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Tiergestützte Therapie – was kann sie?

Was kann Dr. Tier?

Was kann Dr. Tier?

Bei einer Reihe von Krankheiten setzen Patienten, Ärzte und Therapeuten auf tierische Assistenten: Hunde, Pferde, Delfine und andere Tiere sollen die Gesundheit fördern. Doch wie steht es um den Wirkungsnachweis von tiergestützten Therapien – etwa bei psychischen Erkrankungen? Auf derStandard.at wird die unbefriedigende Studienlage thematisiert.

Zeitungsartikel: „Tiere sind eine Qualitätskontrolle“ (25.07.2012, derStandard.at)
Frage:Sind tiergestützte Therapien bei psychischen Erkrankungen wirksam?
Antwort:Über die Wirkung von tiergestützten Therapien gibt es widersprüchliche Befunde bzw. nur wenige Studien mit gutem Design. Es scheint jedoch plausibel, dass tiergestützte Therapien bei manchen psychischen Erkrankungen unterstützend wirken können; sehr große oder rasche Effekte sind jedoch unwahrscheinlich.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit bei manchen psychischen Erkrankungen

Weltweit fungieren Tiere als Therapie-Assistenten: Im Rahmen einer zielgerichteten Therapie sollen speziell ausgebildete Haus-, Nutz- und Wildtiere die körperliche und seelische Gesundheit ‚ihrer’ Patienten fördern.

Der Umgang mit Tieren im Rahmen einer Physiotherapie, Ergotherapie oder Psychotherapie gilt u. a. als anregend, sinnstiftend und angstlösend; und so werden Hunde bei Soldaten eingesetzt, die durch Kriegserlebnisse traumatisiert sind. Autistische Kinder und ihre Angehörigen nehmen weite Reisen und hohe Kosten in Kauf, um mit Delfinen zu schwimmen. Psychisch Kranke kümmern sich um Bauernhoftiere. Eine spezielle Physiotherapie mit Pferden soll Kindern helfen, die an spastischen Bewegungsstörungen leiden [4] [6].

Viele ungeklärte Fragen

Im Gegensatz zu den zahlreichen Angeboten und Ausbildungswegen ist es jedoch um harte Fakten über die tiergestützten Therapien nicht gut bestellt. Fragen zur Wirksamkeit lassen sich meistens nicht beantworten, zum Beispiel: Kann die tiergestützte Therapie die Menge der benötigten Medikamente senken? Verkürzt sie den Krankenhausaufenthalt? Wie viele Sitzungen sind notwendig, bis ein positiver Effekt eintritt? Welche Patienten profitieren besonders?

Zwar liegt eine ganze Reihe von Studien vor. Doch viele dieser Untersuchungen sind wenig verlässlich, weil es am Studiendesign hapert. Fallstricke sind beispielsweise zu geringe Teilnehmerzahlen, das Fehlen von Kontrollgruppen oder eine allzu euphorische Erwartungshaltung von Patienten und Therapeuten. Zudem macht die Vielzahl an Interventionen Vergleiche schwierig. Auch in Dauer, Häufigkeit und Ziel unterscheiden sich tiergestützte Therapien deutlich.

Oftmals verschwimmen noch die Grenzen zu tiergestützten Aktivitäten: Auch in Altenheimen, Schulen oder Gefängnissen werden von Pädagogen und Sozialarbeitern verschiedene Tierarten eingesetzt – sie sollen für Motivation, Abwechslung, Entspannung, Kommunikation oder Steigerung des Selbstwertgefühls sorgen [1] [4] [5] [6].

Hinweise auf Hilfe

Zu einer etwas besseren Einschätzung haben einige systematische Übersichtsarbeiten aus den letzten Jahren beigetragen. Ganz aktuell ist eine systematische Übersichtsarbeit [1]; hier sind die Beweise aus elf streng ausgesuchten und analysierten randomisiert-kontrollierten Studien zusammengefasst. Aus dem Datenmaterial schließen die Autoren, dass tiergestützte Therapien bei manchen Erkrankungen wirksam sein könnten – dazu zählen psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen wie Depression, Schizophrenie und Suchterkrankungen.

