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Was macht Kinder mit Übergewicht gesund?

Übergewicht beeinträchtigt die Gesundheit von Kindern.

Übergewicht beeinträchtigt die Gesundheit von Kindern.

Immer mehr Kinder sind zu dick. Programme, die dem Übergewicht bei Kindern den Kampf ansagen, sind zahlreich. Doch welche Therapien helfen Kindern mit Übergewicht auf lange Sicht am effektivsten?


Frage:Können Abnehm-Programme die Gesundheit übergewichtiger Kinder langfristig verbessern?
Antwort:unklar
Erklärung:Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass vor allem Programme, die sowohl Diät und Bewegung als auch Verhaltenstherapie berücksichtigen den größten positiven Effekt auf die Gesundheit übergewichtiger Kinder haben. Ob das auch langfristig hilft, ist unklar.

Die Weltbevölkerung wird immer dicker. Das gilt ausnahmslos für alle Industriestaaten. Auch vor Kindern macht diese Entwicklung keinen Halt. Zuletzt 2012 musste das österreichische Bundesministerium für Gesundheit feststellen, dass auch viele Kinder in Österreich zu dick sind. 17 von 100 Buben bringen zu viel auf die Waage, bei den Mädchen sind es 16 von 100. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge gibt es zwei Ursachen für diesen Trend: Einerseits ernähren sich Kinder deutlich kalorienreicher als früher. Gleichzeitig bewegen sich weniger und verbringen ihre Zeit lieber sitzend vor dem Smartphone, Computer oder Fernseher.

Ab wann bin ich zu dick?

Die Grenze zwischen Normal- und Übergewicht zeigt der Body-Mass-Index (BMI) an. Er gibt das Verhältnis von Körpergewicht zu Größe an und berücksichtigt damit, dass große Menschen mehr wiegen als kleine, selbst wenn sie schlank sind. Berechnen lässt sich der BMI mit der Formel „Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat“. Die Weltgesundheitsorganisation definiert, dass erwachsene Menschen ab einem BMI von 25 übergewichtig sind. Adipositas (Fettleibigkeit) liegt ab einem BMI von 30 vor. Für Kinder ist die Berechnung etwas komplizierter.

Gesundheitliche Probleme durch Übergewicht und Fettleibigkeit

Wer übergewichtig ist, hat nicht nur zu viel auf den Hüften. Mittlerweile sterben mehr Menschen weltweit an den Folgen von Übergewicht als an Untergewicht, musste die Weltgesundheitsorganisation feststellen. Denn ein erhöhter BMI zieht eine Reihe von Gesundheitsrisiken mit sich. Erhöhte Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gelenksabnützung und Krebs gehören zum Leben eines übergewichtigen Menschen dazu. Adipöse Kinder und Jugendliche blicken dem Risiko ins Auge, früh an Knochen- und Gelenksproblemen und an Atemnot zu leiden. Von psychischer Belastung durch Mobbing und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ganz zu schweigen.

Am besten wäre, wenn Kinder gar nicht erst zu viel Gewicht bekommen. Kinder, die bereits übergewichtig sind, sollten Hilfe bekommen, damit sich ihr Gesundheitszustand nachhaltig verbessert. Experten der WHO empfehlen, dass sich Kinder gesünder ernähren und Kalorienreiches wie zuckerhaltige Softdrinks, Süßigkeiten oder Fast Food meiden. Zudem sollen sich Kinder mehr bewegen, eine Stunde pro Tag sollte es mindestens sein.

Diät-Camps und Abnehm-Programme, die Kinder und Jugendliche auf den richtigen Weg bringen sollen, gibt es wie Sand am Meer. Doch welche Maßnahmen helfen übergewichtigen Kindern am effektivsten? Und helfen sie auch langfristig? 

Was macht Kinder mit Übergewicht gesund?

Auf dem Weg zurück zum Normalgewicht zeigen sich die größten Erfolge bei Programmen, die eine gesündere Ernährung mit einer Verhaltenstherapie und mehr Bewegung verbinden [1]. Das zeigt unter anderem eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Juni 2016 [3]. Mit einer solchen Kombi-Therapie wogen die Kinder auch ein bis eineinhalb Jahre nach Beginn der meist sechsmonatigen Programme durchschnittlich knapp drei Kilo weniger. Auch der BMI verringerte sich um durchschnittlich einen halben Punkt. Bei Kindern und Jugendlichen, die nicht an den Programmen teilgenommen hatten, blieb der BMI hingegen in etwa gleich.

