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Sport als Antidepressivum?

©iStockphoto.com/gofugui

Der Depression einfach davonlaufen?

Aktualisiert: Im Artikel „Sport hilft nicht unbedingt gegen Depressionen“ berichtet ‚Der Standard’ über den Psychiater Glyn Lewis. Dieser bezweifelt die Wirksamkeit von Sport beim Kampf gegen die Volkskrankheit Depression. (ursprünglich veröffentlicht am 11.2.2014)

Zeitungsartikel: Sport hilft nicht unbedingt gegen Depressionen (6.12.2012, derStandard.at)
Frage:Ist Sport eine wirksame Maßnahme zur Bekämpfung von Depressionen?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Die aktuelle wissenschaftliche Beweislage deutet darauf hin, dass Sport die Beschwerden von depressiven Menschen lindern kann. Allerdings ist der positive Effekt nur mäßig ausgeprägt. Sport wirkt nicht besser als gängige Behandlungen (Antidepressiva, Psychotherapie).

Aktualisiert am 21.7.2014: Eine neue Übersichtsarbeit zur Vorbeugung und Linderung von Depression bei Kindern und Jugendlichen [2] verändert die Bewertung nicht.

„Raff dich doch auf! Mach Sport! Die Bewegung wird dir guttun.“ Tipps wie diese bekommen depressive Personen häufig zu hören. Doch was ist dran an diesen Ratschlägen?

Aktivitäten für den Antrieb

In der Tat gibt es Modelle, die zumindest in der Theorie dafür sprechen, dass körperliches Training Depressionsbeschwerden positiv beeinflussen kann: Schließlich bringt das Erreichen von sportlichen Zielen Erfolgserlebnisse und führt zu einer Stärkung des Selbstwerts.
Darüber hinaus lenkt Bewegung von quälenden Grübeleien sowie Schuldgefühlen ab, und Sporteln in der Gruppe schafft sozialen Rückhalt. Auch physiologische Prozesse wie die Ausschüttung von Endorphinen könnten die Depressions-Symptome abschwächen [1].

Und so ist es nicht verwunderlich, dass Ärzte ihren depressiven Patienten gerne sportliche Aktivitäten empfehlen. Spezielle Bewegungsangebote sind allerdings kein fixer Baustein der Depressionstherapie. Viel stärker kommen psychotherapeutische Behandlungen (z. B. kognitive Verhaltenstherapie) und Medikamente (Antidepressiva) zum Einsatz [3] [4] [5] [6]. Zu diesen gängigen und wirksamen Therapien wünschen sich allerdings viele Patienten Alternativen, etwa weil sie selbst aktiv zu Wohlbefinden und Genesung beitragen möchten [1]. Ist Sport also ein angemessenes und wirksames Antidepressivum?

Mäßige Linderung

Tatsächlich deuten die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien [1] [7] darauf hin, dass Sport die Beschwerden von depressiven Patienten etwas lindern kann.

Allerdings darf man von gezielter, regelmäßiger Bewegung keine Wunder erwarten. Sport kann den anerkannten Therapieformen keineswegs den Rang ablaufen oder sie ersetzen. Der positive Effekt ist bei Patienten, die ansonsten keine medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung erhalten, nur mäßig.
Möglicherweise sind Krafttraining und gemischte Bewegungsformen besser geeignet als reines Ausdauertraining. Doch hier sind weitere Untersuchungen notwendig. Sie sollen helfen, die Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und depressiven Beschwerden genau zu verstehen.

Warum die bereits vorliegenden und qualitativ hochwertigen Studien in ihrer Gesamtheit nicht mehr griffige Argumente brachten? Bei einem Teil der Untersuchungen war die Anzahl der Studienabbrecher hoch – ein Hinweis darauf, dass es den Patienten schwer fiel, ihr Sportprogramm durchzuziehen. Ebenfalls ein Problem bei der Auswertung: Einige Studien hatten nur wenige Teilnehmer, was die Aussagekraft der Ergebnisse abschwächt.

