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Vitamin D und das Immunsystem – was stimmt?

Stärkt Vitamin D das Immunsystem?

Stärkt Vitamin D das Immunsystem?

Ist ein Mangel des „Sonnen-Vitamins“ schuld daran, dass wir im Winter häufiger krank sind? Auch wenn manche Studien einen Zusammenhang sehen – die Einnahme von Vitamin D – Präparaten dürfte das Erkältungsrisiko nicht verringern.

 
 

 

Zeitungsartikel: Hormon-Hype: Ist Vitamin D wirklich so toll wie behauptet? (16.2.2013, Profil.at)
Frage: Stärken Vitamin D – Präparate bei Gesunden das Immunsystem?
Antwort: Die vorbeugende Einnahme von Vitamin D – Präparaten dürfte die Wahrscheinlichkeit für Atemwegsinfektionen eher nicht verringern. Eine mögliche Stärkung des Immunsystems ist nicht nachgewiesen.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Nicht-Wirksamkeit

Trübe Tage und nasskaltes Wetter – die idealen Voraussetzungen für Husten, Schnupfen, Fieber und Halsweh. Warum Erkältungen und Grippe gerade in der sonnenarmen Jahreszeit auftreten, scheint für manche Wissenschaftler längst klar zu sein: Die Ursache soll ein Mangel an Vitamin D sein. Der Körper kann das Vitamin zwar selbst herstellen, dazu muss die Haut jedoch Sonnenlicht ausgesetzt sein – was in der kalten Jahreszeit eher selten der Fall ist. Tatsächlich ist der Vitamin D – Blutspiegel laut Österreichischem Ernährungsbericht 2012 [5] bei 14 Prozent der Erwachsenen deutlich zu niedrig. Nur etwas mehr als die Hälfte (59 Prozent) wiesen dem Bericht des Gesundheitsministeriums zufolge ausreichende Mengen des Vitamins im Blut auf.

Ein Artikel in der Online-Ausgabe von Profil hinterfragt die Praxis, Vitamin D als Allheilmittel einzusetzen. Medienberichten zufolge seien Vitamin D – Präparate ein wahres Wundermittel zur Stärkung des Immunsystems sowie zur Vorbeugung von Infektionskrankheiten, Krebs oder Diabetes.

Vermeidung von Erkältungen nicht nachgewiesen

Die Anzahl aussagekräftiger Studien, die sich mit der Vorbeugung von Atemwegsinfektionen durch Vitamin D – Präparate beschäftigen, ist überschaubar. Die Verfasser einer kürzlich veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeit [1] haben nach intensiver Suche nur sieben solcher Studien gefunden, deren Ergebnisse sie in ihrer Arbeit zusammenfassen. Das Ergebnis ist enttäuschend: Wer regelmäßig Vitamin D – Präparate einnimmt, scheint dennoch nicht seltener an Atemwegsinfektionen zu erkranken als Personen, die kein Vitamin D schlucken. Das gilt jedoch mit einer Einschränkung: am Großteil der Studien haben nur Menschen teilgenommen, die zu Studienbeginn einen relativ ausgeglichenen Vitamin D – Spiegel hatten. Ob Personen mit sehr niedrigen Vitamin D -Werten im Blut durch vorbeugende Vitamineinnahme seltener krank werden, wurde hier also nicht untersucht. Ganz generell weisen die Autoren der Übersichtsarbeit darauf hin, dass die Gesamtzahl der Studien mit rund 4800 Teilnehmern noch zu gering sein könnte, um eine wirklich sichere Aussage zu machen.

Schwedische Wissenschaftler haben in einer eigenen systematische Übersichtsarbeit etwas mehr Studien zu dieser Fragestellung analysiert [2]. Ihre zusammengefassten Ergebnisse scheinen zwar darauf hinzudeuten, dass Vitamin D – Präparate das Risiko für Atemwegsinfektionen tatsächlich senken können. Allerdings haben die Forscher auch Studien mit fragwürdiger Qualität in ihre Analyse miteingeschlossen – das Ergebnis ist also nicht vertrauenswürdig.

Als Wundermittel überbewertet

Über Vitamin D wird nicht nur behauptet, dass es das Immunsystem stärkt und so vor Krankheiten schützt – sogar Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen soll es vorbeugen können. Dafür gibt es jedoch keinerlei Hinweise. In einer zusammenfassenden Analyse der Ergebnisse von 50 randomisiert-kontrollierten Studien fand sich kein Hinweis darauf [3]. Untersucht worden waren knapp 100.000 ältere Menschen, die meisten davon Frauen über 70 Jahren. Unter denjenigen, die regelmäßig Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel zu sich nahmen, starben nicht weniger an Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen als Studienteilnehmer, die ein Scheinmedikament (Placebo) einnahmen. Die Autoren einer anderen systematischen Übersichtsarbeit [4] kommen zu dem Schluss, dass bisher veröffentlichte Studien nicht klar zeigen, ob Vitamin D Krebs vorbeugen kann.

