Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Sonnenbad: Gesund statt krebsfördernd?

Wieviel Sonne ist gesund?

Wieviel Sonne ist gesund?

Die Vorteile übertreffen das Risiko für Krebs, denn Sonnenlicht senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, so Kurier.at. Eine kühne Behauptung, die wissenschaftlich nicht belegt ist.
 
 
 

 

Zeitungsartikel: Sonnenlicht: „Vorteile übertreffen das Risiko für Krebs“ (8.5.2013, Kurier.at)
Frage:Senkt UV-Licht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Antwort:Dass UVB-Licht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken könnte, ist theoretisch denkbar. Bisher veröffentlichte Studien können diese Vermutung allerdings nicht ausreichend bestätigen.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Einer neuen Studie der Universität Edinburgh zufolge [1] könne Sonnenlicht den Blutdruck und damit das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle senken und das Leben verlängern. Der gesundheitliche Nutzen von direkter Sonnenbestrahlung soll demnach größer sein als die zusätzliche Hautkrebsgefahr und diese möglicherweise deutlich übersteigen.

Doch wer weiterliest, erkennt ernüchtert: Erstens saßen die Teilnehmer der schottischen Studie unter Bräunungslampen und nicht unter direktem Sonnenlicht. Und zweitens konnten die Forscher in dem knapp einstündigen Experiment das Auftreten von Hautkrebs, Schlaganfällen, Herzinfarkten oder frühzeitigen Toden nur schwerlich untersuchen. Was ist also dran an der Geschichte?

Senkt UV-Licht den Blutdruck?

Konkret untersuchten die schottischen Wissenschaftler die Wirkung von UVA-Licht – dem energiearmen Anteil der ultravioletten (UV) Strahlung des natürlichen Sonnenlichts. Das Ergebnis: 20 Minuten unter künstlichem UVA-Licht können den Blutdruck möglicherweise kurzfristig etwas senken. Die Forscher zeigten, dass wahrscheinlich durch UV-Licht in der Haut gebildetes Stickoxid (NO) für diese Blutdrucksenkung verantwortlich war.

Detailliert nachvollziehen lässt sich die Untersuchung allerdings nicht, da die Forscher nur eine Kurzzusammenfassung ihrer Ergebnisse veröffentlicht haben [1]. Ob regelmäßige UVA-Bestrahlung den Blutdruck auch langfristig senken kann, lässt sich daraus nicht vorhersagen, dazu wären längerfristige Studien nötig. Bluthochdruck ist zwar ein wichtiger Risikofaktor für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, über das Herzrisiko sagen die Ergebnisse des Kurzzeit-Experiments aber nichts aus.

Natürliches Sonnenlicht hat neben UVA auch einen energiereicheren und damit aggressiveren UVB-Anteil. Dieser ist dafür verantwortlich, dass unsere Haut das lebenswichtige Vitamin D produzieren kann. Ein Zuviel an UVB-Strahlung kann aber das Hautkrebsrisiko erhöhen [6].

Sonne und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Unabhängig von der ungeklärten Frage, ob UV-Licht den Bluthochdruck senken kann – wie sieht es mit der Auswirkung auf das Herzrisiko aus?

Zumindest in einem haben die schottischen Forscher Recht: Vitamin D, das die Haut durch Sonnenbestrahlung bildet, scheint an einer möglichen Blutdrucksenkung nicht beteiligt zu sein. Studien zur regelmäßigen Einnahme von Vitamin D – Präparaten bestätigen das [7].

Tatsächlich deutet eine Kohortenstudie [4] an 38 472 schwedischen Frauen darauf hin, dass Sonnenbäder die Sterblichkeit sowohl insgesamt als auch speziell durch Herzinfarkt, Schlaganfall und Co verringern kann. Dies gilt allerdings nur bei natürlichem Sonnenlicht, nicht aber für Solarien. Die Ergebnisse sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Sie basieren auf einer Befragung der Teilnehmerinnen zu den Sonnengewohnheiten in ihrem bisherigen Leben. Dabei ist es wahrscheinlich, dass Erinnerungslücken das Studienergebnis verzerrt haben.

Eine US-amerikanische Kohortenstudie kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen [5]. Die Autoren untersuchten den Zusammenhang von Sonneneinstrahlung und der Häufigkeit von Schlaganfällen. Dabei fanden sie heraus, dass in Gebieten mit vermehrter Sonneneinstrahlung weniger Menschen Schlaganfälle erlitten. Wie viel Zeit die untersuchten Personen allerdings tatsächlich in der Sonne verbracht hatten, wussten die Forscher nicht. Daher ist auch die Aussage dieser Studie nur bedingt vertrauenswürdig.