Für die Wirksamkeit von tiergestützter Therapie etwa hinsichtlich Befindlichkeit und Lebensqualität bei Patienten mit Krebs und fortgeschrittenen tödlichen Erkrankungen fehlen noch belastbare Daten. Dies gilt auch für Personen mit einer autistischen Erkrankung.

Doktor Horse

Ähnlich vorsichtig geben sich zwei systematische Übersichtsarbeiten aus dem Jahr 2013, die den Stand des Wissens über unterschiedlichste Pferde-Therapien bei psychischen und körperlichen Erkrankungen zusammenfassen: Positive Kurzzeiteffekte auf die Motorik seien bei Kindern mit Zerebralparese durch Hippotherapie und therapeutisches Reiten gegeben – diese Patienten leiden durch eine Gehirnschädigung an spastischen Bewegungsstörungen. Doch für eine Langzeitwirkung gäbe es keine ausreichenden Nachweise [3].

Auch für andere Personengruppen, die streng genommen gar nicht als krank gelten, sondern eine schwierige Lebenssituation zu bewältigen haben, könnten Therapien und Aktivitäten mit Pferden ein einzelnen Fällen positiv sein [2]. Hier ist die Datenlage aber noch wenig aussagekräftig.

Zukunftsmusik: bessere Daten, verlässliche Einschätzungen

Keine dieser Übersichtsarbeiten spricht den tierischen Therapeuten eine mögliche Wirkung also komplett ab. Alle Autoren fordern die Durchführung weiterer Studien mit besseren Designs, um Licht ins unbefriedigende Dunkel zu bringen.

So ist zu erwarten, dass sich im Laufe der nächsten Jahre stärker herauskristallisieren wird, inwiefern tiergestützten Therapien überhaupt lohnend sind – und in welchen Bereichen andere Behandlungen besser oder gleich gut wirken. Auch über unerwünschte Nebenwirkungen wie Allergien sollte es dann endlich mehr Klarheit geben.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Kamioka u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: Personen unterschiedlichen Alters (Kinder bis Geriatriepatienten), u. .a. mit Schizophrenie, Suchterkrankungen, Depressionen
Fragestellung: Wirksamkeit von tiergestützter Therapie?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Kamioka H, Okada S, Tsutani K, Park H, Okuizumi H, Handa S, Oshio T, Park SJ, Kitayuguchi J, Abe T, Honda T, Mutoh Y Effectiveness of animal-assisted therapy: A systematic review of randomized controlled trials Complement Ther Med. 2014 Apr;22(2):371-390 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Selby & Smith-Osborne (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 14 Studien (Pilotstudien, Programmevaluationen usw.)
Fragestellung: Wirksamkeit von Interventionen und Therapien (außer Hippotherapie)?
Interessenskonflikte:keine angeführt

Selby A, Smith-Osborne A. A systematic review of effectiveness of complementary and adjunct therapies and interventions involving equines Health Psychol. 2013 Apr;32(4):418-32 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Tseng u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 14 Studien (randomisiert-kontrollierte Studien, Beobachtungsstudien)
Fragestellung: Wirksamkeit von Hippotherapie bzw. therapeutischem Reiten auf die Motorik bei Kindern mit Zerebralparese und Spastik?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Tseng SH, Chen HC, Tam KW. Systematic review and meta-analysis of the effect of equine assisted activities and therapies on gross motor outcome in children with cerebral palsy Disabil Rehabil. 2013 Jan;35(2):89-99 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Burton A. Dolphins, dogs, and robot seals for the treatment of neurological disease (in context) Lancet Neurol. 2013 Sep;12(9):851-2 (Arbeit in voller Länge)

[5] Downes MJ, Dean R, Bath-Hextall FJ Animal-assisted therapy for people with serious mental illness (Protocol) Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 12. Art. No.: CD010818 (Zusammenfassung des Protokolls für eine systematische Übersichtsarbeit)

[6] Nimer, J. & Lundahl, B.
Animal-assisted therapy: A meta-analysis Anthrozoos 20(3), 225-238 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)