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Steigert Kupfer das Alzheimer-Risiko?

Gefährlicher Kupfer?

Risikofaktor Nr. 1 für Alzheimer ist das Alter, je älter eine Gesellschaft wird, umso mehr breitet sich auch die Erkrankung aus. Laut orf.at bringen neue Studien Alzheimer auf viele Arten mit Kupfer in Verbindung; wird hier gerade ein Risikofaktor entdeckt, mit dem wir vielleicht selber Einfluss auf unser Erkrankungsrisiko nehmen können?

Zeitungsartikel: Kupfer im Blut lässt auf Alzheimer schließen
(14.4.2014, orf.at)
Frage:Erhöht die Aufnahme von Kupfer das Alzheimer-Risiko?
Antwort:Einige Studien behaupten Verbindungen zwischen hohen Kupferwerten und Alzheimer gefunden zu haben. Wenn aber in klinischen Studien versucht wurde, die Kupferaufnahme zu beeinflussen, zeigte das keinen Effekt auf die Alzheimer Krankheit. Ob die Kupferaufnahme irgendeinen Einfluss auf das Alzheimer-Risiko hat ist nicht geklärt.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Kupfer ist ein lebenswichtiges Spurenelemen, das zahlreiche Aufgaben im menschlichen Körper erfüllt; es spielt eine Rolle beim Sauerstofftransport, der Energiegewinnung und vielen anderen Abläufen in den Zellen unseres Körpers. Kupfer kommt in unterschiedlichen Formen vor und macht seine Arbeit in vielen Organen, von der Leber über Knochen bis hin zum Gehirn. Das Element Kupfer ist reaktionsfreudig und kann daher viele Aufgaben erfüllen – aber auch Schaden anrichten, wenn aufgrund von Erkrankungen im Kupferstoffwechsel nicht alles rund läuft. Ist das bei Alzheimer-Patienten der Fall?

Über sieben Ecken

Da Kupfer an so vielen Prozessen beteiligt ist, nimmt es nicht wunder, dass bei Erkrankungen unterschiedliche Folgen auf den Kupferhaushalt zu beobachten sind. Bei Alzheimer sind sehr viele scheinbare Zusammenhänge gefunden worden [1][2][3][4], von erhöhter Konzentration im Blut bis zu erhöhter Konzentration in jenen Hirnarealen, die bei Alzheimerpatienten beschädigt sind. Doch was hier Ursache, Folge oder einfach nur begleitendes Symptom ist, kann noch nicht ansatzweise geklärt sein. Beispielsweise finden sich in manchen geschädigten Hirnarealen von Alzheimerpatienten sehr hohe Werte von freiem Kupfer – und es ist auch klar, dass dieses freie Kupfer grundsätzlich die Fähigkeit hat, Gewebe zu schädigen [3]. Aber ob hier wirklich das freie Kupfer den Schaden angerichtet hat oder ob der Schaden zu hohen Werten von Kupfern führt, ist der Spekulation überlassen.

Aufgrund von Labor- und Tierversuchen wurden Medikamente entwickelt, die unter anderem auf den Kupferhaushalt einwirken. In zwei kleinen randomisiert-kontrollierten Studien an Patienten mit Alzheimer zeigten die Mittel jedoch keine Wirkung im Vergleich zu Placebo, eine Nachfolgestudie wurde aufgrund dieser Ergebnisse abgesagt [5].

Überhaupt nicht klar ist, ob es etwas ausmacht, wie viel Kupfer eine Person mit der Nahrung aufnimmt. Denn es finden sich keine Studien, die eine erhöhte Aufnahme von Kupfer direkt mit einem erhöhten Alzheimerrisiko in Verbindung bringen [6]. Trotzdem rät die Wissenschaftlerin Squitti im Artikel Menschen mit erhöhten Werten von freiem Kupfer, ihre Ernährung zu ändern, auf Muscheln oder Innereien wie Leber sollten sie lieber verzichten; in Anbetracht der Studienlage ein etwas voreiliger Ratschlag.

Genetisches Risiko

Eigentliches Ergebnis der im Zeitungsartikel behandelten Studie ist, dass anhand eines bestimmten Kupferwertes vorhergesagt werden kann, bei welchen Patienten sich eine milde Störung der Hirnfunktion tatsächlich zu einer Alzheimer-Erkrankung entwickelt. Allerdings auch nur bei einer bestimmten Gruppe von Alzheimerpatienten mit bestimmten genetischen Eigenschaften. Die Ursachen für Alzheimer sind bis heute unbekannt, aber mehrere Gene beeinflussen das Erkrankungsrisiko [3].