Herz-Kreislauferkrankungen vs. Krebs

Insgesamt ist die Beweislage für eine Senkung des Herzrisikos durch Sonnenbäder jedenfalls noch unzureichend – nur umfangreichere und präzisere Studien können darauf eine Antwort geben. Sicher ist, dass UV-Strahlung Hautkrebs verursachen kann. Dies ist speziell bei regelmäßiger Solarienbenutzung der Fall. Wer sich regelmäßig seit jungen Jahren im Solarium bräunen lässt, verdoppelt seine Wahrscheinlichkeit, Hautkrebs zu bekommen [6].

Bei natürlicher Sonnenbestrahlung ist die Beweislage weniger klar – das Risiko ist dennoch da. So zeigt sich, dass die regelmäßige Verwendung von Sonnencremes das Risiko für Hautkrebs klar verringern kann [6].

Sonnenlicht hat auch ganz klar positive Eigenschaften – der Körper benötigt es in Maßen, um Vitamin D produzieren zu können. Doch die Dosis macht das Gift, sagte schon Paracelsus – zu viel Braten in der Sonne ist gefährlich.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Liu u.a. (2013)
Studientyp: nicht-randomisierte, kontrollierte Studie (Zusammenfassung eines Konferenzvortrags)
Teilnehmer: 24 gesunde Personen
Studiendauer: 50 Minuten
Fragestellung: Bewirkt UVA-Bestrahlung eine kurzfristige Senkung des Blutdrucks?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

D Liu,BO Fernandez, NN Lang, JM Gallagher, DE Newby, M Feelisch and RB Weller. UVA lowers blood pressure and vasodilates the systemic arterial vasculature by mobilisation of cutaneous nitric oxide stores. Journal of Investigative Dermatology (2013) 133, S209–S221. Conference Abstract. (Zusammenfassung des Konferenzvortrags)

[2]Scragg u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 123 Personen mit niedrigem Vitamin D – Spiegel
Studiendauer: 12 Wochen
Fragestellung: Kann UVB-Strahlung im Vergleich zu UVA-Strahlung den Blutdruck senken?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Scragg R, Wishart J, Stewart A, Ofanoa M, Kerse N, Dyall L, Lawes CM. No effect of ultraviolet radiation on blood pressure and other cardiovascular risk factors. J Hypertens. 2011 Sep;29(9):1749-56. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Krause u.a. (1998)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 18 Personen mit erhöhtem Blutdruck
Studiendauer: 6 Wochen
Fragestellung: Kann UVB-Strahlung im Vergleich zu UVA-Strahlung den Blutdruck senken?
Mögliche Interessenskonflikte: Finanzierung u.a. durch „Förderverein Sonnenforschung e.V.“

Krause R, Bühring M, Hopfenmüller W, Holick MF, Sharma AM. Ultraviolet B and blood pressure. Lancet. 1998 Aug 29;352(9129):709-10. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Yang u.a. (2011)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 38 472 Schwedinnen
Studiendauer: 15 Jahre
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sonnenlicht-Aussetzung und Sterblichkeit
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Yang L, Lof M, Veierød MB, Sandin S, Adami HO, Weiderpass E. Ultraviolet exposure and mortality among women in Sweden. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2011 Apr;20(4):683-90. (Studie in voller Länge)

[5] Kent u.a. (2013)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 16 606 Personen ab 45 Jahren
Studiendauer: 15 Jahre
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Sonneneinstrahlung oder Temperatur und dem Auftreten von Schlaganfällen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Kent ST, McClure LA, Judd SE, Howard VJ, Crosson WL, Al-Hamdan MZ, Wadley VG, Peace F, Kabagambe EK. Short- and long-term sunlight radiation and stroke incidence. Ann Neurol. 2013 Jan;73(1):32-7. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Geller AC, Swetter S (2013). Primary prevention of melanoma. In Corona R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 5. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/primary-prevention-of-melanoma

[7] Bjelakovic G, Gluud LL, Nikolova D, Whitfield K, Wetterslev J, Simonetti RG, Bjelakovic M, Gluud C. Vitamin D supplementation for prevention of mortality in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 7. Art. No.: CD007470. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)