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Vitamin D in der Schwangerschaft

Vitamin D für Schwangere nötig?

Vitamin D für Schwangere nötig?

Zahlreiche Medien (z.B. Der Standard) empfehlen eine zusätzliche Aufnahme von Vitamin D während der Schwangerschaft, um Komplikationen bei Mutter und Kind zu verhindern. Doch ist eine derartige Nahrungsergänzung effektiv?

Zeitungsartikel: Fast alle Schwangeren mit Vitamin D unterversorgt (23.5.2013, derStandard.at)
Frage:Kann eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D während der Schwangerschaft Komplikationen verhindern?
Antwort:Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass eine zusätzliche Aufnahme von Vitamin D während der Schwangerschaft Komplikationen verhindern kann. Größere und methodisch bessere Studien sind nötig, um eine Beweislage zu schaffen.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Knapp 40 Prozent aller Österreicher haben einen zu niedrigen Vitamin D – Spiegel laut österreichischem Ernährungsbericht 2012 [6]. Als Risikogruppen gelten Kleinkinder, Senioren, „Stubenhocker“ sowie schwangere und stillende Frauen. Vitamin-D-Mangel in der Schwangerschaft steht im Verdacht, zu Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie (Bluthochdruck) oder Frühgeburten zu führen. Kann die Aufnahme von Vitamin D bei Schwangeren diese Komplikationen verhindern?

Eine Studie zeigte, dass von 177 schwangeren Europäerinnen 129 einen zu geringen Level an Vitamin D hatten [4]. Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) in Großbritannien empfiehlt für Schwangere und Stillende eine generelle Vitamin-D-Supplementierung [7]. Diese Empfehlung wird nun von Experten in Frage gestellt, da gute Studien dazu Mangelware sind.

Dünne Studienlage

Eine systematische Übersichtsarbeit [1] prüfte den Zusammenhang zwischen einer Vitamin D-Einnahme und verschiedensten Krankheitsbildern bei Mutter und Kind, die durch einen Vitamin D-Mangel während der Schwangerschaft entstehen könnten. Dazu zählen Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck der Mutter sowie Fehlbildungen im Skelett des Kindes wie: Minderwuchs und zu geringes Geburtsgewicht. Die Autoren der Übersichtsarbeit fanden nur fünf Studien mit insgesamt 623 Teilnehmerinnen; nur eine davon war methodisch gut. Keine einzige Studie beschäftigt sich mit einem Zusammenhang zwischen einer Vitamin D-Gabe und Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie (Bluthochdruck) oder Frühgeburten.

Was die Übersichtsarbeit bestätigen kann, ist, dass eine Einnahme von Vitamin D Präparaten in der Schwangerschaft auch den Vitamin D-Spiegel der werdenden Mütter erhöht. Allerdings sind die Ergebnisse der einzelnen Studien sehr unterschiedlich. Die Wahrscheinlichkeit für ein zu geringes Geburtsgewicht konnte die Vitamineinnahme in drei Studien nicht signifikant verringern.

Insgesamt ist noch unklar, ob eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D während der Schwangerschaft Komplikationen verhindern kann. Das liegt auch daran, dass nicht klar ist, ob ein Mangel an Vitamin D überhaupt eine Ursache für solche Geburtsprobleme ist.

Komplikationen bei Vitamin D-Mangel

Die zusammengefasste Analyse bisheriger Studien [2],[3] findet einen Zusammenhang zwischen einem Vitamin D-Mangel in der Schwangerschaft und dem Risiko für Geburtskomplikationen. So haben Schwangere mit Präeklampsie oder Schwangerschaftsdiabetes häufig einen zu niedrigen Vitamin D-Spiegel. Auch bei Frühgeburten und Minderwuchs des Kindes ist häufig ein Vitamin D-Mangel bei der Mutter vorhanden [2].
Es gibt also durchaus eine Verbindung zwischen Schwangerschaftskomplikationen und einem Vitamin-D-Mangel. Ein Zusammenhang bedeutet aber noch keine Ursache. Da eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D bisherigen Studien zufolge nicht effektiv zu helfen scheint, können auch andere, noch unbekannte Faktoren für diese Probleme verantwortlich sein.

Hintergrund: Vitamin D

Vitamin D ist das einzige Vitamin, dass der Körper mit Hilfe von Sonnenlicht selbst produzieren kann, es kann aber auch mit der Nahrung aufgenommen werden. Für gesunde Muskeln und das Immunsystem ist Vitamin D unerlässlich, es ist aber auch wichtig für die Knochengesundheit. Ein Mangel an Vitamin D kann demnach zu einer verringerten Knochendichte führen und bei Kindern eine Knochenerweichung (Rachitis) verursachen.

