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Strophanthin: Das verschwundene Herzmedikament

Strophanthus gratus

Viele Medikamente verschwinden wieder aus den Behandlungsplänen. Meistens weil es bessere gibt, welche die entweder effektiver sind oder weniger Nebenwirkungen haben. Ist deshalb auch der Wirkstoff Strophanthin verschwunden? Oder war er sowieso nie wirksam?

Frage:Hilft Strophanthin bei Herzerkrankungen wie Angina Pectoris, Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Neben der Erfahrung aus der Notfallmedizin und Pharmazeutik zeigen auch einige ältere randomisiert kontrollierte Studien die Wirksamkeit von Strophanthin. Wie es im Vergleich zu modernen Medikamenten wirkt, können wir aus den vorhandenen klinischen Studien nicht abschätzen.

Herz-Kreislauferkrankungen sind Todesursache Nr. 1 in hochentwickelten Ländern, wirksame Medikamente wären also besonders in diesem Bereich äußerst gefragt. Kann es da wirklich sein, dass ein gut funktionierendes Medikament einfach so aus der Praxis verschwindet?

War es je wirksam?

Strophanthin wurde vor allem in Deutschland seit den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts häufig bei Herzstörungen eingesetzt [1]. Doch wie wir heute wissen, sind gute Erfahrungen, keine Garantie für echte Wirksamkeit. Und auch die Studien aus der damaligen Zeit entsprechen nur in seltenen Fällen heutigen Qualitätskriterien, was eine Beurteilung der Wirksamkeit nach modernen Kriterien erschwert. Neben einigen tatsächlich wenig aussagekräftigen Arbeiten [2] [3][7] findet sich allerdings auch eine randomisiert kontrollierte Studie aus dem Jahr 1985, die eine Wirksamkeit bei Angina pectoris nahelegt [4]. Angina pectoris ist ein Brustschmerz, der durch eine Durchblutungsstörung des Herzens ausgelöst wird.

Unberechenbar und gefährlich

Trotz der guten Erfahrungen war früh umstritten, ob das Mittel auch über den Mund eingenommen werden kann, da nicht klar war, wie viel des Wirkstoffs vom Körper auf diesem Weg aufgenommen wird. Das macht die Dosierung schwierig, bekommt der Patient zu wenig, hilft es nicht, bekommt er zu viel besteht die Gefahr der Überdosierung. In einigen Studien stellten die Forscher tatsächlich eine sehr unterschiedliche Aufnahme bei Gabe über den Mund fest [5]. Aus diesem Grund wurde Strophanthin mehrheitlich durch Digoxin ersetzt, ein Stoff der ebenso wie Strophanthin zu den Herzglykosiden zählt, aber angeblich besser dosiert werden kann – auch bei oraler Gabe.

Das Bessere ist des Guten Feind

Inzwischen ist klar, dass die beiden Herzglykoside nicht auf die gleiche Art wirken [1]. Ob Strophanthin tatsächlich weniger geeignet ist als Digoxin wurde nicht ausreichend getestet. Die einzige Studie, die beides direkt vergleicht, findet sogar Vorteile bei Strophanthin [2].

Nach heutigen Leitlinien spielen beide Herzglykoside keine so große Rolle mehr. Strophanthin ist gänzlich verschwunden, Digoxin ist nur noch zweite Wahl [a]. Medikamente mit anderen Wirkmechanismen sind an ihre Stelle getreten (ACE-Hemmer, Betablocker). Bei welchen Herzbeschwerden die neuen Mittel tatsächlich besser sind als Strophanthin, können wir anhand klinischer Studien nicht beurteilen, denn echte Vergleichsstudien fehlen.

Kommt das Comeback?

Besonders der deutsche Forscher Hauke Fürstenwerth versucht mit wissenschaftlichen Aufsätzen eine Neubewertung von Strophanthin anzuregen [1][6]. Er macht dabei auf neu entdeckte Wirkmechanismen aufmerksam, die zumeist in Tierversuchen gefunden wurden. Er versucht die alten Argumente gegen Strophanthin einerseits mit neueren Laborerkenntnissen zu widerlegen, aber auch ältere Studien am Menschen werden von ihm zitiert: Eine Beobachtungsstudie aus dem Jahr 1977 hat beispielsweise schon gezeigt, dass die Gefahr der Überdosierung bei oraler Gabe relativ unwahrscheinlich ist [3].

