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Tinnitus-Behandlung via Internet

nervender Tinnitus

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Aktualisiert: Ein Internet-basiertes Selbsthilfe-Training soll die Belastung durch Tinnitus reduzieren können, berichtet der Standard. Nur herunterladen und ein paar Klicks reichen zwar nicht aus, das Internet-basierte Training könnte aber beim Umgang mit den quälenden Ohrengeräuschen ähnlich gut helfen wie herkömmliche kognitive Verhaltenstherapie. (Ursprünglich veröffentlicht am 7.3.2012)

Zeitungsartikel: Internet-Therapie hilft bei quälendem Tinnitus (9. 2. 2012, Der Standard)
Frage:Kann ein Internet-gestütztes Selbsthilfetraining auf Basis von kognitiver Verhaltenstherapie die Belastung durch Tinnitus verringern?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Kognitive Verhaltenstherapie kann die Lebensqualität und Depressivität von Tinnitus-Betroffenen merkbar verbessern. Internet-basierte Selbsthilfe-Trainings auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie könnten ähnlich hilfreich sein, werden aber häufig von den Betroffenen abgebrochen.

[Aktualisiert am 14.7.2014, eine neue systematische Übersichtsarbeit [7] bringt keine wesentlichen inhaltlichen Änderungen (kursiver Text)]

Ständiges Pfeifen, Klingen oder Rauschen in den Ohren – in der Fachsprache Tinnitus genannt – kann für Betroffene oft sehr störend und belastend sein. Solche „Phantom-Ohrengeräusche“, die niemand außer der betreffenden Person selbst hört, treten erstaunlich häufig auf – zwischen 10 und 17 unter 100 Personen berichten von diesem Phänomen. Durch den Tinnitus schwer beeinträchtigt fühlen sich allerdings nur ein kleiner Teil der Betroffenen – Schätzungen zufolge leiden etwa 1 bis 2 von 100 Personen in der Bevölkerung dadurch an starken Einschränkungen im Alltag [1].

Die genaue Ursache für die unangenehmen Ohrengeräusche ist nicht bekannt, nur in wenigen Fällen lässt sich ein medizinischer Grund dafür finden. Sehr wohl bekannt sind aber Risikofaktoren, die zu Tinnitus führen können: neben einem akustischen Trauma, etwa durch eine Explosion, sind es vor allem das häufige Hören von lauter Musik oder langandauernde Lärmbelastung. Oftmals kommt es auch bei Schwerhörigkeit, etwa im Alter, oder Gehörverlust zur Entwicklung eines Tinnitus [8, 1].

Eine medikamentöse oder anderweitige Tinnitus-Behandlung, die bei allen Betroffenen Besserung verspricht, ist zur Zeit nicht bekannt. Tritt Tinnitus gemeinsam mit Schwerhörigkeit auf, scheint sich die Verwendung eines Hörgeräts zumindest auch positiv auf die Tinnitusbelastung auszuwirken [9].

Kognitive Verhaltenstherapie kann helfen

Eine der erfolgversprechenderen Ansätze ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, die meist in Gruppensitzungen abgehalten wird. Ihr Ziel ist dabei nicht unbedingt, die Lautstärke oder Intensität des Tinnitus zu reduzieren, sondern vielmehr die gefühlte Belastung durch die störenden Ohrengeräuschen zu verringern. In etwa 8 bis 24 wöchentlichen Sitzungen werden Strategien erarbeitet, die den Patientenhelfen, im Alltag besser mit ihrem Tinnitus-Problem umzugehen. So werden beispielsweise Techniken zur Entspannung und Stressbewältigung geübt oder Ablenkungsstrategien erarbeitet, um die Aufmerksamkeit weg vom Tinnitus zu lenken. Zusätzlich soll das gezielte Aufsuchen von Situationen, in denen sich der Zustand verschlimmert, einen Gewöhnungseffekt bewirken.

Die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration [1] fanden dementsprechend starke Hinweise darauf, dass kognitive Verhaltenstherapie trotz fortbestehendem Tinnitus zu einer merkbaren Verbesserung der Lebensqualität führen kann. Würde die Höhe der Lebensqualität auf einer Schulnotenskala von 1 bis 5 beurteilt, könnte kognitive Verhaltenstherapie im Vergleich zu gar keiner Behandlung eine durchschnittliche Besserung um beinahe einen ganzen Grad bewirken.

Zudem kann die Therapie zur einer geringen Linderung depressiver Verstimmungen führen, an denen zahlreiche Tinnitus-Patienten leiden. Wie lange diese Wirkungen anhalten, lässt sich anhand der in die Übersichtsarbeit eingeschlossenen Studien allerdings nicht feststellen. Zudem wirkt sich die Behandlung erwartungsgemäß nicht auf die empfundene Lautstärke des „Phantomgeräuschs“ aus, sondern nur auf die subjektiv damit verbundene Belastung für den Betroffenen.

