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Tamiflu: Wirknachweis bei Schweinegrippe unglaubwürdig

Wundermittel gegen Schweinegrippe?

Wundermittel gegen Schweinegrippe?

Tamiflu und ähnliche Influenza-Medikamente (Neuraminidase-Hemmer) hätten während der sogenannten Schweinegrippe-Epidemie 2009 und 2010 zahlreiche Todesfälle verhindert. Das behaupten zahlreiche Medien (z.B. ORF.at) anhand einer kürzlich erschienenen Studie. Deren Datenauswertung ist wegen grober Mängel jedoch nur bedingt vertrauenswürdig.
 

 

Zeitungsartikel: Tamiflu: Umstritten, aber es wirkt (24.6.2014, ORF.at)
Frage:Hat Oseltamivir (Tamiflu®) oder andere Neuraminidase-Hemmer geholfen, Todesfälle durch das H1N1-Influenza-Virus („Schweinegrippe“-Virus) zu reduzieren?
Antwort:unklar
Erklärung:Bisher veröffentlichte Analysen von Daten aus dem Zeitraum der H1N1 Influenza („Schweinegrippe“)-Pandemie sind von ungenügender Qualität, um diese Frage beantworten zu können.

„Umstritten, aber es wirkt“. Zwar nicht bei gewöhnlicher Grippe, sehr wohl aber bei Schweinegrippe, meint ORF.at anhand einer kürzlich veröffentlichten Studie [1]. Diese untersuchte die Wirksamkeit von Neuraminidase-Hemmern wie Oseltamivir (Wirkstoff von Tamiflu®) gegen das Influenza H1N1-Virus – besser bekannt als Schweinegrippe.

Den Studienautoren zufolge konnte die Behandlung von Schweinegrippe-Spitalspatienten in den Jahren 2009 und 2010 mit Neuraminidase-Hemmern die Zahl der Todesfälle um ein Fünftel reduzieren. Begannen die Patienten innerhalb von zwei Tagen nach Beginn der Symptome mit der Behandlung, sei ihre Sterbewahrscheinlichkeit gar nur mehr halb so groß wie ohne Neuraminidase-Behandlung gewesen, so die Schlussfolgerung der Forscher [1].

Dass die Studie jedoch deutliche Mängel aufweist und viele Wissenschaftler sie öffentlich kritisieren [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10], erwähnt ORF.at nicht. Finanziert wurde die Studie von Tamiflu-Hersteller Hoffmann-La Roche. Regierungen auf der ganzen Welt gaben 2009 zusammen mehr als 6 Milliarden Euro aus, um im Zuge der H1N1-Pandemie große Mengen Oseltamivir auf Vorrat zu kaufen.

Grobe Unstimmigkeiten

Für die Studie analysierten die Autoren im Nachhinein Aufzeichnungen von rund 30.000 Schweinegrippe-Patienten aus 78 Behandlungszentren und Spitälern. Eine vermeintlich ausreichend große Teilnehmerzahl, um zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen – insgesamt sind aber zumindest 401 Zentren bekannt, die Aufzeichnungen über die Behandlung von Schweinegrippe-Patienten führten.

Vier Fünftel aller Daten wurden also für die Auswertung gar nicht herangezogen; angeblich, da die Zentrumsleiter die Anfrage der Studienautoren nach Daten ignorierten oder die Daten nicht herausgaben. Die Gründe dafür sind unklar. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die Behandlung mit Neuraminidase-Hemmern in dem analysierten Fünftel der Spitäler mehr Erfolg zeigte als in den nicht berücksichtigten Behandlungszentren.

Unklar ist auch, ob die Behandlungsdaten systematisch und transparent von allen H1N1-Patienten der teilnehmenden Spitäler erhoben worden waren. Wären die Daten willkürlich nur von einem Teil der aufgenommenen H1N1-Patienten aufgezeichnet worden, wäre das Ergebnis nicht mehr objektiv und somit verzerrt. Zur Qualität und Objektivität der aufgezeichneten Daten machen die Autoren keine Angaben. Wichtig wäre gewesen, nur jene Daten zu berücksichtigen, die transparent und objektiv erhoben wurden, bevor das Behandlungsergebnis bekannt war.

Auffällig ist, dass die Rohdaten keinen signifikanten Unterschied in der Sterberate zwischen Neuraminidase-Hemmer-Behandelten und Unbehandelten zeigen. Tatsächlich starben mit 97 von 1000 Behandelten sogar unwesentlich mehr als unbehandelte Patienten (92 von 1000) [2]. Dies ist jedoch nur bedingt aussagekräftig, da Patienten mit erhöhtem Sterberisiko möglicherweise eher eine Behandlung erhalten haben als solche, bei denen die Ärzte annahmen, dass sie die H1N1-Infektion ohnehin überstehen würden.

Bedingt aussagekräftig sind auch die statistischen Methoden, die die Studienautoren angewendet haben, um den Vorteil der Neuraminidase-Hemmer zu zeigen.

Tamiflu alleine gar nicht untersucht

Ob der Tamiflu-Wirkstoff Oseltamivir während der H1N1-Pandemie Leben gerettet hat, wurde in der durch den Tamiflu-Hersteller-finanzierten Studie gar nicht gesondert untersucht. Denn das Autorenteam hat nur Daten zu Neuraminidase-Hemmern allgemein, nicht jedoch zu Oseltamivir alleine veröffentlicht.

