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Schützt Kaffee vor Demenz und Co.?

Schutz aus der Tasse? Kaffe schützt möglicherweise vor geistigem Verfall.

Schutz aus der Tasse? Kaffe schützt möglicherweise vor geistigem Verfall.

Kaffee ist ein beliebter Wachmacher. Einige Studien weisen darauf hin, dass Kaffee das Hirn möglicherweise auch langfristig frischhält, indem er das Risiko für Demenz und Co. senkt

 

Frage:Verringert Kaffee das Risiko für Demenzerkrankungen?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag schützen möglicherweise langfristig vor geistigem Verfall. Mehr sollte es nicht sein. Unklar ist, woher diese Wirkung kommt und, ob andere koffeinhaltige Getränke möglicherweise ebenfalls schützen könnten.

Einige Studien an Mensch und Tier weisen darauf hin, dass Koffein unser Hirn ankurbelt [3][4]: Schnellere Reaktionszeiten, mehr Konzentration und bessere Gedächtnisleistungen seien möglich. Kein Wunder, dass laut Statista im Jahr 2012 etwa 60 Prozent aller Österreicher mehr als einmal täglich zur Kaffeetasse greifen. Wissenschaftler aus Finnland wollen sogar herausgefunden haben, dass regelmäßiges Kaffeetrinken das Hirn möglicherweise auch langfristig frisch hält, in dem es vor Demenzerkrankungen schützt [1][2]. Kann das stimmen?

Die Dosis macht‘s

Mit genau dieser Frage hat sich ein chinesisches Forscherteam auseinandergesetzt. Die Wissenschaftler haben nach allen relevanten Studien zum Thema gesucht und die Ergebnisse in einer sogenannten systematischen Übersichtsarbeit zusammengefasst. Insgesamt konnten sie sich so Daten von knapp 35.000 Über-60-Jährigen aus neun Einzelstudien anschauen. Die Forscher verglichen den Kaffeekonsum der Studienteilnehmer mit dem späteren Auftreten kognitiver Störungen wie Demenz oder Alzheimer[1].

Und tatsächlich konnten die Wissenschaftler einen positiven Zusammenhang feststellen, allerdings scheint dieser Effekt vor allem eine Frage der Kaffee-Dosis zu sein: Am seltensten trat der geistige Verfall im Verlauf der Studie bei Menschen ein, die am Tag durchschnittlich ein bis zwei Tassen tranken. Gehäuft entwickelten sowohl jene Personen eine Demenz, die nur wenig bis gar keinen Kaffee tranken, als auch solche, die am Tag mehr als drei Tassen des belebenden Heißgetränks zu sich nahmen.

Ergebnisse möglicherweise verzerrt

Täglich ein oder zwei Tassen Kaffee schützen also vor Alzheimer und Co? So einfach ist das nicht. Denn was sich die chinesischen Wissenschaftler angeschaut haben, waren sogenannte Kohortenstudien. Diese Studienart ist lediglich in der Lage, Zusammenhänge aufzuzeigen. Sie kann nicht ausschließen, dass in Wirklichkeit andere Gründe für das niedrigere Risiko verantwortlich sind. Beispielsweise könnten gerade jene Personen kaum oder gar keinen Kaffee trinken, weil sie gesundheitliche Probleme haben und glauben, ihrem Körper so etwas Gutes zu tun. Von einigen gesundheitlichen Problemen ist jedoch bekannt, dass sie das Demenz-Risiko erhöhen können [6].

Auch weitere Faktoren könnten das Ergebnis der Studie ebenfalls verzerrt haben. So ist eine Tasse ist in Europa ein anderes Maß als etwa in den USA, und auch der Kaffee ist in verschiedenen Ländern verschieden stark. Da die einbezogenen Studien stammen aus verschiedenen Ländern stammen, sind Verzerrungen bei der Messung sind möglich. Möglich ist außerdem, dass die Studienteilnehmer ihren Angaben zum täglichen Kaffeekonsum etwas geflunkert haben. Zudem hatten die Forscher den Kaffeekonsum nur zu Anfang der Studien festgestellt. Änderungen im Konsumverhalten wurden nicht weiter erfragt – auch nicht bei den sehr langen Studien mit einer Nachverfolgung von bis zu 21 Jahren.

Koffein als Schutzfaktor?

