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Antibakterielle Seife: nutzlos und riskant

Auch normale Seife hemmt Ansteckung

Auch normale Seife hemmt Ansteckung

Händewaschen mit antibakteriellen Seifen schützt nicht besser vor gängigen Infektionserkrankungen als gewöhnliche Seife. Möglicherweise erhöhen die antibakteriellen Inhaltsstoffe sogar das Risiko für Antibiotikaresistenzen. Zudem schädigen sie die Umwelt.

 
 

 

Frage:Kann Händewaschen mit antibakterieller Seife im Haushalt das Erkrankungsrisiko verringern?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Händewaschen schützt klar vor Infektionen. Wer allerdings antibakterielle Seifen verwendet, erkrankt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht seltener an Infektionserkrankungen als Personen, die herkömmliche Seife verwenden.

In den Regalen von Supermärkten und Drogerien finden sie sich zuhauf: Seifen und Waschlotionen mit der Aufschrift „antibakteriell“. Sie enthalten zumeist Triclosan oder Triclocarban, zwei Stoffe, die eine Vielzahl an Krankheitserregern wie Bakterien und Pilze abtöten oder zumindest an der Vermehrung hindern können. Mittlerweile setzen Hersteller die desinfizierenden Substanzen sogar Deodorants, Duschgels, Zahnpasten und Mundspülungen bei.

Damit soll sich der Konsument nicht nur hygienisch sauber fühlen, antibakterielle Handseifen sollen auch das Risiko, sich mit Infektionskrankheiten anzustecken deutlich verringern.

Saubere Hände beugen Krankheiten vor

Noch in der Mitte des 19. Jahrhundert wurde der Arzt Ignaz Semmelweis für verrückt erklärt, als er Ärzten dazu riet, sich die Hände zu waschen, um das Infektionsrisiko von Patienten zu verringern. Heute zweifelt niemand mehr an, dass mangelnde Hygiene Krankheiten fördert.

Dem ist nicht nur im Ärztezimmer und in Krankenhäusern so. Regelmäßiges Händewaschen im Haushalt – etwa nach dem Toilettenbesuch oder vor dem Essen und Kochen – verringert nachweislich das Risiko, an Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall zu erkranken [1]. Auch die Wahrscheinlichkeit, sich Schnupfen, Husten oder ähnliche Atemwegserkrankungen einzufangen oder andere damit anzustecken sinkt [2].

Antibakterielle Seife nicht besser

Auch wenn sie es uns glauben lassen wollen: als „antibakteriell“ vermarktete Handseifen verringern das Risiko einer Ansteckung mit Krankheiten nicht besser als gewöhnliche Seife. Das haben zwei großangelegte Studien gezeigt [2], eine davon an Familien in einem Armenviertel in einer pakistanischen Stadt [3], die andere in einem Stadtteil von New York [4]. Sämtliche untersuchten Krankheiten sind in Haushalten, die ein Jahr lang antibakterielle Seifen verwendet haben, nicht seltener aufgetreten als bei jenen, die nur herkömmliche Seife zum Händewaschen verwendet haben.

Eine von vielen möglichen Erklärungen dafür könnte sein, dass Ärzte ihre Hände mit Triclosan- und Triclocarban-hältigen Desinfektionsmitteln bis zu mehreren Minuten lang waschen, um Keime zuverlässig loszuwerden [6]. Die üblichen paar Sekunden, die Herr und Frau Österreicher für das Einseifen ihrer Hände aufwenden, sind dazu viel zu kurz. Es ist jedoch unklar, ob selbst längeres Einseifen oder deutlich häufigeres Händewaschen für eine bessere Vorbeugewirkung im Alltag eine Rolle spielen würden.

Eine Ausnahme bildet Triclosan-hältige Zahnpasta. Diese kann tatsächlich noch eine Spur besser vor Karies und Zahnfleischentzündungen schützen als das bereits herkömmliche Zahnpasta tut. Das besagen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien [5]. Die Unterschiede zu Zahnpasta ohne Triclosan sind jedoch nicht groß.

Ungeklärte Gesundheitsrisiken

Triclosan hat nicht nur antibakterielle, sondern auch dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen ähnliche Eigenschaften, wenn auch in abgeschwächter Form. Der desinfizierende Stoff gilt als harmlos für die menschliche Gesundheit, solange Konsumenten nicht mehr als die Menge aufnehmen, die sich die in Tierversuchen als sicher erwiesen hat. Das scheint im Alltag allerdings nicht gewährleistet, möglicherweise nehmen manche Personen unwissentlich deutlich mehr als diese Menge zu sich. So halten Mitglieder des europäischen Wissenschaftlichen Komitees für Konsumgüter den Einsatz von Triclosan in Mundspülungen und Körperlotionen nicht für sicher, da Konsumenten dabei möglicherweise eine zu hohe Menge Triclosan aufnehmen [7].

