Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Traumeel: Hilft ein homöopathisches Mittel bei Sportverletzungen?

Hilfe für verletzte Knöchel?

Wer am 8. April zu Zeitungen griff, konnte den Eindruck bekommen, es habe eine medizinische Sensation gegeben – den Nachweis, dass Homöopathie wirkt. Die Presseaussendung einer Homöopathie-Vereinigung hatte durchschlagenden Erfolg. Gute Studien waren für die geglückte Pressearbeit nicht notwendig.

Zeitungsartikel: Welttag der Homöopathie: Experten unterstreichen Wirkung (8.4.2014, derstandard.at)
Frage:Wirkt Traumeel bei verstauchtem Knöchel?
Antwort:Drei randomisiert-kontrollierte Studien weisen anscheinend auf eine Wirksamkeit von Traumeel hin, eine weitere zeigt, dass es angeblich gleich gut wirkt wie Diclofenac. Es gibt jedoch einige Gründe, warum diese Studienergebnisse nicht vertrauenswürdig sind, von methodischen Schwächen bis zu unzureichender Dokumentation.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Zeitungen übernehmen gerne Meldungen in denen eine einzelne neue Studie präsentiert wird. Selbstverständlich können neue Studien interessant sein, aber es macht keinen Sinn, die Aussage „Homöopathie wirkt“ an einer einzigen neuen Studie fest zu machen, wenn zahlreiche Übersichtsarbeiten existieren. Die in der Pressemeldung angesprochene Studie zu Traumeel bei verstauchtem Knöchel ist aus dem Jahr 2013 [1] und beantwortet nicht ob Homöopathie wirkt – sie beantwortet nicht einmal, ob Traumeel bei einem verstauchten Knöchel hilft.

Schwierige Vergleiche

Traumeel ist eine Mischung aus verschiedenen homöopathischen Mitteln, die als Salbe oder Gel bei Sportverletzungen angewendet wird. In der Studie von 2013 verglichen die Forscher drei Gruppen: eine Gruppe wurde mit Traumeel Salbe behandelt, eine mit Traumeel Gel und eine mit Diclofenac Gel. Diclofenac ist ein häufig eingesetzter Wirkstoff bei Schmerzen von Muskeln und Gelenken und gehört zu den nicht-steroidalen Entzündungshemmern.

Ziel der Studie war es zu zeigen, dass Traumeel gleich wirksam ist wie Diclofenac. Und das war auch Ergebnis der Studie, alle drei Gruppen zeigten auf den ersten Blick einen gleich guten Heilungsfortschritt. Wissen wir damit, dass Traumeel wirkt? Nicht wirklich, denn selbst wenn die Studie gut gemacht wäre, ist sie kein Wirknachweis; dafür geht sie von zu vielen Annahmen aus, auf die man sich nicht verlassen kann: So behaupten die Autoren, dass Traumeel schon in früheren Studien bewiesen habe, dass es bei verstauchtem Knöchel wirksamer sei als Placebo. Diese Studien [2][3]sind allerdings aus mehreren Gründen nicht aussagekräftig, diese Annahme steht also auf zu dünnen Beinen (mehr dazu im nächsten Abschnitt).

Auch wird davon ausgegangen, der Wirkstoff Diclofenac sei besser als Placebo. Hier gibt es tatsächlich eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration, die das bestätigt [4]. Unterschiedliche Salben und Gele sind schwierig gegeneinander zu vergleichen, weil sie sich nicht nur in einem Wirkstoff unterscheiden, sondern meist auch darin, wie sie sich anfühlen. In der Cochrane Übersichtsarbeit wurde dieses Problem umgangen und der Wirkstoff wurde jeweils mittels eines Pflasters aufgebracht – Diclofenac-Gel in der Form wurde also gar nicht getestet.

Bei einem genauen Blick offenbaren sich deutliche methodische Mängel [1]: So waren alle Teilnehmer berechtigt, im Notfall zusätzlich Paracetamol als Schmerzmittel zu verwenden. Die Teilnehmer mit Traumeel-Behandlung griffen häufiger zu Paracetamol als diejenigen, die das Diclofenac-Gel verwendeten. Ob das einen Einfluss auf das Studienergebnis gehabt haben könnte, haben die Autoren nicht beachtet. Auch das Schmerzausmaß zu Beginn der Studie unterscheidet sich in den Gruppen. Die Teilnehmer in der Diclofenac-Gruppe zeigten bereits zu Studienbeginn weniger Schmerzen als ihre Kollegen in der Traumeel-Gel-Gruppe; auch das kann das Ergebnis verzerren.

Wenn sich Studien verdächtig machen

Manchmal stehen Studien von Anfang an unter Verdacht: Wenn beispielsweise wie bei Traumeel eine umstrittene Heilmethode im Hintergrund steht oder wenn die Studien von den Herstellern des zu testenden Produkts finanziert werden. Beides bedeutet nicht automatisch, dass die Studien wenig Aussagekraft haben, aber wenn die Liste der Interessenskonflikte Rekordlänge erreicht [1], wächst das Misstrauen. Die Studie wurde nicht nur vom Hersteller finanziert, sondern die Geldgeber haben auch das Studiendesign, also die Methoden, mitentwickelt.

Misslungene Überprüfung

Und natürlich machen Widersprüche aufmerksam und hier liefern die beiden älteren Studien ein spannendes Beispiel: So schreiben Böhmer und Ambrus 1992 [3], das Ziel ihrer Studie sei es, die Ergebnisse von Zell ua 1988 [2] zu überprüfen. Und tatsächlich: So wie Zell vor ihnen kommen sie zu positiven Ergebnissen für Traumeel.

