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Thrombose-Risiko bei Langstreckenflügen – was stimmt?

Langstreckenflug als Risiko?

Langstreckenflug als Risiko?

Aktualisiert: Auf Langstreckenflügen steigt das Risiko für Blutgerinnsel. Vermeidbar sind diese durch das Tragen von Kompressionsstrümpfen, ausreichend Flüssigkeit und Bewegung während dem Flug, schreibt Der Standard. Was stimmt, und wie groß ist das Risiko tatsächlich? (Ursprünglich veröffentlicht am 21.6.2012)

 

Zeitungsartikel: Thrombose-Risiko auf Langstreckenflügen (14. 6. 2012, derStandard.at)
Frage:Können Kompressionsstrümpfe das Risiko für problematische Thrombosen während eines Langstreckenfluges verringern?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Das Tragen von Kompressionsstrümpfen, die bis unter das Knie reichen, können die Wahrscheinlichkeit für Thrombosen auf Langstreckenflügen deutlich verringern. Nebenwirkungen wurden keine berichtet.

[Aktualisiert 25.6.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Das Thema Thrombosen (Blutgerinnsel) bei langen Flügen kehrt in den Medien immer wieder. Das stundelange Eingepferchtsein in den engen Sitzen der typischen Economyclass-Flugzeugkabinen behindere den ungestörten Blutfluss und fördere so die Entstehung von Blutgerinnseln.

Verschiedene Maßnahmen sollen helfen, das Thromboserisiko deutlich zu senken. So empfiehlt etwa der Standard, während des Fluges öfters aufzustehen, ausreichend Flüssigkeit zu trinken sowie Kompressionsstrümpfe zu tragen.

Wie groß ist eigentlich das Risiko?

Die Wahrscheinlichkeit, durch längere Flugreisen problematische Thrombosen zu entwickeln, ist zwar gering, aber durchaus vorhanden, wie eine große, rückblickende Untersuchung im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO ergeben hat [1]. Durchschnittlich sind etwa zwei bis fünf von 10.000 Passagieren auf Flügen von mehr als sechs bis acht Stunden betroffen [5] – etwa 2 bis 4 mal häufiger als in der nichtfliegenden Normalbevölkerung. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit bei kürzeren Flügen geringer, steigt aber mit der Flugdauer stark an und kann bis zu 8 Wochen nach dem Flug erhöht sein. In geringerem Umfang sind allerdings auch lange Auto- oder Zugreisen betroffen [4]. Nach Kurzstreckenflügen (unter vier bis sechs Stunden Flugdauer) scheint das Risiko nicht erhöht zu sein [5].

In den meisten Fällen bilden sich solche Blutgerinnsel in den Beinvenen, die sie verstopfen und so Schmerzen, Schwellungen und Entzündungen auslösen können. Doch auch das Becken kann betroffen sein. Gefährlich wird es, wenn sich der Blutpfropfen aus diesen Venen löst und in die Lunge wandert und dort Blutgefäße verstopft – Mediziner sprechen von einer Lungenembolie. Eine solche kann prinzipiell tödlich sein, die Wahrscheinlichkeit für ein Auftreten von Lungenembolien nach Flügen ist aber sehr gering. Schätzungen zufolge sind auf Langstreckenflügen von über 8 Stunden etwa 2-3 unter einer Million Passagiere betroffen [2].

Stärker erhöht ist die Thrombose-Wahrscheinlichkeit bei Personen, die schon einmal eine Venentrhombose hatten, bei Menschen mit Übergewicht, einer erblich bedingten erhöhten Blutgerinnungsneigung („Faktor V Leiden“ – Mutation), mit eingegipsten oder geschienten Beinen, sowie möglicherweise einer sehr geringen oder sehr hohen Körpergröße. Ein deutliches höheres Risiko haben zudem Frauen, die die Anti-Baby-Pille einnehmen [1], da die Thrombose-Wahrscheinlichkeit bei dieser hormonellen Verhütungsmethode bereits von Grund auf leicht erhöht ist (siehe dazu unseren Artikel Neue Pille: tatsächlich besser?).

Wie kann man vorbeugen?