Eine endgültige Analyse der EU über mögliche Gesundheitsgefahren von Triclosan ist noch ausständig. Bis dahin dürfen Hersteller Triclosan auch ohne genaue Regelung einsetzen [9]. So findet sich das Desinfektionsmittel nicht nur in zahlreichen Kosmetika, sondern sogar in Textilien und Kunststoffen und anderen Materialien mit Lebensmittelkontakt [9]. Ein Fakt, der dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung sauer aufstößt. Die Wissenschaftler des Instituts sprechen sich klar dafür aus, Triclosan zumindest für Lebensmittelverpackungen und –behältnisse nicht weiter zu verwenden [8].

Resistente Bakterien

Unklarheit herrscht jedoch nicht nur darüber, wie sich größere Mengen der desinfizierenden Chemikalie auf die menschliche Gesundheit auswirken. Wissenschaftler vermuten schon seit längerem, dass die massenhafte Verwendung von Triclosan Bakterien resistent gegen die Substanz werden lässt. Und nicht nur das, das Mittel könnte auch Resistenzen gegen verbreitete Antibiotika fördern, da die Mikroorganismen lernen, für sie schädliche Stoffe einfach schneller wieder auszuscheiden. Der direkte Nachweis für Triclosan-verursachte Antibiotikaresistenzen steht allerdings noch aus [10].

Schädlich für die Umwelt

Klar ist hingegen schon jetzt, dass Triclosan das Ökosystem in Gewässern beeinflussen und etwa Wasserpflanzen schädigen kann. Der Stoff sammelt sich bevorzugt in den sandigen Böden von Gewässern an und wird kaum auf natürlichem Wege abgebaut [6] [11]. Zumindest theoretisch kann der Stoff Algen, Krebse und Fische in ihrer Gesundheit beeinträchtigen. Da Triclosan auch Mikroorganismen schädigt, kann er auch in Kläranlagen von diesen kaum unschädlich gemacht werden.

So weitverbreitet Triclosan in verschiedensten Konsumprodukten eingesetzt wird, so unerforscht sind derzeit seine möglichen Risiken.

 

Die Studien im Detail

Ob Händewaschen mit antibakterieller Seife besser vor Krankheiten schützt als herkömmliche Seife, haben bisher erst zwei Studien [3] [4] gezielt untersucht. Das zeigt eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2008 [2]. Auch für den Zeitraum nach 2008 fand das Team von Medizin-Transparent keine weiteren veröffentlichten Untersuchungen.

Die Ergebnisse der beiden bisher durchgeführten randomisiert-kontrollierten Studien sind jedoch überzeugend. In den Untersuchungen versorgten Wissenschaftler 600 Haushalte in einem pakistanischen Armenstadtteil beziehungsweise 238 Haushalte aus einem Migrantenviertel in New York rund ein Jahr lang mit antibakterieller oder herkömmlicher Seife. Die Forscher baten sie, sich damit regelmäßig die Hände zu waschen.

Im Fall der pakistanischen Untersuchung erhielt so die Hälfte von 3162 Kindern antibakterielle Seifenstücke mit 1,2% Triclocarban. In der US-amerikanischen Studie waren es 1178 Teilnehmer, darunter pro Haushalt mindestens ein Kind im Vorschulalter. Von ihnen bekam die Hälfte Triclosan-hältige Flüssighandseife (Konzentration nicht angegeben). Dabei bestimmte der Zufall, ob ein Haushalt nun herkömmliche oder antibakterielle Seife erhielt, beide Seifenarten hatten denselben Geruch und sahen gleich aus. Weder die teilnehmenden Familien noch die Wissenschaftler wussten dabei, wer welche Seife erhalten hatte, erst am Ende der Untersuchung wurde das Geheimnis gelüftet.

In keiner der beiden Studien hatten Teilnehmer, die antibakterielle Seife verwendeten, seltener ansteckendenden Krankheiten bekommen als jene, die nur herkömmliche Seifen verwendeten. Dazu zählten im Fall der pakistanischen Studie Durchfall und Atemwegserkrankungen, im Fall der US-amerikanischen Untersuchung auch ‚Symptome wie Schnupfen, Husten, Halsweh, Fieber, Erbrechen, Eiterbeulen und Bindehautentzündungen.