Die Debatte um den alten Wirkstoff Strophanthin dauert also noch an, bis jetzt wird sie allerdings nicht mit Hilfe von klinischen Studien geführt – und ist damit für medizin-transparent.at schwer greifbar.

 

Die Studien im Detail

Klinische Studien zu Strophanthin sind dünn gestreut, da es in einer Zeit angewendet wurde, in der die Methoden noch nicht mit den heutigen vergleichbar waren. In einer randomisiert kontrollierten Studie von 1985 wurde 30 Patienten mit Angina pectoris 14 Tage lang entweder Strophanthin oder Placebo verabreicht. Die Strophanthin-Gruppe zeigte bei allen gemessenen Faktoren signifikante Verbesserungen. Zwar ist die Teilnehmerzahl nur klein, aber ansonsten wurde die Studie auch nach heutigen Maßstäben gut durchgeführt [4].

Eine Beobachtungsstudie an 158 Patienten aus dem Jahr 1977 sagt zwar nichts über die Wirksamkeit aus, aber da es bei über 270 behandelten Anfällen nie zu einer negativen Veränderung der Herzfrequenz kam, spricht die Studie gegen eine hohe Gefahr der Überdosierung [3].

Die aktuellen Aufsätze von Fürstenwerth sind selbst keine Studien, tragen aber sehr viele Ergebnisse aus alten Beobachtungen, Tierversuchen und Laborversuchen zusammen [1] [6]. Sie beschäftigen sich viel mit dem Umstand, dass Strophanthin in geringer Dosis ganz anders wirkt als in hoher Dosis und welche therapeutischen Möglichkeiten damit verbunden sein könnten.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Fürstenwerth (2014)
Studientyp: Wissenschaftlicher Aufsatz
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Fürstenwerth H. Why Whip the Starving Horse When There Is Oats for the
Starving Myocardium? Am J Ther. 2014 Sep 24.
Zusammenfassung

[2] Agostini u.a. (1992)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 20

Agostoni PG, Doria E, Berti M, Guazzi MD. [Better efficacy of K-strophanthidin
versus digoxin in subjects with dilated cardiomyopathy and chronic heart
insufficiency]. Cardiologia. 1992 May;37(5):323-9. Italian.
Zusammenfassung

[3] Dohrmann u.a. (1977)
Beobachtungsstudie an 158 Patienten mit schweren bis schwersten stenokardischen Anfällen

Klinisch-poliklinische Studie über die Wirksamkeit von g-Strophanthin bei Angina pectoris und Myokardinfarkt. Dohrmann, R.E., Janisch, H.D., und Kessel, M.; Evang. Waldkrankenhaus Berlin-Spandau. Card./Bull./Acta Cardiol. 14/15 (1977)

[4] Salz, Schneider (1985)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 30 Patienten mit Angina pectoris

http://www.strophantus.de/mediapool/59/596780/data/ZFA.pdf

[5] Erdle u.a. (1979)
Resorption und Ausscheidung von g-Strophanthin nach intravenöser und perlingualer Gabe. H.-P. Erdle, K.-D. Schultz, E. Wetzel F. Gross. Dtsch.med.Wschr 104 (1979)

[6] Fürstenwerth (2010)
Studientyp: Wissenschaftlicher Aufsatz
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Fürstenwerth H. Ouabain – the insulin of the heart. Int J Clin Pract. 2010
Nov;64(12):1591-4.
Zusammenfassung

[7] Baumgarten u.a. (1970)
Baumgarten G, Beickert A, Berdrow J, Fiehring H, Förster W, Haak W,
Hafemeister R, Kiesewetter R, Klein KW, Knappe J, von Knorre G, Krosch H, Lehmann
L, Mann D, Menzel B, Noack W, Rösner R, Sundermann A.
[Strophanthin-convallatoxol. Clinical comparative double-blind trial]. Dtsch
Gesundheitsw. 1970 May 21;25(20):922-6. German.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Leitlinie Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (2012) abgerufen am 5.2.2015