Andere Studien haben festgestellt, dass Kinder, die zusätzlich zur Diät Sport machten, zu Studienende einen höheren BMI hatten. Das ist aber nicht überraschend, denn gleichzeitig gingen der Fettanteil im Körper runter und der Muskelanteil rauf. Auch für andere Kenngrößen des Körpers wie das HDL-Cholesterin oder den Blutzuckerspiegel zeigt sich eine positive Entwicklung [4].

Verglichen wurden diese kombinierten Maßnahmen unter anderem mit einfacher Gesundheitsaufklärung, mit Diäten, Therapien die nur auf Sport setzen, oder mit Programmen, bei denen die Kinder weitestgehend auf sich selbst gestellt waren. Allzu große Aussagekraft haben dieser Vergleich jedoch nicht, denn die Qualität der Studien war mau. Wichtige Angaben zur Durchführung fehlten, zudem haben meist nur wenige Teilnehmer mitgemacht. Eine Verzerrung der Ergebnisse ist ebenfalls möglich, weil die Studien schwierig vergleichbar und die Abbruchquoten hoch waren.

Sport und Diät – zusammen effektiver

Für Leiter von Abnehm-Programmen scheint es außerdem sinnvoll, die Familien mit ins Boot zu holen. Nach sechs Monaten zeigte sich für Verhaltenstherapien insbesondere dann ein Erfolg, wenn die ganze Familie im Fokus des Programms stand. Während bei den jüngeren Kindern aber nach zwölf Monaten die Effekte ausblieben, zeigten sich bei den Jugendlichen auch nach einem Jahr noch positive Ergebnisse.

Kombination ist auch der goldene Weg, wenn es darum geht, Übergewicht von vornherein zu vermeiden: In einer Auswertung bisheriger Studien dazu kommt ein Wissenschaftler-Team ebenfalls zu dem Schluss, dass auch in der Prävention Ernährung und Bewegung ihre Wirkung vor allem in der Kombination miteinander entfalten. Diese Effekte währen allerdings nur kurz. Die Studien, die nach einem Jahr nach dem Präventionsprogramm noch einmal die Erfolge kontrollieren, zeigen keine oder nahezu keine Wirkung mehr [2].

Langfristig gesünder?

Diese Frage ist mit den vorhandenen Studien kaum zu beantworten. Erstens: Für viele Programme wurden die Erfolge sechs Monate lang verfolgt, höchstens jedoch zwei Jahre lang. Und zweitens sagen Größen wie der BMI, der Cholesterin- oder Blutzuckerspiegel nichts über die tatsächliche Gesundheit aus. Es handelt sich lediglich um Risikofaktoren, nicht jeder Mensch mit erhöhten Werten erleidet im späteren Leben aber auch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Umgekehrt heißt das auch: Verbesserte Werte bedeuten nicht automatisch, dass ich langfristig gesünder bin.

Kritisch ist außerdem, dass die meisten Forscher die oftmals angeschlagene Psyche übergewichtiger Kinder und Jugendlicher außen vor lassen. Der psychische Gesundheitszustand, Selbstbewusstsein und soziale Bindungen untersuchen Studien nur selten. Einzelne Studien, die die seelische Gesundheit der Kinder dennoch berücksichtigen, sind zu wenig aussagekräftig, um hier Klarheit zu schaffen.

Kopf hoch!

Die wissenschaftliche Studienlage legt nahe, dass Programme die Diät und Ernährung berücksichtigen, den größten auf die Gesundheit übergewichtiger Kinder haben. Eine Aussage darüber, in welchem Ausmaß diese Programme die Gesundheit auch langfristig positiv beeinflussen, ist aber schwierig. Das sollte aber nicht entmutigen, sich gesünder zu ernähren und dem Schweinehund den Kampf anzusagen. Egal in welchem Alter.

 

Die Studien im Detail

Es ist unklar, welchen Einfluss Maßnahmen auf die langfristige Gesundheit von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen nehmen können. Die Reviews weisen zwar darauf hin, dass die Mischung entscheidend ist, methodische und qualitative Mängel der einbezogenen Studien stufen die Aussagekraft aber entscheidend herab.

Vergleichbarkeit nicht gegeben

Der Vergleich von Äpfeln mit Birnen ist sprichwörtlich schwierig. Das gilt auch für Studien. Unterscheiden sich Studien in ihrer Durchführung, der Dauer, den Teilnehmern oder der Zielsetzung, so nennt man sie heterogen. Für Wissenschaftler wird es schwierig, sie zu vergleichen und ihre Ergebnisse zu einer klaren Aussage zusammenzufassen. Das war hier bei vielen Studien der Fall. Allerdings traten Unterschiede nicht nur bei der Durchführung oder der Zielsetzung der Studien auf, oft variierten sogar die Definitionen von Übergewicht und Adipositas zwischen den einzelnen Studien.