Wirkt auf die Haut ausreichend Sonnenlicht ein, lässt sich ein Mangel leicht vermeiden. Nur bei geringer Sonneneinstrahlung im Winter könnte es zu Mangelerscheinungen kommen. Dann kann Vitamin D zusätzlich über die Nahrung, durch fettreichen Fisch, Lebertran oder künstlich angereicherte Lebensmittel aufgenommen werden [5].

Bei einer exzessiven Einnahme von Vitamin D kann es durch den Anstieg von Kalzium im Blut zu Verwirrtheit, vermehrtem Durst, Harndrang, Übelkeit und Muskelschwäche kommen. Eine lang anhaltende Überdosierung kann zum Knochenabbau, Schmerzen und Nierenschäden führen. Bei Kindern kann zu viel Vitamin D sogar Gehirnschäden hervorrufen. Ab wann man von einer Überdosis spricht ist umstritten, doch es gelten 100 Mikrogramm am Tag für Kinder, Erwachsene und schwangere Frauen als maximal tolerierbare Menge [8].

(Autoren: K. Regnat, J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] De-Regil (2012)
Studientyp: Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: sechs (fünf Studien betrachten nur VitD, eine Studie betrachtet VitD und Kalzium)
Studienteilnehmer insgesamt: 1023
Fragestellung: Kann eine Vitamin D-Supplementierung während der Schwangerschaft Risiken reduzieren?
Mögliche Interessenkonflikte: Keine.

De-Regil LM, Palacios C, Ansary A, Kulier R, Peña-Rosas JP. Vitamin D supplementation for women during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 2. Art. No.: CD008873 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Shu-Qin Wei (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 24 (8 zu Präeklampsie, 6 zu SGA, 12 zu GDM, 5 zu Frühgeburt)
Studienteilnehmer insgesamt: 12898
Fragestellung: Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin D während der Schwangerschaft und Präeklampsie, Minderwuchs (SGA), Schwangerschaft-Diabetes (GDM) und Frühgeburten.
Mögliche Interessenkonflikte: Keine.

Wei SQ, Qi HP, Luo ZC, Fraser WD. Maternal vitamin D status and adverse pregnancy outcomes: a systematic review and meta-analysis. J Matern Fetal Neonatal Med. 2013 Jun;26(9):889-99. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Aghajafari (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 31 (10:Schwangerschaftsdiabetes, 9:Präeklampsie, 3: bakterielle Vaginose, 2:Kaiserschnitt, 10 Geburtsgröße)
Teilnehmer insgesamt: 22 261
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Vitamin D Status und Komplikationen während der Schwangerschaft sowie Geburtsgrößen.
Mögliche Interessenkonflikte: Keine.

Aghajafari F, Nagulesapillai T, Ronksley PE, Tough SC, O’Beirne M, Rabi DM. Association between maternal serum 25-hydroxyvitamin D level and pregnancy and neonatal outcomes: systematic review and meta-analysis of observational studies. BMJ. 2013 Mar 26;346:f1169. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Wuertz ua (2013)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studienteilnehmer: 262 Mütter und 328 Neugeborene
Studiendauer: 2010 bis 2012
Fragestellung: Einfluss verschiedener Faktoren auf den Vitamin D-level in schwangeren Frauen und im Nabelschnurblut der Kinder.
Mögliche Interessenkonflikte: Keine

Wuertz C, Gilbert P, Baier W, Kunz C. Cross-sectional study of factors that influence the 25-hydroxyvitamin D status in pregnant women and in cord blood in Germany. Br J Nutr. 2013 May 23:1-8. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Misra (2013)
Vitamin D insufficiency and deficiency in children and adolescents. UpToDate
http://www.uptodate.com/contents/vitamin-d-insufficiency-and-deficiency-in-children-and-adolescents

[6] Österreichischer Ernährungsbericht 2012.
http://www.bmg.gv.at/cms/home/attachments/4/5/3/CH1048/CMS1348749794860/oeb12.pdf

[7] National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) in Großbritannien
http://www.nice.org.uk/newsroom/features/MakingSurePregnantAndBreastfeedingWomenReceiveVitaminD.jsp

[8] Pazirandeh (2012). Overview of vitamin D. UpToDate http://www.uptodate.com/contents/overview-of-vitamin-d?source=preview&anchor=H6&selectedTitle=9~150#H6