Der Widerspruch sitzt im Detail: Böhmer misst Schwellung und Hauttemperatur, Zell hatte Beweglichkeit und Schmerz gemessen. Warum haben sie nicht die gleichen Symptome herangezogen wie in der Studie, die sie überprüfen wollen? Vor allem hat Zell nach seiner Pilotstudie 1988 festgestellt, dass Hauttemperatur und Schwellung als Merkmale für einen therapeutischen Erfolg unbrauchbar sind! [2] Ein Umstand, der von Böhmer nicht einmal angesprochen wird. So drängt sich der Verdacht auf, dass Böhmer und Ambrus einfach möglichst viele Dinge gemessen haben, und im Nachhinein bestimmt haben, was sie als Hauptergebnis präsentieren. Das waren dann ausgerechnet jene Symptome, die in der früheren Studie für sinnlos befunden wurden.

In der Literaturliste der jüngsten Arbeit findet sich noch eine weitere randomisiert-kontrollierte Studie von 2007. Die Veröffentlichung dazu ist jedoch derart kurz, dass es unmöglich ist, die Qualität der Studie zu beurteilen [5].

Was zu tun wäre

Die randomisiert-kontrollierte Studie von 1988 [2] war grundsätzlich auf dem richtigen Weg, denn eine Studie mit einem Placebovergleich wäre sinnvoller, wie auch die Autoren der Studie von 2013 einräumen. Bei einer Verletzung, die von selber ausheilt, ist der Vergleich mit einer Gruppe, die nur ein wirkstofffreies Placebo erhält, eigentlich unerlässlich.

Eine Traumeel-Basis ohne Inhaltsstoffe ist einfach herzustellen und kann weder von den behandelnden Ärzten noch von den Patienten von einer Salbe/Gel mit Inhaltsstoffen unterschieden werden. Damit sind große, unabhängige und placobokontrollierte Studien verhältnismäßig einfach durchzuführen und deutlich aussagekräftiger als der Vergleich mit Diclofenac.

Was wäre wenn…

Wenn die Homöopathie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wirksam ist, kann dann ein homöopathisches Produkt überhaupt wirksam sein? Im Falle von Traumeel besteht zumindest die theoretische Möglichkeit: Homöopathie arbeitet mit sehr starken Verdünnungen, die sie „Potenzen“ nennt. Oft sind die Mittel so stark verdünnt, dass kein Wirkstoff mehr enthalten ist. Bei Traumeel ist das anders, darin sind zahlreiche Wirkstoffe enthalten – die sind zwar auch stark verdünnt, aber in Summe kommen auf 100 Gramm Salbe immerhin ca. 1,5 Gramm Wirkstoffe. Ob das die richtigen Wirkstoffe sind, um bei Sportverletzungen zu helfen und ob die Dosis auch hoch genug ist, ist nicht geklärt, aber es wäre zumindest denkbar.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Gonzales u.a. (2013)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Nicht-Unterlegenheitsstudie mit drei Versuchsarmen
Teilnehmer: 449
Fragestellung: Helfen Traumeel Salbe und Traumeel Gel gleich gut wie ein Diclofenac Gel bei verstauchtem Knöchel?
Interessenskonflikte: Die Studie wurde finanziert und mitentworfen vom Traumeel Hersteller „Biologische Heilmittel Heel GmbH“. Einige der Autoren sind teilweise beim Hersteller beschäftigt oder haben Honorare für Vorträge und Beratungen vom Hersteller und anderen Pharmaunternehmen erhalten.

González de Vega C, Speed C, Wolfarth B, González J. Traumeel vs. diclofenac for reducing pain and improving ankle mobility after acute ankle sprain: a multicentre, randomised, blinded, controlled and non-inferiority trial. Int J Clin Pract. 2013 Oct;67(10):979-89.
Studie in voller Länge

[2] Zell u.a. (1988)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: : 73
Fragestellung: Wirksamkeit von Traumeel in der Behandlung eines verstauchten Sprunggelnks?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Zell, J., Connert, W. D., Mau, J., & Feuerstake, G. (1988) Behandlung von akuten Sprunggelenksdistorsionen.“ Fortschr med 106:96-100.

[3] Böhmer & Ambrus (1992)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: : 102 Patienten mit Sportverletzungen
Fragestellung: Hilft homöopathische Traumeel-Salbe bei Sportverletzungen ähnlich gut wie eine Placebosalbe?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Böhmer, D. and P. Ambrus (1992) Behandlung von sportverletzungen mit Traumeel-salbe – kontrollierte doppelblindstudie. Biol Medizin 21(4):260-268

[4] Massey u.a. (2010)
Studientyp:Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien:47, 3 davon zu Diclofenac
Teilnehmer:3455
Fragestellung: Helfen oberlflächliche Behandlungen mit NSAIDS (nicht-steroidhaltigen Entzündungshemmer) bei akuten Schmerzen?
Interessenskonflikte: Mehrere der Autoren haben für Vorträge und Beratungstätigkeiten Geld von Pharmaunternehmen erhalten.

Massey T, Derry S, Moore RA, McQuay HJ. Topical NSAIDs for acute pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 6. Art. No.: CD007402.
Zusammenfassung

[5] Orizola, Vargas (2007)
Angeblich eine randomisiert-kontrollierte Studie, die Veröffentlichung enthält allerdings zu wenig Information, um die Qualität und Methodik der Studie zu beurteilen.

Orizola, Alejandro J.; Vargas, Fernando
Medicine & Science in Sports & Exercise: May 2007 – Volume 39
– Issue 5 – p S79, The Efficacy Of Traumeel S Versus Diclofenac And Placebo Ointment In Tendinous Pain In Elite Athletes: a Randomized Controlled Trial
Volltext