mögliche Interessenskonflikte: Zuschüsse von Roche

Miller ER 3rd, Pastor-Barriuso R, Dalal D, Riemersma RA, Appel LJ, Guallar E. Meta-analysis: high-dosage vitamin E supplementation may increase all-cause mortality. Ann Intern Med. 2005 Jan 4;142(1):37-46. (Zusammenfassung der Meta-Analyse)

[2] ] Bjelakovic (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane-Collaboration
Eingeschlossene Studien: 78 randomisierte Studien
Studienteilnehmer: 296 707
Studiendauer: 28 Tage bis 12 Jahre
Fragestellung: Auswirkung der Einnahme von Antioxidantien (Vitamin A, Beta-Carotin, Vitamin C, Vitamin E und Selen) auf die Lebensdauer im Vergleich zu Placebo oder keiner Einnahme.
Mögliche Interessenskonflikte: Keine

Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, Simonetti RG, Gluud C. Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 3. Art. No.: CD007176. DOI: 10.1002/14651858.CD007176.pub2. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Deutsches Bundesamt für Risikobewertung Abgerufen am 27.05.2013

[4] UpToDate zu Vitamin E (Zugang erforderlich) Abgerufen am 27.05.2013