Gerade bei den aktuelleren Reviews wurden nur relativ wenige Studien in den Reviews berücksichtigt. Zusätzliche bemängeln die Autoren der Übersichtsarbeiten die Qualität dieser Studien: In der aktuellen systematischen Übersichtsarbeit vom Forscherteam um Colquitt stuften die Autoren die methodische Güte der sieben analysierten Studien mit „niedrig“ oder „sehr niedrig“ ein. Die Verfasser der anderen Übersichtsarbeiten sind ebenfalls unzufrieden. Unter anderem, weil wichtige Informationen zur Durchführung der Studie hätten oft gefehlt. Etwa dazu, was auf in den Programmen konkret auf Speise- und Trainingsplan gestanden habe oder wie die Studienteilnehmer auf die verschiedenen Programme eingeteilt wurden.

Abbrecher minder Aussagekraft

In dem Review der australischen Wissenschaftler um Mandy wurde außerdem bei sieben von 15 Studien nicht angegeben, wie viele Teilnehmer bei den Nachuntersuchungen aufgeschlagen sind und wie viele die Studie abgebrochen haben Dass diese Zahlen hoch sind, legt die Übersichtsarbeit von Likkethuis nahe: Am Ende sind bei weniger als der Hälfte der Studien noch mehr als 80 Prozent der ursprünglichen Teilnehmer dabei.

Das ist ein Problem. Gerade wenn es um den Kampf gegen das Übergewicht geht, liegt der Verdacht nahe, dass vor allem die aufgeben, bei denen sich keine Erfolge einstellen wollen. Das Ergebnis am Ende ist dann möglicherweise zu optimistisch.

[Aktualisierte Version des Artikels. Zwei neue Reviews änderten nicht an der wissenschaftlichen Beweislage. Ursprünglich veröffentlicht am 4. Juni 2013.]

(AutorIn: A. Kliem, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Luttikhuis u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 64 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Wie wirksam sind Verhaltens- und medikamentöse Therapien von Übergewicht bei Kindern?
Interessenskonflikte: keine angeführt

Oude Luttikhuis H, Baur L, Jansen H, Shrewsbury VA, O’Malley C, Stolk RP, Summerbell CD. Interventions for treating obesity in children. The Cochrane Library 2010, Issue 1 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Waters u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 55 kontrollierte und randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Wie wirksam sind Programme zur Prävention von Übergewicht bei Kindern?
Interessenskonflikte: keine angeführt

Waters E, de Silva-Sanigorski A, Hall BJ, Brown T, Campbell KJ, Gao Y, Armstrong R, Prosser L, Summerbell CD. Interventions for preventing obesity in children. The Cochrane Library 2011, Issue 12 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Colquitt u.a. (2016)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Wie effektiv sind Diäten, Verhaltenstherapien und körperliche Aktivität bei der Reduzierung von Übergewicht bei Kindern?
Interessenskonflikte: keine angeführt

Colquitt JL, Loveman E, O’Malley C, Azevedo LB, Mead E, Al-Khudairy L, Ells LJ, Metzendorf MI, Rees K. Diet, physical activity, and behavioural interventions for the treatment of overweight or obesity in preschool children up to the age of 6 years. Cochrane Database Systematic Review, 2016. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Ho u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 15 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Welche Effekte zeigen Diäten im Vergleich zu Diät-Bewegungs-Maßnahmen beim Abnahmen und der Reduktion von Stoffwechsel-Risikofaktoren bei übergewichtigen Kindern?
Interessenskonflikte: keine angeführt

Ho M, Garnett Sarah P, Baur Louise A, Burrows T, Stewart L, Neve M, Collinc C. Impact of Dietary and Exercise Interventions on Weight Change andMetabolic Outcomes in Obese Children and Adolescents. A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Trials. JAMA Pediatrics 2013;167(8):759-768. doi:10.1001/jamapediatrics.2013.1453 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

World Health Organization (WHO). Factsheet: Overweight and Obesity. www.who.int/mediacentre/factsheets/fs311/en/

Center of Disease Control and Prevention (CDC). Childhood Obesity Causes and Consequences. (Abgerufen am 1. August 2016) https://www.cdc.gov/obesity/childhood/causes.html
Bundesministerium für Gesundheit, Universität Wien, Institut für Ernährungswissenschaft. Österreichischer Ernährungsbericht 2012. (Link zum Bericht; abgerufen am 1. August 2016)

Skelton J et al. Management of childhood obesity in the primary care setting. UpToDate 2016. (Link zum Bericht; abgerufen am 1. August 2016)

Klish WJ al. Comorbidities and complications of obesity in children and adolescents. UpToDate 2016. (Link zum Bericht; abgerufen am 1. August 2016)