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Verhütungskettchen: vergleichbar mit Spirale oder Pille?

Ungeborenes im Ultraschall

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[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 20. 7. 2011] Als innovatives Verhütungsmittel angepriesen, wird dem „Verhütungskettchen“ Gynefix® in einem Artikel der Tageszeitung „Österreich“ eine mit der Antibabypille vergleichbare Sicherheit zugesprochen. Bei Gynefix® handelt es sich um eine Kette aus Kupfergliedern, die vom Arzt in die Gebärmutter eingelegt und in der Gebärmutterdecke befestigt wird. Eine systematische Literaturrecherche ergibt, dass die Effektivität der Verhütung sowie Nebenwirkungen des Verhütungskettchens mit denen kupferhältiger, hormonfreier Spiralen zu vergleichen sind. Da kein direkter Vergleich mit der Verhütungseffektivität der Antibabypille existiert, kann die Frage, ob die Verhütungsleistung des Kettchens mit der der „Pille“ vergleichbar ist, nicht zufriedenstellend beantwortet werden.

Zeitungsartikel: Verhütungskettchen: So sicher wie Pille (Österreich, 8. 7. 2011, mittlerweile offline), Verhütungs-Kettchen schützt ohne Hormone (Österreich, 26. 8. 2010)
Frage:Ist das Verhütungskettchen Gynefix® genauso wirkungsvoll zur Verhütung wie die Antibabypille oder die „Spirale“?
Antwort:Das 6-gliedrige kupferhältige Verhütungskettchen Gynefix® ist in der Verhütungswirkung vergleichbar mit anderen kupferhältigen Intrauterinpessars („Spiralen“). Ein Vergleich mit der Verhütungseffektivität der Antibabypille ist durch unsere Recherche nicht zufriedenstellend möglich.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die prinzipielle Wirksamkeit

[Aktualisierte Version vom 8.5.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Als „Durchbruch der modernen Kontrazeption“ wird in der Tageszeitung „Österreich“ (vom 8. 7. 2011) das Verhütungskettchen Gynefix® vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine der hormonfreien kupferhältigen „Spirale“ (einem sogenannten intrauterinen Pessar) ähnliche, ebenfalls hormonfreie Vorrichtung in Form einer Kette aus 4 oder 6 Kupfergliedern. Diese hat allerdings keinen T-förmigen Rahmen, sondern wird direkt in der Gebärmutterdecke verankert, ein Vorgang, der vom Arzt durchgeführt wird und Erfahrung mit dem Einsetzen voraussetzt.

Das Verhütungskettchen wurde bereits vor über 10 Jahren mit dem Ziel entwickelt, Nebenwirkungen wie Schmerzen und starke Blutungen, wie sie bei anderen kupferhältigen (hormonfreien) Spiralen auftreten, zu verringern. Gynefix® wurde ohne Rahmen entwickelt, da vermutet wurde, dass in der T-förmigen Rahmenform der Spiralen der Hauptgrund für Nebenwirkungen liegt.

Laut Österreich ist das Verhütungskettchen genauso sicher wie die Antibabypille. In einer systematischen Literaturrecherche überprüften wir diese Behauptung und verglichen außerdem die Effektivität der Verhütung im Vergleich zu kupferhältigen, ebenfalls hormonfreien intrauterinen Pessars.

Ergebnis

Einer systematischen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration zufolge (O’Brien & Marfleet, 2008) ist die Verhütungseffektivität des 6-gliedrigen Gynefix®-Verhütungskettchens vergleichbar mit jener des kupferhältigen Intrauterinen Pessars („Spirale“) TCu380 beziehungsweise TCu380A (Für die Beurteilung des kleineren, 4-gliedrigen Kettchens liegen nicht ausreichend aussagekräftige Daten vor).

In 2 der insgesamt 4 in die Übersichtsarbeit eingeschlossenen Studien war allerdings eine mittlerweile nicht mehr verwendete Vorrichtung zum Einsetzen des Gynefix®-Kettchens verwendet worden. Dies war unter anderem in der mit 4000 Teilnehmerinnen größten Untersuchung der Fall, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO durchgeführt worden war. In dieser WHO-Studie waren 3 Jahre nach Einsetzen des Verhütungskettchens rund 22 von 1000 Frauen dennoch schwanger geworden, bei der Kupferspirale TCu380A waren es rund 16 Frauen. Der kleine Unterschied zwischen beiden Verhütungsmethoden lässt sich dabei durch zufällige Schwankungen erklären, man spricht von einem statistisch nicht-signifikanten Unterschied.

