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Stress kein Hauptgrund für Demenz

Verursacht Stress Demenz?

Verursacht Stress Demenz?

„Stress ist der häufigste Grund für Demenz“, behauptet Vorarlberg Online. Eine haltlose Übertreibung, denn die Gründe für den geistigen Abbau im Alter sind kaum bekannt. Stress könnte jedoch neben anderen Einflüssen mit eine Rolle spielen.
 
 
 

 

Zeitungsartikel: Menschen heute gestresster als zur Kriegszeit (20.6.2013, Vorarlberg Online)
Frage:Kann Stress Demenz fördern?
Antwort:Es gibt Hinweise, dass chronischer Stress im Arbeits- und Privatleben das Demenzrisiko im Alter möglicherweise erhöht. Dies muss aber durch größere Studien bestätigt werden. Stress ist jedoch nur einer von vielen möglichen Einflüssen.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür das erhöhte Risiko

Überstunden in der Arbeit, Kunde und Chef machen Druck, zuhause warten die Kinder, und die Hausarbeit erledigt sich auch nicht von selbst. Dauerstress und Überforderung wirken sich negativ auf die Gesundheit aus: von Sodbrennen, Magengeschwüren über Depressionen bis hin zum Burnout. Zudem gilt chronischer Stress auch als Risikofaktor für Bluthochdruck und damit verbundene Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt [5].

Doch Stress soll dem Internetmagazin Vorarlberg Online zufolge auch der häufigste Grund für die Entstehung von Demenz sein. Sollte der langsame geistige Verfall, wie er beispielsweise bei der Alzheimer Demenz auftritt, auf den stressbetonten Lebensstil der heutigen Generationen zurückzuführen sein?

Stress eventuell mitverantwortlich

Die Ursachen für den langsamen, geistigen Verfall sind trotz intensiver Forschung noch weitgehend unbekannt. Der wichtigste Risikofaktor ist das Alter. Von der Alzheimer-Demenz ist etwa jeder Fünfzigste zwischen 65 und 69 betroffen, zwischen 80 und 84 ist sogar jeder zehnte erkrankt [6]. Alzheimer ist die häufigste aller Demenzerkrankungen. Bei den über 90-jährigen hat bereits mehr als die Hälfte eine Form von Demenz [7].

Die Hauptursache dafür ist Stress sicherlich nicht. Allerdings deuten Studien darauf hin, dass permanenter Leistungsdruck als einer von vielen Faktoren mitverantwortlich für die Entstehung von Altersdemenz sein könnte [1] [2] [3] [4]. Vor allem die Kombination mit dem Gefühl, das Ausmaß des Arbeitspensums nicht selbst beeinflussen zu können, könnte die Wahrscheinlichkeit für Demenz im Alter begünstigen [1] [3]. Hohe Anforderungen durch den Job alleine stehen aber nicht zwangsläufig mit späterem geistigem Abbau in Verbindung [2]. Arbeitnehmer, die durch ihre Vorgesetzten stark herausgefordert werden, aber selbst Kontrolle über ihr Arbeitspensum haben, könnten sogar weniger häufig an Demenz erkranken als Kollegen mit geringem Kontrollgefühl [1] [3].

In einer der Beobachtungsstudien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Unzufriedenheit mit früheren Arbeitsstellen oder hohen Anforderungen darin und dem Auftreten von Demenz 30 Jahre später. Personen, die jedoch in ihrem Arbeitsleben von Stress-bedingten Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und ähnlichem berichteten, erkrankten im Alter deutlich häufiger [2]. Das lässt darauf schließen, dass der subjektiv empfundene Stresspegel ausschlaggebender für das Demenzrisiko ist als das tatsächliche Arbeitspensum. Schließlich ist das Stressempfinden von Person zu Person verschieden.

