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Vergesslich durch Aluminium?

Alzheimer durch Aluminium?

Alzheimer durch Aluminium?

Aktualisiert: Die Zahl der Alzheimer-Kranken steigt beständig, der wahrscheinlichste Grund dafür ist die immer älter werdende Bevölkerung. Neben dem Alter soll aber den Bezirksblättern Gmünd zufolge ein Leichtmetall eine schwergewichtige Rolle spielen: Aluminium. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es keine, ausschließen lässt sich ein Zusammenhang jedoch nicht. (Ursprünglich veröffentlicht am 18.10.2012)
 

 

Zeitungsartikel: Geheime Gefahr: Aluminium (26/27.9.2012, Bezirksblätter Gmünd)
Frage:Ist die Aufnahme von Aluminium verantwortlich für das Entstehen von Alzheimer?
Antwort:unklar
Erklärung:Wissenschaftliche Studien können einen Zusammenhang zwischen dem Metall Aluminium und der Krankheit Alzheimer nicht sicher belegen, aber auch nicht ausschließen.

[Aktualisiert 9.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine neuen Ergebnisse.]

Jeder von uns kennt Situationen, in denen einem der Name des entfernten Bekannten nicht und nicht einfallen will, oder man wieder mal vergisst, wo man seinen Autoschlüssel hingelegt hat. Diese kleinen Gedächtnislücken sind zwar ärgerlich, aber häufig unbedenklich. Eine leichte Abnahme der Gehirnleistung im Alter ist zudem normal. Werden diese Situationen jedoch so häufig, dass sie den Alltag bedeutend beeinträchtigen, kann das auf eine Alzheimer-Demenz hinweisen.

Die Alzheimer-Demenz ist eine Krankheit, die nicht von heute auf morgen beginnt, sondern sich schleichend entwickelt. Anfangs können sich Betroffene oft an Kleinigkeiten nicht mehr erinnern. Dazu kommen Verhaltensänderungen wie etwa Verwirrtheit, Angst und Unruhe. Ist die Krankheit bereits fortgeschritten fällt es den Betroffenen zunehmend schwerer, ihren Alltag zu bewältigen. Ihr Gedächtnis baut stetig ab, im weit fortgeschrittenen Stadium erkennen sie selbst engste Verwandte und Bekannte oft nicht wieder. Symptome und Verlauf der Alzheimer-Demenz können aber von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO erkranken in Westeuropa 54 von 1000 Menschen ab 60 Jahren an einer Form von Demenz, in zwei Drittel der Fälle (36 von 1000 Menschen ab 60) handelt es sich dabei um Alzheimer. Das Risiko an Alzheimer zu erkranken steigt vor allem mit dem Lebensalter. [5] Trotz intensiver Forschung gibt es bis heute kein Heilmittel oder gar eine vorbeugende Impfung für diese Krankheit. Auch kann das Fortschreiten durch Medikamente nicht gestoppt werden.

Ursache bisher unbekannt

Was die Ursache für den krankhaften Gedächtnisverlust betrifft, tappt die Forschung noch immer relativ im Dunkeln. Bekannt ist, dass am Anfang vor allem Nervenzellen in jenem Teil des Gehirns absterben, der für das Gedächtnis zuständig ist. Im weiteren Verlauf breitet sich die Erkrankung zunehmend auch auf andere Hirnregionen aus. [6]

Vererbbare Gendefekte können den Ausbruch von Alzheimer begünstigen. Somit kommt es oft zu gehäuften Fällen innerhalb der Familie. Weitere Risikofaktoren sind beispielsweise fortgeschrittenes Alter oder ein niedriger Bildungsgrad. [5] Wie genau Alzheimer entsteht, und welche äußeren Einflüsse dabei eine Rolle spielen, ist jedoch bis heute unbekannt.

Ist Aluminium Schuld?

Aluminium ist ein Metall, das im Gegensatz zu den Spurenelemente Eisen, Kupfer oder Magnesium keine biologische Rolle in unserem Körper spielt. Wie die Bezirksblätter Gmünd berichteten, soll das Metall unter anderem in Form von Ablagerungen im Gehirn bei der Entstehung von Alzheimer eine Rolle spielen. Inwieweit kann man dieser Sache Glauben schenken?

Aluminium kann in geringen Mengen im Trinkwasser und auch in einigen Lebensmitteln enthalten sein. Weiters findet man das Metall in manchen Medikamenten wie z.B. in Tabletten gegen Sodbrennen und in manchen Impfstoffen zur zusätzlichen Aktivierung des Immunsystems.

Bereits seit den 90er Jahren verdächtigen einzelne Wissenschaftler das Leichtmetall, mit der Alzheimer Demenz in Zusammenhang zu stehen. Genährt wurde dieser Verdacht anfangs durch Ergebnisse einiger Labor- und Tierversuche, die allerdings nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar sind.

Wie im Zeitungsartikel berichtet, finden sich im Gehirn von Alzheimer-Patienten tatsächlich größere Aluminium-Ablagerungen als beim gesunden Menschen. [7] Diese müssen aber keine Ursache für die Erkrankung sein. Sie könnten auch eine direkte Folge davon sein, dass das langsam abbauende Gehirn zunehmend durchlässiger für Schadstoffe wird.

Aussagekräftige Studien fehlen

Klare Hinweise sind rar, und nur wenige aussagekräftige Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen Alzheimer und Aluminium-Aufnahme beim Menschen. In zwei Übersichtsarbeiten [1],[2] finden sich insgesamt 6 Studien von unterschiedlicher Qualität.

