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Krampfadern einfach wegschmieren?

Krampfadern oder Varizen sind eine große Belastung.

VaricoFix: Kein Nachweis für den Nutzen.

„Der Schlüssel zum Erfolg, um Krampfadern loszuwerden“, versprechen die Hersteller eines Gels zur Behandlung von Varizen. Ist dieses Versprechen wissenschaftlich haltbar?

Frage:Können Gele und Salben, die Arnika, Weißwurz, Zypresse, Mäusedorn, Asiatischen (bzw. Indischen) Wassernabel und Heparin enthalten, wie VaricoFix, Beschwerden und Folgeerkrankungen von Krampfadern lindern?
Antwort:unklar
Erklärung:Es gibt weder gute Studien zur Wirksamkeit der genannten Wirkstoffkombination noch zu einzelnen Inhaltsstoffen von VaricoFix. Auch über eventuelle Nebenwirkungen des Präparats können keine wissenschaftlich abgesicherten Aussagen gemacht werden.

Die Beine nicht mehr unter langen Hosen oder Röcken verstecken müssen, im Sommer ohne Genierer Bikini und kurze Kleider tragen – für Menschen, die an Krampfadern leiden, ist das verständlicherweise ein sehnlicher Wunsch. Doch viele der gängigen Behandlungsmethoden von Varizen – so der Fachbegriff für Krampfadern – sind nicht gerade erfreulich: Ob Kompressionsstrümpfe, die in Verbindung mit Bewegung getragen werden sollen, ob Verödung der Krampfadern oder gar eine Operation – die möglichen Therapievarianten sind oft aufwändig, manchmal sogar mit Risiken verbunden [siehe auch: Krampfadern: Was hilft, was nicht?]. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich viele auf die Suche nach Alternativbehandlungen der lästigen Symptome, Schmerzen und unschönen Begleiterinnen machen.

Guter Rat ist teuer

Sie brauchen auch nicht lange zu suchen: Internetforen, Frauenzeitschriften und diverse Ratgeber sind voll mit verheißungsvollen „natürlichen“ Mittelchen, die ausgeleierten Venen angeblich den Garaus machen sollen. Angeboten werden sie in Apotheken, Drogeriemärkten und Internetshops. Die Mittel enthalten eine oder mehrere Pflanzenarten, die angeblich helfen sollen, die kaputten Venen auf „natürliche“ Weise zu stärken und die Beschwerden günstig zu beeinflussen.

Ein solches rezeptfrei erhältliches pflanzliches Produkt ist ein Gel namens VaricoFix. Der darin enthaltene Mix aus verschiedenen Kräutern und Heparin soll helfen, Krampfadern vorzubeugen und zu heilen. Neben einem patentierten Komplex aus Arnika, Weißwurz und Zypresse enthält das Gel auch Mäusedorn – eine stachlige Pflanze, die unter anderem im Mittelmeerraum weit verbreitet ist –, die feuchtigkeitsliebende Tropenpflanze „Asiatischer Wassernabel“ sowie den Gerinnungshemmer Heparin.

Krampfadern auf natürliche Weise loswerden

Laut dem Hersteller gehören mit dieser Mischung schmerzende, juckende und geschwollene Beine schnell der Vergangenheit an. Unnötige Operationen und Behandlungen sollen den Betroffenen erspart bleiben. Auch die Bildung von Blutgerinnseln würde durch das Gel verhindert. Und das Beste daran: Die Varizen-Geplagten hätten mit keinerlei unerwünschten Wirkungen zu rechnen. Das Mittel mit „rein natürlichen“ Inhaltsstoffen sei für jedes Alter geeignet und könne bedenkenlos auch längerfristig angewendet werden.

Wer im Internet nach dem Produkt sucht, wird rasch fündig. Zahlreiche eindrucksvolle Vorher-Nachher-Bilder in verschiedensten Foren sollen die vermeintlichen Erfolge des Gels dokumentieren. Der hohe Preis des Produkts wird offenbar in Kauf genommen angesichts der wohlklingenden Versprechen, die unangenehmen Krampfadern in nur einer Woche los zu sein.