In einer kleineren, ebenfalls in die Übersichtsarbeit aufgenommene Studie gab es nach 3 Jahren unter 301 Frauen mit Verhütungskettchen keine einzige Schwangerschaft, allerdings aber auch nur eine einzige unter 305 Frauen mit TCu380A-Spirale (das entspricht hochgerechnet rund 3 von 1000 Frauen). Die Häufigkeit für das Auftreten von  Schwangerschaften bei der TCU380A-Spirale, die in beiden Untersuchungen auf dieselbe Art eingesetzt worden war, unterscheidet sich dabei unerklärlich stark von der in der WHO-Studie. In beiden Fällen – mit alter wie neuer Einsetzvorrichtung für das Verhütungskettchen – ist jedenfalls kein wesentlicher Unterschied zwischen Spiralengruppe und Gynefix®-Gruppe feststellbar.

Ein großer Teil der trotz Kettchen eingetretenen Schwangerschaften ergab sich in der WHO-Studie im ersten Jahr nach dem Einsetzen. Demnach trat bei 13 von 1000 Frauen mit eingesetztem Gynefix®-Kettchen bereits im ersten Jahr eine Schwangerschaft auf. Diese Zahl ist auch etwas höher als die durchschnittliche Schwangerschaftsrate von rund 3 unter 1000 Frauen, die bei korrektem, regelmäßigem Gebrauch der Antibabypille zu erwarten wäre (nach Trussel, 2007). Diese Zahlen könnten jedoch aufgrund der Verwendung der älteren Vorrichtung zum Einsetzen des Kettchens etwas zu hoch sein. Allerdings liegt kein direkter Vergleich mit der Verhütungseffektivität der Antibabypille vor, daher ist die in der Zeitung „Österreich“ aufgestellte Behauptung, das Verhütungskettchen wäre genauso sicher wie die „Pille“, nicht haltbar.

Zudem waren in die drei größten der vier eingeschlossenen Studien keine Frauen aufgenommen wurden, die noch nie Kinder zur Welt gebracht hatten. Daher ist die Anwendbarkeit dieser Ergebnisse auf Frauen, die noch nie schwanger waren, unbekannt.

Nebenwirkungen

In der WHO-Studie war es bei der 6-gliedrigen Kupferkette 3 Jahre nach dem Einsetzen mit älterer Einsetz-Vorrichtung öfter zu Abstoßungen gekommen als bei der Kupferspirale TCu380A. Bei der Studie von Wu und Kollegen, die mit einer neueren Einsetzvorrichtung arbeiteten, war der Anteil an ordnungsgemäß verankert gebliebenen Gynefix®-Kettchen höher als der der Kupferspiralen. Allerdings war nicht nur die Abstoßung des Verhütungskettchens geringer, sondern es kam auch zu einer viel höheren Abstoßungsrate der Kupferspirale als in der WHO-Studie, die nicht durch eine andere Einsetzvorrichtung erklärbar ist.

Bei der Anzahl der Entfernungen durch den Arzt aufgrund von Schmerzen oder starken Blutungen gab es kaum einen Unterschied. Auch hatten sich nach dem Ende des dritten Jahres ungefähr gleich viele Frauen in der WHO-Studie (72 von 100 für Gynefix®, 73 von 100 für TCu380(A)) für den weiteren Verbleib der jeweiligen Verhütungsvorrichtung in ihrer Gebärmutter entschieden. In der Studie von Wu und Kollegen waren es nach drei Jahren immerhin noch knapp 91 von 100 für die Kupferkette, verglichen mit 85 für die TCu380A-Spirale. Der Unterschied ist aber zu gering, um nicht durch Zufall erklärt werden zu können. In beiden Studien lässt sich daher kein signifikanter Unterschied zwischen Kupferspirale und Verhütungskettchen feststellen. Die in „Österreich“ aufgestellte Behauptung: „95 Prozent der Frauen [95 von 100], die das Verhütungskettchen tragen, bleiben dabei“, entspricht daher  nicht der Realität.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

Übersichtsarbeit von O’Brien und Marfleet
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der eingeschlossenen Studien: 4
Anzahl der Teilnehmerinnen insgesamt: 5939
Vergleich: Gynefix® 330 gegen TCu380 bzw. TCU380A

Wissenschaftliche Quellen:

O’Brien, P. and C. Marfleet Caroline (2005) Frameless versus classical intrauterine device for contraception. Cochrane Database of Systematic Reviews DOI: 10.1002/14651858.CD003282.pub2 (Zusammenfassung der Studie)

Trussell J. Contraceptive efficacy. In Hatcher RA, Trussell J, Nelson AL, Cates W, Stewart FH, Kowal D. Contraceptive Technology: Nineteenth Revised Edition. New York NY: Ardent Media, 2007. (Tabelle zum Vergleich der Effektivität verschiedener Verhütungsmethoden)