Dass Vitamin D vor Allergien schützen kann, wie im Profil behauptet, ist keinesfalls belegt. Einzelne Wissenschaftler vermuten durch Vitamin D – Präparate sogar eine mögliche Erhöhung des Allergierisikos (siehe Allergieauslöser Vitamin D? ). Ebenfalls wissenschaftlich nicht belegt ist die Aussage, dass Vitamin D – Mangel eine häufige Ursache für Fehlgeburten wäre (siehe Vitamin D in der Schwangerschaft). Ein Zusammenhang mit Unfruchtbarkeit ist bisher kaum untersucht.

Was Vitamin D wirklich kann

Vitamin D ist für gesunde Knochen unerlässlich, auch Muskeln und das Immunsystem benötigen es, um einwandfrei zu funktionieren [6] [7]. Unser Körper kann das Vitamin mithilfe von Sonnenlicht in der Haut selbst erzeugen. So reichen bei einem hellhäutigen Kleinkind schon 30 Minuten Sonne in der Woche, wenn es nichts außer einer Windel trägt. Doch gerade in den dunklen Wintermonaten ist die Sonne zu wenig stark, um ausreichende Mengen davon zu produzieren. Das Vitamin kann jedoch auch mit der Nahrung aufgenommen werden, es findet sich besonders in fetthaltigem Fisch und zu einem geringeren Teil in Eiern.

Ein Mangel an Vitamin D kann zu einer verringerten Knochendichte führen und bei Kindern eine Knochenerweichung (Rachitis) verursachen. Zur Vorbeugung dieser Mangelerscheinung bekamen Kinder früher oft Lebertran verabreicht – eine ölige Flüssigkeit, die aus Fischleber hergestellt wird und hohe Mengen an Vitamin D beinhaltet.

Bei alten Menschen kann Vitamin D in Kombination mit Kalzium vor Knochenbrüchen schützen und wird deshalb oft bei geringer Knochendichte verschrieben [4]. Alte Menschen haben (ähnlich wie Kleinkinder) häufig einen erniedrigten Vitamin D – Spiegel [5]. Gerade bei älteren Menschen – vor allem Frauen über 70 Jahren – zeigte sich, dass die längerfristige Einnahme von Vitamin D die Sterblichkeit geringfügig senken kann [3].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Mao & Huang (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 4827 Kinder und Erwachsene
Fragestellung: Kann die präventive Einnahme von Vitamin D – Präparaten das Risiko für Atemwegsinfektionen senken?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Mao S, Huang S. Vitamin D supplementation and risk of respiratory tract infections: A meta-analysis of randomized controlled trials. Scand J Infect Dis. 2013 Sep;45(9):696-702. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Bergman u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 5660
Fragestellung: Senkt die vorbeugende Einnahme von Vitamin D – Präparaten das Risiko für Atemwegsinfektionen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Bergman P, Lindh AU, Björkhem-Bergman L, Lindh JD. Vitamin D and Respiratory Tract Infections: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. PLoS One. 2013 Jun 19;8(6):e65835. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Bjelakovic u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 50 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 94.148 ältere Menschen (Durchschnittsalter 74 Jahre, vorwiegend Frauen)
Fragestellung: Kann die Einnahme von Vitamin D – Präparaten die Sterblichkeitsrate bei Erwachsenen senken?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Bjelakovic G, Gluud LL, Nikolova D, Whitfield K, Wetterslev J, Simonetti RG, Bjelakovic M, Gluud C. Vitamin D supplementation for prevention of mortality in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 7. Art. No.: CD007470. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Chung u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 19 randomisiert-kontrollierte Studien (3 zu Krebsprävention und 16 zur Prävention von Knochenbrüchen)
Fragestellung: Kann die präventive Einnahme von Vitamin D – Präparaten das Risiko für Knochenbrüche sowie Krebs senken?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Chung M, Lee J, Terasawa T, Lau J, Trikalinos TA. Vitamin D with or without calcium supplementation for prevention of cancer and fractures: an updated meta-analysis for the U.S. Preventive Services Task Force. Ann Intern Med. 2011 Dec 20;155(12):827-38. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Elmadfa (2012). Österreichischer Ernährungsbericht. Bundesministerium für Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ernährungswissenschaften, Universität Wien. (Bericht in voller Länge)

[6] Pazirandeh S, Burns DL (2013). Overview of vitamin D. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30. 10. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/overview-of-vitamin-d

[7] Bouillon R (2013). Vitamin D and extraskeletal health. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30. 10. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/vitamin-d-and-extraskeletal-health