Therapieprogramm für das Internet angepasst

Wie Der Standard in seiner Online-Ausgabe vom 9. 2. 2012 berichtet, soll ein – nicht näher beschriebenes – Internet-basiertes Selbsthilfe-Training zu einem ähnlichen Erfolg wie eine kognitive Verhaltenstherapie führen.

Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Webseite oder ein Programm zum Herunterladen, das nach ein paar Klicks Besserung verspricht. Das an der schwedischen Universität Linköping entwickelte Selbsthilfe-Training ist eine für das Internet angepasste Version eines bereits bewährten kognitiven Verhaltenstherapie-Programms für Tinnitus-Patienten. So bekommen Betroffene, die sich für das Trainingsprogramm entscheiden, wöchentlich Textmodule mit Anleitungen und Übungen präsentiert. Zur Betreuung steht ein entsprechend ausgebildeter Therapeut zur Verfügung, der via Email-Kontakt Ratschläge erteilt und bei Unklarheiten weiterhilft.

Die einzelnen Module behandeln dabei unterschiedliche Strategien, die zuhause geübt und schließlich in den Alltag eingebaut werden sollen. Neben Techniken zur Entspannung und Stressbewältigung, zur Umorganisation von Gedanken über den Tinnitus sowie zum Umgang mit Tönen und Geräuschen werden etwa Übungen zur Lenkung der Aufmerksamkeit oder zum Hervorrufen positiver Gedankenbilder vermittelt. Ziel ist, wie auch in der Gruppen-basierten Therapieform, ein positiverer Umgang mit den Tinnitus-Symptomen und somit eine Verbesserung der Lebensqualität.

Wirksam, aber hohe Anzahl an Abbrechern

In drei unterschiedlichen Studien wurden schwedisch- und englischsprachige Versionen des Internet-basierten Selbsthilfe-Trainingsprogramms im Vergleich zu keiner Behandlung untersucht. In zwei der Untersuchungen [2, 3] brachen allerdings die Hälfte beziehungsweise drei Viertel der Teilnehmer das Programm frühzeitig ab – eine objektive Einschätzung des Behandlungserfolgs war somit nicht mehr möglich.

Eine merkbare Besserung der Tinnitus-Belastung konnten aber die Autoren der neuesten der drei Studien [4] feststellen. In ihrer Arbeit zeigten sie, dass eine gekürzte Version des Internet-basierten kognitiven Verhaltenstherapie-Programms in schwedischer Sprache zu einer merkbaren Verringerung der Belastung für die Patienten führte. Aber auch ein neu entwickeltes Internetprogramm zur Steigerung der Tinnitus-Akzeptanz mit Hilfe Achtsamkeits-basierter Strategien erwies sich als gleichermaßen wirksam. Achtsamkeit bezeichnet dabei eine Haltung, in der die Aufmerksamkeit einzig auf den gerade erlebten Moment gerichtet ist – mit dem Ziel, diesen in einer offenen und nicht- bewertenden Art und Weise zu akzeptieren.

Zwei weitere Studien [5, 6] verglichen herkömmliche kognitive Verhaltenstherapie in Gruppensitzungen mit entsprechenden Internet-basierten Programmen. Bei der ersten Studie [5] handelt es sich um eine abgeänderte Version des schwedischsprachigen Programms. Die Ergebnisse zeigen, dass die Internet-basierte Therapieform der Gruppentherapie ebenbürtig zu sein scheint, auch wenn die Internet-basierte Behandlung etwas häufiger abgebrochen wurde als die herkömmliche Therapie.

In der zweiten Studie [6] wurde die Wirksamkeit einer ins Deutsche übersetzten Version des schwedischsprachigen Selbsthilfe-Trainings untersucht. Auch wenn Der Standard ausführlich darüber berichtete, wurde nicht erwähnt, dass die endgültigen Ergebnisse dieser Studie noch nicht veröffentlicht sind. Vorläufige Daten deuten zwar auf eine mit herkömmlicher kognitiver Verhaltenstherapie vergleichbare Wirksamkeit des Internet-Programms hin, eine endgültige objektive Beurteilung ist allerdings aufgrund fehlender Daten derzeit noch nicht möglich.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2013 [7] analysiert insgesamt zehn randomisiert-kontrollierten zu Selbsthilfe-Therapie-Studien. Sechs davon befassen sich mit internetbasierten Therapien, darunter die vier beschriebenen und zwei weitere aus dem Jahr 2012. Die zusammengefassten Ergebnisse aller zehn Studien deuten auf eine nur geringfügige Besserung der Tinnitusbelastung hin. Die Studienautoren haben Internet-Programme jedoch nicht getrennt von anderen Selbsthilfe-Methoden untersucht.