Ein Leser wollte nun von uns wissen, ob es wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des VaricoFix-Gels gibt. Hier das Ergebnis unserer Recherchen.

Schmieren völlig unerforscht

Pauschal kann gleich einmal gesagt werden: Es ist völlig unerforscht, ob Salben oder Gele bei Krampfadern überhaupt helfen können, ganz egal, welchen Wirkstoff sie enthalten. Die Autorinnen und Autoren zweier großer Übersichtsarbeiten schätzen die Studienlage für lokal anzuwendende Mittel bei Venenleiden als sehr dürftig ein [1, 2].

Das gilt auch für VaricoFix. Wir konnten keine Studien finden, welche die Wirksamkeit oder mögliche unerwünschte Wirkungen des Gels untersucht hätte. Auch zu den einzelnen Inhaltsstoffen ist die Studienlage dürftig. Einige sind zwar von der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA als traditionelles Arzneimittel registriert, allerdings nicht für die äußerliche Anwendung bei Krampfadern.

Tatsächlich keine unerwünschten Nebeneffekte?

Pflanzliche Mittel genießen den Ruf, besonders „natürlich“ und deshalb frei von Nebenwirkungen zu sein. Auch die Hersteller des VaricoFix-Gels preisen ihr Produkt als völlig harmlos und ungefährlich an – und das, obwohl zu den meisten Inhaltsstoffen überhaupt keine guten klinischen Daten bezüglich deren Unbedenklichkeit vorliegen.

Eine Ausnahme bildet der Inhaltsstoff Arnika. Die EMA ordnet Präparate mit Arnika-Extrakten in die Liste der traditionellen pflanzlichen Arzneimittel ein und bescheinigt diesen eine Wirksamkeit bei leichten Verletzungen. Gemeinsam ist traditionellen Heilmitteln jedoch, dass ihre Wirksamkeit meist nicht durch klinische Studien belegt ist, sondern auf Anwendung und Erfahrung über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren beruht [8, 9].

In ihrem Bericht über Mittel, die Arnika enthalten, warnt die EMA vor möglichen allergischen Reaktionen bei Personen, die auf Pflanzen aus der Familie der Korbblütler überempfindlich reagieren. Da unklar ist, wie sich Salben und Gele mit Arnika bei schwangeren Frauen oder bei Kindern unter zwölf Jahren auswirken, wird Schwangeren und Kindern von einer Anwendung abgeraten [8].

Nicht nur in die Wiege gelegt

Venenprobleme sind weit verbreitet. Schätzungen zufolge bekommen 20 bis 30 Prozent der Erwachsenen im Laufe ihres Lebens Krampfadern. Vor allem ältere Menschen und Frauen haben mit den erweiterten, oberflächlichen Venen zu kämpfen. Zwar dürfte eine erblich bedingte Neigung bei der Entstehung von Varizen eine Rolle spielen, allerdings gibt es auch einige Lebensstilfaktoren, die das Ausleiern der Venen begünstigen. Dazu gehört langes Stehen und Sitzen, starkes Übergewicht, Rauchen und Schwangerschaft(en).

Einige dieser Faktoren können wir durch eine venengesunde Lebensweise beeinflussen. Dazu zählt neben regelmäßiger Bewegung wie Spazierengehen, Wandern, Radfahren oder Schwimmen auch das Vermeiden von Übergewicht, von längerem Stehen oder Sitzen. Auch eine ausgewogene Ernährung und ausreichendes Trinken tut den Venen gut [3, 4].

Möglichst frühzeitige Behandlung

Krampfadern sind nicht nur aus ästhetischer Sicht lästig. Was zunächst als Schönheitsfehler wahrgenommen wird, kann auch zu einer ernsthaften Gefahr für die Gesundheit werden. Langfristig können sich Krampfadern entzünden und die Entstehung von Beingeschwüren („offenes Bein“) oder Blutgerinnseln begünstigen. Im schlimmsten Fall kann ein solches Gerinnsel tiefer gelegene Venen verstopfen oder sogar zur Lunge gelangen, was eine lebensbedrohliche Lungenembolie auslösen kann. Manchmal verursachen schon kleinste Verletzungen das Platzen einer Krampfader, was unter Umständen zu hohen Blutverlusten führen kann [3–7].