Kompressionsstrümpfe, die bis unter das Knie reichen, können das Thrombose-Risiko während eines Langstreckenfluges tatsächlich stark reduzieren [3]. Die Strümpfe werden während des ganzen Fluges getragen und üben einen leichten Druck auf den Unterschenkel aus. Dies fördert das Zurückfließen von sauerstoffarmen Blut zum Herzen. Auch gegen Ansammlung von Flüssigkeit im Gewebe der Beine (Ödeme) können die Kompressionsstrümpfe nützlich sein. Bedeutende Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

Eine Spritze mit niedrig-molekularem Heparin könnte bei der Vermeidung von Blutgerinnseln eventuell hilfreich sein, allerdings kann Heparin schwere Blutungen auslösen.

Der Rat, während des Fluges viel Flüssigkeit zu trinken, aufzustehen und Bewegung zu machen, basiert nur auf indirekten Schlussfolgerungen [2]. Wissenschaftlich eindeutige Belege für ihre Wirksamkeit gibt es keine, dennoch scheint ein Hauptgrund für die Entstehung von Reise-Thrombosen stundenlanger Bewegungsmangel zu sein.

Nicht wirksam scheint ASS (Acetyl-Salicyl-Säure, zB. Aspirin®) einer randomisiert-kontrollierten Studie zufolge [2] zu sein, auch wenn es prinzipiell „blutverdünnende“ Eigenschaften hat. Zusätzlich verursachte das bekannte Schmerz- und Blutverdünnungsmittel in mehr als 1 von 10 Flugpassagieren Nebenwirkungen des Magen-Darm-Trakts.

Zusammenfassung

Das Risiko für die Entstehung von problematischen Venenthrombosen auf Langstreckenflügen ist zwar relativ gering, aber nachweisbar vorhanden. Wie der Standard beschreibt, stellt das Tragen von Kompressionsstrümpfen tatsächlich ein wirksames Mittel zur Risikovermeidung dar. Insgesamt ist die Studienlage zur Vorbeugung solcher Blutgerinnsel zwar bescheiden, die Weltgesundheitsorganisation WHO führt aber gerade Untersuchungen zur Wirksamkeit verschiedener Vorbeuge-Maßnahmen (siehe die englischsprachige Projektbeschreibung) durch. Die zukünftigen Ergebnisse dieser klinischen Studien werden helfen, die Frage nach geeigneten Risiko-senkenden Maßnahmen besser zu beantworten.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kuipers u.a. (2007)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 8755
Studiendauer: ungefähr 5 Jahre
Fragestellung: Feststellung der Häufigkeit von und Risikofaktoren für durch Flugreisen verursachter symptomatischer Venen-Thrombosen

Titel: “The Absolute Risk of Venous Thrombosis after Air Travel: A Cohort Study of 8,755 Employees of International Organisations“. PLoS Med 4(9): e290. (Studie im Volltext)

[2] Aryal & Al-Khaffaf
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien (insg. 2948 Teilnehmer), davon 1 Studie zu Heparin und Aspirin sowie 1 Studie zu einem fibrinolysefördernden Wirkstoff
Fragestellung: Feststellung der Risikohäufigkeit von Venenthrombosen bei Langstreckenflügen sowie die Wirksamkeit verschiedener Methoden zu deren Vermeidung.

Titel: „Venous thromboembolic complications following air travel: what’s the quantitative risk? A literature review“. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2006 Feb;31(2):187-99. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Clarke u.a. (2006)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien (insg. 2821 Teilnehmer)
Fragestellung: Senken Kompressionsstrümpfe das Risiko für Venenthrombosen während eines Langstreckenflugs?

Titel: „Compression stockings for preventing deep vein thrombosis in airline passengers“. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 2. Art. No.: CD004002. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] World Health Organization (2007). WHO Research Into Global Hazards of Travel (WRIGHT) Project. Final report of phase I. http://www.who.int/cardiovascular_diseases/wright_project/phase1_report/WRIGHT%20REPORT.pdf (Zugriff am 19. 6. 2012)

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2012). Tiefe Venenthrombose. Abgerufen am 25. 6. 2014 unter http://www.gesundheitsinformation.de/tiefe-venenthrombose.2408.de.html