Zusammenfassung

Es scheint wahrscheinlich, dass kognitive Therapien zur Tinnitusbewältigung nicht nur in herkömmlichen Gruppensitzungen Besserung bringen, sondern auch in Form von Internet-basierten Selbsthilfe-Trainingsprogrammen. Der Grad der Besserung scheint dabei allerdings nur moderat zu sein. Internet-basierte Therapieformen scheinen zudem häufiger zum Behandlungsabbruch durch die Patienten zu führen.

Allerdings ist die Anzahl der Teilnehmer in den vorhandenen Studien relativ klein. Eine sicherere Beurteilung der Wirksamkeit könnten Studien mit einer größeren Anzahl an Teilnehmern sowie niedrigeren Abbruch-Raten ermöglichen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Martinez-Devesa u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: insgesamt 468 Tinnitus-Patienten
Fragestellung: Wirksamkeit von kognitiver Verhaltenstherapie bei Tinnitus

Titel: “Cognitive behavioural therapy for tinnitus”. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 9. Art. No.: CD005233. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Andersson u. a. (2002)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 117 schwedischsprachige Tinnitus-Patienten
Dauer: Behandlung für 6 Wochen sowie Nachfolge-Untersuchung nach 1 Jahr
Vergleich: Internet-basiertes Kognitive Verhaltenstherapie-Programm oder keine Behandlung (Warteliste)

Titel: “Randomized controlled trial of internet-based cognitive behavior therapy for distress associated with tinnitus”. Psychosom Med. 2002 Sep-Oct;64(5):810-6. (Studie im Volltext)

[3] Abbott u. a. (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 56 englischsprachige Industriearbeiter mit Tinnitus
Dauer: 6 Wochen
Vergleich: Internet-basiertes Kognitives Verhaltenstherapie-Programm oder Internet-basiertes Informationsprogramm
Titel: “A cluster randomised trial of an internet-based intervention program for tinnitus distress in an industrial setting”. Cogn Behav Ther. 2009 Sep;38(3):162-73. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Hesser u. a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 99 schwedischsprachige Tinnituspatienten
Dauer: Behandlungsdauer 8 Wochen + Nachfolge-Untersuchung nach 1 Jahr
Vergleich: Internet-basiertes Kognitives Verhaltenstherapie-Programm oder Internet-basiertes Tinnitus-Akzeptanz-Programm verglichen mit aktiver Kontrollgruppe (moderiertes Internet-Diskussionsforum)

Titel: “A randomized controlled trial of internet-delivered cognitive behavior therapy and acceptance and commitment therapy in the treatment of tinnitus”. J Consult Clin Psychol. 2012 Jan 16. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Kaldo u. a. (2008)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 51 schwedischsprachige Tinnitus-Patienten
Dauer: 6 Wochen (Internet-Gruppe) bzw. 7 Wochen (Gruppentherapie) sowie Nachfolgeuntersuchung nach 1 Jahr
Vergleich: Kognitive Verhaltenstherapie in Form von Standard-Gruppentherapie oder via Internet
Titel: “Internet versus group cognitive-behavioral treatment of distress associated with tinnitus: a randomized controlled trial”. Behav Ther. 2008 Dec;39(4):348-59. Epub 2008 Apr 20. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Tausch, Schweda, Kleinstäuber, Weise, Andersson, Hiller (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie (Ergebnisse derzeit nicht veröffentlicht)
Teilnehmer: 128 deutschsprachige Tinnitus-Patienten
Dauer: 10 Wochen
Vergleich: Kognitive Verhaltenstherapie in Form von Standard-Gruppentherapie oder via Internet

Zusammenfassung der Studienergebnisse: Tausch K, Schweda I, Kleinstäuber M, Weise C, Andersson G, Hiller W. Evaluation eines internetbasierten Selbsthilfeprogramms im Vergleich zu einer Gruppentherapie bei chronisch-komplexem Tinnitus. Abgerufen am 21. 2. 2012 unter http://www.klinische-psychologie-mainz.de/abteilung/schwerpunkte.html
Weitere Informationen: Weise, C & Kleinstäuber, M (2011) Internet-Selbsthilfe für Tinnitus-Betroffene – Die ersten Ergebnisse. Tinnitusforum, 3, 20-25.

[7] Nyenhuis u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: insgesamt 1188 Tinnitus-Patienten
Fragestellung: Wirksamkeit von Selbsthilfetherapie über Internet oder Broschüren und Bücher bei Tinnitus im Vergleich zu keiner Therapie oder Face-to-Face-Therapie
Interessenskonflikte: keine angeführt

Nyenhuis N, Golm D, Kröner-Herwig B. A systematic review and meta-analysis on the efficacy of self-help interventions in tinnitus. Cogn Behav Ther. 2013 Jun;42(2):159-69. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[8] Dinces E A (2012). Etiology and diagnosis of tinnitus. In Sokol H N (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 24. 2. 2012

[9] Dinces E A (2012). Treatment of tinnitus. In Sokol H N (ed.). UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 24. 2. 2012