Aktiver Lebensstil könnte Demenzrisiko verringern

Dass ein hohes Arbeitspensum eher in Zusammenhang mit einem verringerten Demenzrisiko steht, wenn das Gefühl der Kontrolle darüber groß ist, verwundert nur auf den ersten Blick. Etliche Beobachtungsstudien legen einen Zusammenhang zwischen geistiger Aktivität und dem Risiko für Alzheimer nahe. Höher Gebildete erkranken zudem weniger häufig an Demenz als Personen mit niedriger Bildung [7]. Nicht nur geistige Tätigkeit, auch sportliche Aktivität und ein großes soziales Netzwerk aus Freunden und Verwandten könnte vor geistigem Abbau schützen oder diesen hinauszögern [7].

Eine wichtige Rolle für das Alzheimerrisiko spielt die Vererbung. Menschen, bei denen ein Verwandter ersten Grades Alzheimer hat, haben ein etwa zehn bis 30 Prozent erhöhtes Risiko [7]. Diabetes, Depressionen, ein erhöhter Cholesterinspiegel und Rauchen zählen zu den Faktoren, die die Alzheimererkrankung ebenfalls begünstigen könnten [6].

Bei der vaskulären Demenz, die etwa 10 bis 20 von 100 Demenzfällen ausmacht, sind die Risikofaktoren weniger klar. Diese Demenzform wird wahrscheinlich durch viele Mini-Schlaganfälle verursacht, von denen jeder einzelne jeweils unmittelbar keine Auswirkung zu haben scheint.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, F. Stigler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wang u.a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Studienteilnehmer: 913 Personen mit 75 Jahren oder älter
Studiendauer: rund 6 Jahre
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit, eher Demenz zu bekommen und erhöhtem Stress im vorangegangenen Arbeitsleben?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Wang HX, Wahlberg M, Karp A, Winblad B, Fratiglioni L. Psychosocial stress at work is associated with increased dementia risk in late life. Alzheimers Dement. 2012;8(2):114-20. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Crowe u.a. (2007)
Studientyp: Kohortenstudie
Studienteilnehmer: 2049 (davon 144 Fälle mit Demenz)
Studiendauer: rund 30 Jahre
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit, eher Demenz zu bekommen und erhöhtem Stress im vorangegangenen Arbeitsleben?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Crowe M, Andel R, Pedersen NL, Gatz M. Do work-related stress and reactivity to stress predict dementia more than 30 years later? Alzheimer Dis Assoc Disord. 2007 Jul-Sep;21(3):205-9. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Seidler u.a. (2004)
Studientyp: Fall-Kontroll-Studie
Studienteilnehmer: 195 Demenzpatienten und 229 gesunde Vergleichspersonen
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit, eher Demenz zu bekommen und erhöhtem Stress im vorangegangenen Arbeitsleben?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Seidler A, Nienhaus A, Bernhardt T, Kauppinen T, Elo AL, Frölich L. Psychosocial work factors and dementia. Occup Environ Med. 2004 Dec;61(12):962-71. (Studie in voller Länge)

[4] Johansson u.a. (2010)
Studientyp: Kohortenstudie
Studienteilnehmer: 1462 Frauen
Studiendauer: rund 35 Jahre
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit, eher Demenz zu bekommen und erhöhtem Stress in vorangegangenen Lebensabschnitten?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Johansson L, Guo X, Waern M, Ostling S, Gustafson D, Bengtsson C, Skoog I. Midlife psychological stress and risk of dementia: a 35-year longitudinal population study. Brain. 2010 Aug;133(Pt 8):2217-24. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2012). Bluthochdruck: Helfen Maßnahmen zur Stressbewältigung? http://www.gesundheitsinformation.de/bluthochdruck-helfen-massnahmen-zur-stressbewaeltigung.1015.de.html

[6] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2013). Überblick: Alzheimer-Demenz. Abgerufen am 18. 7. 2013 unter http://www.gesundheitsinformation.de/ueberblick-alzheimer-demenz.1111.de.html

[7] Shadlen M-F, Larson EB (2013). Risk factors for dementia. In Eichler AF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18. 7. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-dementia