Vor allem die US-amerikanische Untersuchung hatte allerdings mit 238 teilnehmenden Haushalten eine zu geringe Teilnehmeranzahl, um eventuell vorhandene kleine Unterschiede aufdecken zu können. Zudem können die Ergebnisse nicht auf Patienten mit geschwächtem Immunsystem übertragen werden, für den durchschnittlichen Haushalt gilt aber mit großer Wahrscheinlichkeit: antibakterielle Seife schützt nicht besser vor Erkrankungen als gewöhnliche Handseife.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ejemot-Nwadiaro u.a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 14 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 15 766 Kinder und Erwachsene
Fragestellung: Verringert Händewaschen das Auftreten von Durchfallerkrankungen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Ejemot-Nwadiaro RI, Ehiri JE, Meremikwu MM, Critchley JA. Hand washing for preventing diarrhoea. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 1. Art. No.: CD004265. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Aiello u.a. (2008)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 30 kontrollierte Studien
Fragestellung: Verringert Händewaschen das Auftreten von Durchfallerkrankungen oder Atemwegserkrankungen?
Interessenskonflikte: keine Angaben

Aiello AE, Coulborn RM, Perez V, Larson EL. Effect of hand hygiene on infectious disease risk in the community setting: a meta-analysis. Am J Public Health. 2008 Aug;98(8):1372-81. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Luby u.a. (2005)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 900 Haushalte in Pakistan, davon 600 Haushalte (3162 Kinder unter 15 Jahren) bezüglich normaler oder antibakterieller Seife untersucht
Dauer: 1 Jahr
Fragestellung: Verhindert das regelmäßige Waschen mit antibakterieller Seife (Wirkstoff Triclocarban) Krankheiten besser als das Waschen mit normaler Seife (bzw. beides besser als kein Waschen mit Seife)
Interessenskonflikte: Studie finanziert von Procter & Gamble

Luby SP, Agboatwalla M, Feikin DR, Painter J, Billhimer W, Altaf A, Hoekstra RM. Effect of handwashing on child health: a randomised controlled trial. Lancet. 2005 Jul 16-22;366(9481):225-33. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Larson u.a. (2004)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 238 Haushalte (1178 Personen) mit je mind. einem Kind im Vorschulalter in einem Immigrantenviertel in Manhattan, NY
Dauer: 48 Wochen
Fragestellung: Verhindert das regelmäßige Waschen mit antibakterieller Seife (Wirkstoff Triclosan) Krankheiten besser als das Waschen mit normaler Seife Interessenskonflikte: Seife und andere Haushaltsmittel bereitgestellt von Procter & Gamble

Larson EL, Lin SX, Gomez-Pichardo C, Della-Latta P. Effect of antibacterial home cleaning and handwashing products on infectious disease symptoms: a randomized, double-blind trial. Ann Intern Med. 2004 Mar 2;140(5):321-9. (Studie in voller Länge)

[5] Riley u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 30 randomisiert-kontrollierte Studien
Studiendauer: 6 Monate bis 3 Jahre
Teilnehmer insgesamt: 14.835
Fragestellung: Sind Triclosan-hältige Zahnpasten besser für die Mundgesundheit als herkömmliche Zahnpasten?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Riley P, Lamont T. Triclosan/copolymer containing toothpastes for oral health. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 12. Art. No.: CD010514. (Übersichtsarbeit in voller Länge) http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD010514.pub2/abstract

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Halden (2014)
Halden RU. On the need and speed of regulating triclosan and triclocarban in the United States. Environ Sci Technol. 2014 Apr 1;48(7):3603-11. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] Scientific Committee on Consumer Products (2009)
Opinion on Triclosan. Abgerufen am 9.12.2014 unter
http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_sccp/docs/sccp_o_166.pdf

[8] Bundesinstitut für Risikobewertung BfR (2009)
BfR unterstützt Verwendungsverbot von Triclosan in Lebensmittelbedarfsgegenständen. Stellungnahme Nr. 031/2009 des BfR vom 12. Juni 2009. Abgerufen am 9.12.2014 unter http://www.bfr.bund.de/cm/343/bfr_unterstuetzt_verwendungsverbot_von_triclosan_in_lebensmittelbedarfsgegenstaenden.pdf

[9] Pieper u.a. (2014)
Pieper C, Schwebke I, Noeh I, Uhlenbrock K, Hübner N-O, Solecki R.
Antimikrobielle Produkte im Haushalt – eine Betrachtung zu Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt sowie zum Nutzen für den Anwender – Hyg Med 2014; 39-3 (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[10] Bundesinstitut für Risikobewertung BfR (2006)
Triclosan nur im ärztlichen Bereich anwenden, um Resistenzbildungen vorzubeugen. Stellungnahme Nr. 030/2006 des BfR vom 08. Mai 2006. Abgerufen am 9.12.2014 unter http://www.bfr.bund.de/cm/343/triclosan_nur_im_aerztlichen_bereich_anwenden_um_resistenzbildungen_vorzubeugen.pdf

[11] US Environmental Protection Agency EPA (2010)
Triclosan Facts. Abgerufen am 9.12.2014 unter
http://www.epa.gov/oppsrrd1/REDs/factsheets/triclosan_fs.htm