Künftige wissenschaftliche Arbeiten liefern hoffentlich Belege zu folgenden Aspekten:
• Welche Sportarten und Trainingsformen zeigen (die größte) Wirkung?
• Ist es besser, in der Gruppe, unter professioneller Anleitung oder allein zu trainieren?
• Wie lange, wie intensiv und wie oft muss gesportelt werden, bis sich erste Erfolge einstellen?
• Was tun, damit die positive Wirkung auch langfristig anhält?
• Welche Risiken, beispielsweise Überforderung, bringt dieser Therapieansatz mit sich?
• Und: Gelten dieselben Empfehlungen für alle Patienten mit Depression – unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung?

Was tun in der Zwischenzeit?

Viele Details zu möglichen Nutzen und Risiken von Sport bei Depressionen sind also noch offen. Daher sollten sich depressive Patienten mit ihren Ärzten und Psychotherapeuten absprechen. Das Ziel: Eine individuelle Abklärung, ,ob und welche Sportarten sich eignen – und welche Erwartungen realistisch sind.

Es wäre durchaus wünschenswert, mit Hilfe von Sportangeboten weitere wirksame Therapiebausteine zu entwickeln. Immerhin erkrankt etwa jeder Fünfte [8] im Laufe seines Lebens an einer Depression; oft kommt es zu Rückfällen. Zu den typischen Anzeichen zählen Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und innere Unruhe.
Obwohl Depressionen viel Leid verursachen und bis in den Selbstmord führen können, bekommen viele Betroffene keine Behandlung. Einer der Gründe: Noch immer sind depressive Erkrankungen – auch wenn sie so häufig auftreten – tabuisiert, was es Betroffenen schwer macht, professionellen Rat und Hilfe einzuholen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Conney u.a. (2013)
Studientyp: Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 39 randomisierte kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 2326 erwachsene Patienten mit Depressionen
Fragestellung: Wie gut hilft Sport, die Symptome einer Depression zu verbessern – im Vergleich zu gar keiner Behandlung, zu Psychotherapie oder Antidepressiva?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Cooney GM, Dwan K, Greig CA, Lawlor DA, Rimer J, Waugh FR, McMurdo M, Mead GE. Exercise for depression (Review). Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 9. Art. No.: CD004366. DOI: 10.1002/14651858.CD004366.pub6.
Zusammenfassung der Übersichtsarbeit in englischer Sprache

[2] Brown u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 9
Teilnehmer insgesamt: 581 Kinder und Jugendliche
Fragestellung: Bewegungsprogramme zu Behandlung und Prävention von Depression bei Kindern und Jugendlichen
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Brown HE, Pearson N, Braithwaite RE, Brown WJ, Biddle SJ. Physical activity interventions and depression in children and adolescents : a systematic review and meta-analysis. Sports Med. 2013 Mar;43(3):195-206. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Ciprani A. u.a. (2011)Ciprani A, Barbui C, Butler R, Hatcher S, Geddes J. Depression in adults: drug and physical treatments. Clinical Evidence. 2011;05:1003

[4] Butler R. u.a. (2007)Butler R, Hatcher S, Price J, Von Korff M. Depression in adults: psychological treatments and care pathways. Clinical Evidence. 2007;08:1016

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens – IQWiG. Merkblatt Depression (2013). Gesundheitsinformation.de

[6] Robert-Koch-Institut. Depressive Erkrankungen (Hg.)Depressive Erkrankungen(2010). Heft 51. Gesundheitsberichterstattung des Bundes

[7] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens – IQWiG. Depressionen: Helfen Sport und Bewegung? (2013). Gesundheitsinformation.de

[8] Krishnan R (2014). Unipolar depression in adults: Epidemiology, pathogenesis, and neurobiology.  UpToDate. Abgerufen am 3028.1.2014