Zwei dieser Studien versuchten die Fragestellung zu klären, ob Aluminium-Spuren im Trinkwasser Alzheimer auslösen können. In der ersten Studie [3] beobachteten die Verfasser, ob bei rund 2700 über 65jährigen häufiger eine Alzheimer-Demenz auftritt, wenn sie besonders Aluminium-hältiges Wasser zu sich genommen hatten. Unabhängig vom Aluminiumgehalt des Trinkwassers war dabei im Laufe von 8 Jahren im Durchschnitt bei etwa 7 von 100 Personen Alzheimer aufgetreten. Während jene, die regelmäßig Wasser mit niedrigem Aluminiumgehalt getrunken hatten, deutlich unter diesem Durchschnittswert lagen, kam es bei Trinkern von hoch Aluminium-hältigem Wasser deutlich häufiger zu einer Alzheimerdiagnose. Die zweite Studie [4] an rund 1500 über 75jährigen allerdings zeigte nach 7 Jahren keine Häufung der Alzheimerfälle bei jenen, die mehr Aluminium im Trinkwasser zu sich genommen hatten.

Diesen Ergebnissen zufolge besteht möglicherweise ein Zusammenhang zwischen Aluminium im Trinkwasser und dem Auftreten von Alzheimer. Aufgrund der Durchführung der Studie lässt sich daraus allerdings nicht schließen, dass geringe Spuren von Aluminium tatsächlich die auslösende Ursache für Alzheimer sind. Für den Zusammenhang könnten schließlich auch andere, nicht beachtete Faktoren verantwortlich sein. So wurde etwa nicht untersucht, ob Risikofaktoren wie z.B. ein erblich bedingtes erhöhtes Alzheimer-Risiko für die scheinbare Häufung verantwortlich sind.

In den restlichen 4 Fall-Kontrollstudien (siehe [1],[2]) ergaben sich keine Hinweise darauf, dass Alzheimerpatienten in ihrer Vergangenheit häufiger Aluminium mit der Nahrung oder dem Wasser zu sich genommen hatten.

Aluminium als Alzheimer-Auslöser nicht belegt

Dass Aluminium ein Auslöser für Alzheimer ist, konnte bis heute nicht wissenschaftlich belegt werden. Mit Sicherheit ausschließen lässt sich aber nicht, dass das Metall einen – wenn auch geringen – Beitrag zur Entstehung von Alzheimer leisten könnte. Fest steht jedenfalls, dass viele andere Faktoren wie etwa hohes Alter, erbliche Vorbelastung oder niedrige Bildung das Alzheimerrisiko unabhängig von einer eventuellen Aluminium-Belastung stark erhöhen können.

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ferreira u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der Studien: 34 Studien (epidemiologische- und Laborstudien)
Fragestellung: Stellt Aluminium einen Risikofaktor für Alzheimer dar?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Aluminium as a risk factor for alzheimer’s disease“. Aluminum as a risk factor for Alzheimer’s disease. Rev Lat Am Enfermagem. 2008 Jan-Feb;16(1):151-7. (Übersichtsarbeit im Volltext)

[2] Santibanez u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der Studien: 24 Studien
Fragestellung: Welche Risikofaktoren begünstigen die Entstehung von Alzheimer?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Occupational risk factors in Alzheimer’s disease: a review assesing the quality of published epidemiological studies“. Occupational risk factors in Alzheimer’s disease: a review assessing the quality of published epidemiological studies. Occup Environ Med. 2007 Nov;64(11):723-32. Epub 2007 May 24. (Übersichtsarbeit im Volltext)

[3] Rondeau u.a. (2000)
Studientyp: Kohortenstudie
Studiendauer: 8 Jahre
Teilnehmer insgesamt: 2.698 Probanden älter als 65 Jahre
Fragestellung:Steht der Aluminiumgehalt im Trinkwasser im Zusammenhang mit der Entstehung von Alzheimer?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Relation between aluminium concentrations in drinking water and alzheimer’s disease: an 8-year follow-up study“. Relation between aluminum concentrations in drinking water and Alzheimer’s disease: an 8-year follow-up study. Am J Epidemiol. 2000 Jul 1;152(1):59-66. (Studie im Volltext)

[4] Gillette-Guyonnet u.a. (2005)
Studientyp: Kohortenstudie
Studiendauer: 7 Jahre
Teilnehmer insgesamt: 1462 Probandinnen älter als 75 Jahre
Fragestellung: Steht der Aluminiumgehalt im Trinkwasser im Zusammenhang mit der Entstehung von Alzheimer?
Mögliche Interessenskonflikte: eine Autorin hatte zur Zeit der Studie eine bezahlte Anstellung bei der Danone-Gruppe inne

Titel: „Cognitive impairment and composition of drinking water in women: findings of the EPIDOS Study“. Am J Clin Nutr. 2005 Apr;81(4):897-902. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Shadlen MF (2012). Risk factors for dementia. In Eichler AF (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 17. 10. 2012

[6] Grabowski TJ (2012). Clinical manifestations and diagnosis of Alzheimer disease. In Wilterdink JL (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 17. 10. 2012

[7] Perl u.a. (1980). „Alzheimer’s disease: X-ray spectrometric evidence of aluminum accumulation in neurofibrillary tangle-bearing neurons.“ Science. 1980 Apr 18;208(4441):297-9. (Zusammenfassung der Studie)