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Neuromodulation gegen Tinnitus: viel Lärm um nichts

Nerviges Klingeln im Ohr

Nerviges Klingeln im Ohr

Mit Tönen das Gehirn verändern – so will die Paracelsus Privatuniversität Tinnitus erfolgreich behandeln, berichten die Salzburger Nachrichten. Dass die Methode gegen das Pfeifen im Ohr hilft, ist allerdings völlig unbewiesen.

 
 

 

Zeitungsartikel: Nervenzellen im Gehirn lernen und verlernen (Printausgabe 15.12.2013, Salzburger Nachrichten, Uni-Nachrichten S. 11)
Frage:Hilft akustische CR-Neuromodulation nach Peter Tass gegen Tinnitus?
Antwort: Die einzige Studie dazu ist zu mangelhaft, um die Wirksamkeit der Methode nachweisen oder widerlegen zu können.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Ein anhaltendes Klingen, Pfeifen oder Rauschen in den Ohren nach einem lauten Konzert- oder Clubbesuch kennen viele Menschen. Diese Ohrengeräusche halten auch eine Zeitlang an, nachdem der Lärm aufgehört hat, verschwinden aber bald wieder von alleine. Etwa 10 bis 20 von 100 Menschen leben jedoch längere Zeit mit solchen Geräuschen, die Mediziner als Tinnitus bezeichnen. Beim Großteil der Betroffenen sind sie möglicherweise lästig, aber nur schwach ausgeprägt. Ein Zehntel dieser Menschen leidet aber mehr oder weniger stark an ihrem Tinnitus [3] [5].

Ein neues Therapieverfahren mit dem sperrigen Namen „Akustische Coordinated Reset (CR)-Neuromodulation“ soll nun Linderung verschaffen. Die Behandlung verspricht laut Erfinder Peter Tass gute Erfolge und soll in Salzburg zur Tinnitus-Behandlung etabliert werden, so die Salzburger Nachrichten.

Behauptete Wirksamkeit nicht belegt

Betroffene bekommen in Tonhöhe und Lautstärke an den Tinnitus angepasste Therapietöne vorgespielt – vier bis sechs Stunden am Tag; mithilfe eines tragbaren Gerätes. Dadurch soll die überaktive Hirnregion, durch die der Tinnitus verursacht wird, quasi umprogrammiert werden. Geeignet sei die Methode jedoch nur bei Patienten mit tonalem Tinnitus – also Menschen, die ein ständiges Klingen oder tönendes Pfeifen hören. Betroffene, deren Tinnitus sich durch Rauschen äußert, könne damit nicht geholfen werden. Eine randomisiert-kontrollierte klinische Studie [1] soll beweisen, dass die Methode auch tatsächlich hilft.

Genau das kann die Studie jedoch nicht, denn sie weist zahlreiche Mängel auf. So vergleicht Studienleiter Peter Tass vom Research Center Jülich in Deutschland die Neuromodulations-Behandlung von zweiundzwanzig Tinnitus-Patienten mit lediglich fünf scheinbehandelten Personen. Das ist deutlich zu wenig für aussagekräftige Ergebnisse. Zudem litten die Teilnehmer der Behandlungsgruppe im Schnitt bereits doppelt so lange an ihrem Tinnitus wie die der Scheinbehandlungsgruppe.

Ein weiterer Schwachpunkt der Studie ist, dass die scheinbehandelten Teilnehmer nur eine Stunde täglich das Stimulationsgerät samt Kopfhörern tragen mussten, während es in der Behandlungsgruppe vier bis sechs Stunden täglich waren. Selbst für den Fall, dass die akustische CR-Neuromodulation nichts bewirken würde, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Behandlung im Vergleich zur Scheinbehandlung einen etwas höheren Therapieerfolg erzielen würde. Schließlich kann schon die Erwartungshaltung eine kleine Besserung bewirken, auch wenn die Behandlung selbst wirkungslos ist. Wissenschaftler nennen das den Placebo-Effekt. Und der wäre wahrscheinlich bei einer vier bis sechsstündigen wirkungslosen Behandlung größer als bei einer einstündigen.

Eindeutigere Schlussfolgerungen sind nur möglich, wenn Teilnehmer in der Scheinbehandlungsgruppe mit jenen in der Behandlungsgruppe vergleichbar sind. Das ist in der Studie von Peter Tass nicht der Fall. Jegliche Annahme, dass akustische CR-Modulation Tinnitus bessern kann, ist daher reine Spekulation. Tass zufolge ist eine aussagekräftigere Studie an mehr Teilnehmern geplant. Danach lässt sich eventuell mehr sagen.

Was hilft bei Tinnitus?

Die genaue Ursache für die unangenehmen Ohrengeräusche ist nicht bekannt, nur in wenigen Fällen lässt sich ein medizinischer Grund dafür finden. Sehr wohl bekannt sind Risikofaktoren, die zu Tinnitus führen können: akustische Traumata, etwa durch eine Explosion, häufig laute Musik hören oder langandauernde Lärmbelastung. Oftmals kommt es auch bei Schwerhörigkeit oder Gehörverlust zur Entwicklung eines Tinnitus [3] [2].

Eine medikamentöse oder anderweitige Tinnitus-Behandlung, die bei allen Betroffenen Besserung verspricht, ist zurzeit nicht bekannt. Tritt Tinnitus gemeinsam mit Schwerhörigkeit auf, scheint sich die Verwendung eines Hörgeräts positiv auf die Tinnitusbelastung auszuwirken [4].

Eine der erfolgversprechenderen Ansätze ist die kognitive Verhaltenstherapie [2]. Die Behandlung wirkt sich allerdings nicht auf die empfundene Lautstärke des Phantomgeräuschs aus, sondern nur auf die subjektive Belastung für den Betroffenen. So werden beispielsweise Techniken zur Entspannung und Stressbewältigung geübt oder Ablenkungsstrategien erarbeitet, um die Aufmerksamkeit weg vom Tinnitus zu lenken.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof )

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Tass u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 63 Patienten mit tonalem Tinnitus
Dauer: Behandlung für 12 Wochen sowie Nachfolge-Untersuchung 10 Monate nach der Behandlung
Fragestellung: Hilft akustische coordinated reset Neuromodulation bei tonalem Tinnitus?
Mögliche Interessenskonflikte: Finanzierung der Studie durch ANM Adaptive Neuromodulation GmbH. Peter Tass und Hans-Joachim Freund sind im Besitz von Aktien derselben Firma.

Tass PA, Adamchic I, Freund HJ, von Stackelberg T, Hauptmann C. Counteracting tinnitus by acoustic coordinated reset neuromodulation. Restor Neurol Neurosci. 2012;30(2):137-59. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Martinez-Devesa u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: insgesamt 468 Tinnitus-Patienten
Fragestellung: Wirksamkeit von kognitiver Verhaltenstherapie bei Tinnitus

Martinez-Devesa P, Perera R, Theodoulou M, Waddell A. Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 9. Art. No.: CD005233. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Dinces E A (2012). Etiology and diagnosis of tinnitus. In Sokol H N (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com/contents/etiology-and-diagnosis-of-tinnitus am 16. 10. 2013

[4] Dinces E A (2013). Treatment of tinnitus. In Sokol H N (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com/contents/treatment-of-tinnitus am 16. 10. 2013

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2013). Merkblatt: Tinnitus – wenn Ohrgeräusche den Alltag belasten. Abgerufen am 16. 10. 2013 unter http://www.gesundheitsinformation.de/merkblatt-tinnitus-wenn-ohrgeraeusche-den-alltag-belasten.418.de.html