Hintergrund: Alzheimer

Die Alzheimer-Demenz ist eine Krankheit, die nicht von heute auf morgen beginnt, sondern sich schleichend entwickelt. Anfangs können sich Betroffene oft an Kleinigkeiten nicht mehr erinnern. Dazu kommen Verhaltensänderungen wie etwa Verwirrtheit, Angst und Unruhe. Ist die Krankheit bereits fortgeschritten fällt es den Betroffenen zunehmend schwerer, ihren Alltag zu bewältigen. Ihr Gedächtnis baut stetig ab, im weit fortgeschrittenen Stadium erkennen sie selbst engste Verwandte und Bekannte oft nicht wieder. Symptome und Verlauf der Alzheimer-Demenz können aber von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO erkranken in Westeuropa 54 von 1000 Menschen ab 60 Jahren an einer Form von Demenz, in zwei Drittel der Fälle (36 von 1000 Menschen ab 60) handelt es sich dabei um Alzheimer. Das Risiko an Alzheimer zu erkranken steigt vor allem mit dem Lebensalter [1][b]. Trotz intensiver Forschung gibt es bis heute kein Heilmittel oder gar eine vorbeugende Impfung für diese Krankheit. Auch kann das Fortschreiten durch Medikamente nicht gestoppt werden.

Ist Vorbeugen möglich?

Es gibt eine Reihe von umweltbedingten Risikofaktoren, deren Bedeutung allerdings trotz intensiver Forschung relativ unklar ist. Übergewicht steht im Verdacht, die Gefahr für Alzheimer und allgemein Demenz zu erhöhen, vor allem Bewegung, aber auch Koffein (http://www.medizin-transparent.at/verringert-kaffee-das-risiko-an-alzheimer-zu-erkranken) und moderater Alkoholkonsum hingegen reduzieren das Risiko nach aktuellem Stand des Wissens möglicherweise [a].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Squitti u.a. (2014a)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer insgesamt: 141 Patienten mit anfänglich milden Demenzsymptomen, die für max. 6 Jahre diagnostisch begleitet wurden.
Fragestellung: Kann anhand des Serumspiegels von freiem Kupfer vorhergesagt werden, welche Patienten mit leichten Demenzsymptomen Alzheimer entwickeln werden?
Interessenskonflikte: Die Erstautorin, von der auch zahlreiche weitere Studien zum Thema stammen, erhält Gelder von Canox4drug

Squitti, R., Ghidoni, R., Siotto, M., Ventriglia, M., Benussi, L., Paterlini, A., Magri, M., Binetti, G., Cassetta, E., Caprara, D., Vernieri, F., Rossini, P. M. and Pasqualetti, P. (2014), Value of serum nonceruloplasmin copper for prediction of mild cognitive impairment conversion to Alzheimer disease. Ann Neurol.
Zusammenfassung

[2] Da Silva u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 80, fünf davon zu Kupfer
Fragestellung: Unterscheiden sich die Nährstoffspiegel im Blutplasma bei Alzheimerpatienten und Gesunden?
Interessenskonflikte:Einige der Autoren sind Angestellte von Danone (Nutricia Advanced Medical Nutrition)

Lopes da Silva S, Vellas B, Elemans S, Luchsinger J, Kamphuis P, Yaffe K,
Sijben J, Groenendijk M, Stijnen T. Plasma nutrient status of patients with
Alzheimer’s disease: Systematic review and meta-analysis. Alzheimers Dement. 2013 Oct 18. pii: S1552-5260(13)02464-3.
Zusammenfassung

[3] Squitti, Polimanti (2013)
Studientyp: Narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Gibt es einen „Kupfer-Phenotyp“ bei Alzheimer?
Interessenskonflikte: Die Erstautorin, von der auch zahlreiche weitere Studien zum Thema stammen, erhält Gelder von Canox4drug

Squitti R, Polimanti R. Copper phenotype in Alzheimer’s disease: dissecting
the pathway. Am J Neurodegener Dis. 2013 Jun 21;2(2):46-56.
Zusammenfassung

[4] Squitti u.a. (2014b)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 51, 10 zu Non-Cp Kupfer, 14 zu Adjusted-cp Kupfer und 27 zu Kupfer insgesamt
Fragestellung: Kupferkonzentrationen im Blutserum von Alzheimerpatienten
Interessenskonflikte: Die Erstautorin, von der auch zahlreiche weitere Studien zum Thema stammen, erhält Gelder von Canox4drug

Squitti R, Simonelli I, Ventriglia M, Siotto M, Pasqualetti P, Rembach A,
Doecke J, Bush AI. Meta-analysis of serum non-ceruloplasmin copper in Alzheimer’s
disease. J Alzheimers Dis. 2014;38(4):809-22
Zusammenfassung

[5] Sampson u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: zwei randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Helfen metallbindende Wirkstoffe in der Behandlung von Alzheimer?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Sampson EL, Jenagaratnam L, McShane R. Metal protein attenuating compounds for the treatment of Alzheimer’s dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 2. Art. No.: CD005380.
Zusammenfassung

[6] Loef, Walach (2012)
Studientyp: Narrative Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 101, davon 2 Meta-Analysen und 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Die Rolle von Kupfer und Eisen bei Alzheimer
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Loef M, Walach H. Copper and iron in Alzheimer’s disease: a systematic review
and its dietary implications. Br J Nutr. 2012 Jan;107(1):7-19.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Alzheimer Research Forum Alzheimer Research Forum (ARF). AlzRisk AD Epidemiology Database.

[b] Shadlen MF (2012). Risk factors for cognitive decline and dementia. UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 13.5.2014