Neben Oseltamivir setzten die Studienleiter auch den Wirkstoff Zanamivir (Relenza® der Firma GlaxoSmithKline) und Peramivir (der Firma BioCryst, nur in Japan und Südkorea zugelassen) zur Behandlung von H1N1-Infektionen ein. In etlichen Fällen war gar nicht bekannt, welchen der drei Neuraminidase-Hemmer die Patienten erhalten hatten. Manchmal hatten die Ärzte zusätzlich noch andere Medikamente verabreicht, manchmal kombinierten sie verschiedene Neuraminidase-Hemmer miteinander.

Bei saisonaler Grippe nur mäßig wirksam

Unabhängige Analysen der Cochrane Collaboration zeigen, dass die Wirkstoffgruppe der Neuraminidase-Hemmer den Verlauf einer „gewöhnlichen“ saisonalen Grippe nur geringfügig abmildern. Oseltamivir verkürzt die Krankheitsdauer im Mittel von sieben auf sechseinhalb Tage. Das Medikament kann weder das Risiko für schwere Komplikationen einer Grippeinfektion verringern, noch die Anzahl an Spitalsaufnahmen reduzieren. [Siehe Belege für Wirksamkeit von Grippemittel Tamiflu fragwürdig].

Frühere Analysen ließen eine deutlich bessere Wirksamkeit vermuten. So sollten Neuraminidase-Hemmer nicht nur schwere Komplikationen verhindern, sondern im Fall einer Influenza-Epidemie die Verbreitung der Infektionen eindämmen können. Grund genug für die Weltgesundheitsorganisation WHO, Oseltamivir in die Liste der „essentiellen Medikamente“ aufzunehmen. Im Juni 2009 erklärte die WHO die H1N1-Influenza zur Pandemie, die bis in den Sommer 2010 anhielt.

Es stellte sich jedoch heraus, dass die Einschätzung der Wirksamkeit auf unvollständigen Daten basierte. Oseltamivir-Hersteller Hoffmann-La Roche hatte sich lange geweigert, vollständige Studiendaten zur Wirksamkeit des Wirkstoffs für eine unabhängige Überprüfung zugänglich zu machen. Erst ein Gerichtsurteil zwang den internationalen Pharmakonzern, sämtliche Studiendaten herauszugeben.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christorf)

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Information zur wissenschaftlichen Studie

[1] Muthuri u.a. (2014)
Studientyp: Meta-Analyse von Patientendaten
Eingeschlossene Studien: 78
Analysierte Patienten insgesamt: 29.234 Patienten mit klinisch diagnostizierter H1N1-Infektion (davon 25.001 durch Laboruntersuchung bestätigt)
Fragestellung: Verhindert eine Behandlung mit Neuraminidase-Hemmern durch H1N1-Influenza bedingte Todesfälle?
Interessenskonflikte: Studie wurde durch Tamiflu-Hersteller Hoffmann-La Roche finanziert

Muthuri SG, Venkatesan S, et al. Effectiveness of neuraminidase inhibitors in reducing mortality in patients admitted to hospital with influenza A H1N1pdm09 virus infection: a meta-analysis of individual participant data. Lancet Respir Med. 2014 May;2(5):395-404. (Studie in voller Länge)

Kommentare anderer Wissenschaftler

[2] Kmietowicz Z. Study claiming Tamiflu saved lives was based on „flawed“ analysis. BMJ. 2014 Mar 18;348:g2228. (Kommentar in voller Länge)

[3] Myles PR, Leonardi-Bee J; PRIDE Research Consortium Investigators. Authors‘ reply to Mark Jones’s critique of the study by Muthuri and colleagues reported in The BMJ. BMJ. 2014 Apr 30;348:g2990. (Antwort in voller Länge)

[4] Jones M. Mark Jones’s reply to Myles and Leonardi-Bee’s response to his critique of their paper reported in The BMJ. BMJ. 2014 Apr 30;348:g3001. (Antwort in voller Länge)

[5] Myles PR, Leonardi-Bee J; PRIDE research consortium investigators. Authors‘ reply to Mark Jones’s second critique of the study by Muthuri and colleagues reported in The BMJ. BMJ. 2014 Apr 30;348:g3004. (Antwort in voller Länge)

[6] Fry AM. Effectiveness of neuraminidase inhibitors for severe influenza. Lancet Respir Med. 2014 May;2(5):346-8. (Zusammenfassung des Kommentars)

[7] Antes G, Meerpohl JJ. Statistical and methodological concerns about the beneficial effect of neuraminidase inhibitors on mortality. Lancet Respir Med. 2014 Jun 16. pii: S2213-2600(14)70127-4. (Zusammenfassung des Kommentars)

[8] Jones M, Del Mar C, Hama R. Statistical and methodological concerns about the beneficial effect of neuraminidase inhibitors on mortality. Lancet Respir Med. 2014 Jun 16. pii: S2213-2600(14)70126-2. (Zusammenfassung des Kommentars)

[9] Leonardi-Bee J, Venkatesan S, Muthuri SG, Nguyen-Van-Tam JS, Myles PR; on behalf of the PRIDE research consortium. Statistical and methodological concerns about the beneficial effect of neuraminidase inhibitors on mortality. Lancet Respir Med. 2014 Jun 16. pii: S2213-2600(14)70137-7. (Zusammenfassung des Kommentars)

[10] Wolkewitz M, Schumacher M. Statistical and methodological concerns about the beneficial effect of neuraminidase inhibitors on mortality. Lancet Respir Med. 2014 Jun 16. pii: S2213-2600(14)70115-8. (Zusammenfassung des Kommentars)