Unklar ist auch, woher diese mögliche Schutzwirkung kommt. Ist es das Koffein oder tragen andere Inhaltsstoffe im Kaffee auch zur Risikoreduktion bei? Haben andere koffeinhaltige Getränke einen ähnlichen Effekt? Diese Fragen konnte auch eine ältere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2009 nicht klären [2]. In der Arbeit haben Forscher die Auswirkung von Kaffee, aber auch anderen koffeinhaltigen Getränken auf den demenzbedingtem Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit zusammengefasst. Aus den Daten von insgesamt elf Einzelstudien schlossen die Wissenschaftler, dass Menschen die viel Koffein zu sich nehmen ein um rund ein Sechstel (16%) verringertes Risiko für eine Demenz aufwiesen. Umgelegt auf absolute Zahlen entspräche dies einer Reduktion von 54 auf rund 45 von 1000 Demenzpatienten über 60 Jahren.

Ungeklärt ist, ob die möglicherweise präventive Wirkung von Koffein oder eventuell von anderen Inhaltsstoffen im Kaffee oder Tee ausgeht. Die Studie deutet aber daraufhin, dass speziell die im Kaffee enthaltenen Substanzen einen Anteil an diesem möglichen Schutzeffekt haben, da Kaffee als einziges koffeinhaltiges Getränk in allen elf Einzelstudien der systematischen Übersichtsarbeit berücksichtigt wurde. Für Tee war das nicht der Fall.

Ursache für Schutzwirkung nicht ablesbar

Wie für die Übersichtsarbeit der chinesischen Wissenschaftler ist aber auch hier Vorsicht angesagt. Denn auch hier ist möglich, dass eventuell andere Gründe als koffeinhaltige Getränke für die Risikominderung verantwortlich sind.  Außerdem gilt für Studien, dass Äpfel nicht mit Birnen verglichen werden sollen. Wenn Studien sehr unterschiedlich aufgebaut sind, oder verschiedene Patientengruppen und Fragestellungen in den Fokus nehmen, wird es schwierig die Studien untereinander zu vergleichen und in einer Übersichtsarbeit eine klare Aussage zu treffen. Genau dieses Problem räumen die Autoren dieser Übersichtsarbeit ein.

Weitere Studien sind notwendig

Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen, die täglich eine moderate Menge Kaffee trinken, langfristig weniger gefährdet sind, an einer kognitiven Störung zu erkranken. Dieser Zusammenhang muss aber durch weitere Studien bestätigt werden. Außerdem gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass nur Kaffee diese Schutzwirkung hat. Unklar ist, ob der mögliche Effekt vom Koffein allgemein oder von anderen Inhaltsstoffen des Kaffees ausgeht.


[Aktualisierte Version, ursprünglich veröffentlicht am 18.4.2011. Eine aktuelle Übersichtsarbeit [1] brachte inhaltlich nur geringfügige Änderungen.]

(AutorIn: A. Kliem, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wu et al. (2016)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 9 Kohortenstudien
Studienteilnehmer insgesamt: 7284
Fragestellung: Welchen Einfluss hat Kaffee in welcher Dosierung auf das Risiko für kognitive Störungen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Wu L, Sun D, He Y. Coffee intake and the incident risk of cognitive disorders: A dose-response meta-analysis of nine prospective cohort studies. Clin Nutr. 2016 May 30. pii: S0261-5614(16)30111-X. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Santos et al. (2009)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 2 Fall-Kontroll-Studien, 9 Kohortenstudien
Fragestellung: Welchen Einfluss hat der Konsum koffeinhaltiger Getränke auf das Auftreten von kognitivem Verfall und Demenz?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Santos C, Costa J, Santos J, Vaz-Carneiro A, Lunet N. Caffeine intake and dementia: systematic review and meta-analysis. J Alzheimers Dis. 2010;20 Suppl 1:S187-204. doi: 10.3233/JAD-2010-091387. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Arendash GW, Schleif W, Rezai-Zadeh K, Jackson EK, Zacharia LC, Cracchiolo JR, et al. Caffeine protects Alzheimer’s mice against cognitive impairment and reduces brain beta-amyloid production. Neuroscience 2006;142:941e52.

[4] Yoshimura H. The potential of caffeine for functional modification from cortical synapses to neuron networks in the brain. Curr Neuropharmacol 2005;3:309e16.

[5] Eskelinen MH, Ngandu T, Tuomilehto J, Soininen H, Kivipelto M. Midlife coffee and tea drinking and the risk of late-life dementia: a population-based CAIDE study. J Alzheimers Dis. 2009;16(1):85-91.

[6] UpToDate (2016)Larson EB. Risk factors for cognitive decline and dementia. In Eichler AF (ed.) UpToDate. Abgerufen am 9. 8. 2016 unter http://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-cognitive-decline-and-dementia