Die Heilung eines Krampfadern-Leidens ist praktisch nicht möglich. Damit es nicht schlimmer wird, empfehlen Fachleute, schon bei den ersten Anzeichen zu Arzt oder Ärztin zu gehen. Dies gilt auch für die meist harmlosen Besenreiser: kleine, rötlich-bläuliche Äderchen in der obersten Hautschicht. Obwohl sie in den meisten Fällen nur das Auge stören, können sie in seltenen Fällen auch auf eine Venenerkrankung hindeuten [3, 4].

Was tun bei schmerzenden Beinen?

In den meisten Fällen wird Venenleidenden zunächst empfohlen, die Beine viel hochzulagern und ausreichend Bewegung zu machen. Medikamente und individuell angepasste Kompressionsstrümpfe können die Beschwerden lindern. Die Strümpfe entlasten die Venen von außen und bringen zusammen mit Bewegung die Wadenpumpe in Schwung. Greifen diese Maßnahmen nicht, kann eine Verödung der Venen oder eine Operation überlegt werden [3, 4].

Unser Team von Medizin-Transparent.at konnte hingegen keine Beweise finden, dass die Beine durch eine Behandlung mit Cyanoacrylat – einer Art Superkleber, der die Venen verschließen soll – Krampfadern-frei werden.

 

Die Studien im Detail

Es gibt keine klinischen Studien zu VaricoFix oder zu seinen Bestandteilen.

(Autorin: C. Christof, Review: V. Ahne, B. Kerschner)

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Wissenschaftliche Studien

[1] Di Nisio u.a. (2013)
Di Nisio, Marcello. Wichers, Iris M. Middeldorp, Saskia. Treatment for superficial thrombophlebitis of the leg. EBM Reviews – Cochrane Database of Systematic Reviews. Cochrane Peripheral Vascular Diseases Group, Cochrane Database of Systematic Reviews. 11, 2013 (Zugang zu Volltext der Studie)

[2] Martinez-Zapata u.a. (2016)
Martinez-Zapata, M. J., Vernooij, R. W., Uriona Tuma, S. M., Stein, A. T., Moreno, R. M., Vargas, E., Bonfill Cosp, X. (2016). Phlebotonics for venous insufficiency. Cochrane Database Syst Rev, 4, CD003229 (Volltext der Studie)

Weitere wissenschaftliche Informationen

[3] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQUIG (2016)
Merkblatt: Krampfadern. Abgerufen am 8.11.2016 unter https://www.gesundheitsinformation.de/krampfadern.2086.de.html

[4] UpToDate (2016)
Patrick C Alguire. Overview and management of lower extremity chronic venous disease. Abgerufen am 9.11.2016 unter
https://www.uptodate.com/contents/overview-and-management-of-lower-extremity-chronic-venous-disease?source=search_result&search=varicose%20veins&selectedTitle=1~150

[5] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2016)
Oberflächliche Venenentzündung. Abgerufen am 8.11.2016 unter https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/gefaesserkrankungen-oberflaechliche-venenentzuendung.html

[6] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2016)
Lungenembolie. Abgerufen am 8.11.2016 unter https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/gefaesserkrankungen-lungenembolie.html

[7] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2016)
Tiefe Venenthrombose: Was ist das? Abgerufen am 8.11.2016 unter https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/gefaesserkrankungen-venenthrombose.html

[8] European Medicines Agency (2013)
Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Assessment report on Arnica montana L., flos. Abgerufen am 9.11.2016 unter http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_HMPC_assessment_report/2013/08/WC500148261.pdf

[9] Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (2016)
AGES Medizinmarktaufsicht. Pflanzliche Arzneimittel. Abgerufen am 9.11.2016 unter http://www.basg.gv.at/arzneimittel/faq/pflanzliche-arzneimittel/