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Sitzen wir uns zu Tode?

©iStockphoto.com/markrhiggins

Sitzen – gemütlich und gefährlich?

Anscheinend ist wirklich all das gefährlich, was wir im Übermaß tun. Laut einem Artikel auf derstandard.at bringt uns sogar ständiges Sitzen frühzeitig ins Grab. Sitzen wir wirklich gesundheitsgefährdend lange?

Zeitungsartikel: So ungesund ist langes Sitzen (21.2.2014, Der Standard)
Frage:Verkürzt langes Sitzen die Lebensdauer?
Antwort:Zwar ist es schwierig, die Wirkung von langem Sitzen als eigenen Faktor herauszufiltern, aber mehrere systematische Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass Sitzen tatsächlich die Lebensspanne verkürzt – unabhängig von anderen Risikofaktoren.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür das erhöhte Risiko

Den ganzen Arbeitstag hängen wir vor dem Computer, und abends wird vor dem Fernseher geknotzt. Inzwischen ist zwar auszuschließen, dass wir vom Starren auf diverse Mattscheiben viereckige Augen bekommen. Doch andere negative Auswirkungen lassen sich durchaus feststellen, wie der Artikel im Standard korrekt beschreibt.

Risikosport Sitzen

Je nach Quelle verbringen wir 50 bis 70 Prozent unserer wachen Zeit sitzend [1][2]– und wie die Studienlage aussieht, bringt uns das verfrüht ins Grab. Eine Übersichtarbeit von 2013 zeigt, dass das Sterblichkeitsrisiko mit jeder zusätzlichen Stunde Sitzen zunimmt, allerdings nicht gleichmäßig: Jeweils ab der vierten und ab der achten Stunde zeigt sich ein sprunghafter Anstieg [1].

Bei fünf der sechs in der Übersichtsarbeit eingeschlossenen Studien wurde das Verhalten der Teilnehmer mittels Fragebogen erhoben. Nur bei einer Studie wurden Sitzen und Aktivität tatsächlich gemessen; hier war der Zusammenhang zwischen Sitzen und Gesundheitsgefährdung sogar noch deutlicher als in den Studien mit Fragebogen.

Bei einer weiteren systematischen Übersichtsarbeit von 2012 wurde berechnet, wie stark sich die Teilnehmer mit der kürzesten von jenen mit der längsten täglichen Sitz-Zeit unterscheiden; das Ergebnis ist deutlich: die „Langsitzer“ haben ein um 49 Prozent höheres Sterblichkeitsrisiko, leben also deutlich kürzer [2].

Die Autoren einer Übersichtsstudie von 2012 mit Daten aus den USA kommen zu dem Schluss, dass die Lebenserwartung insgesamt um zwei Jahre gesteigert werden könnte, wenn die Sitz-Zeit auf unter drei Stunden am Tag reduziert würde [3]. Sie schätzen damit das Sitzen als einen beinahe ebenso starken Risikofaktor ein wie das Rauchen.

Hilft mehr Bewegung?

Und wenn man nach einem langen Bürotag einfach ausgiebig Sport treibt? Durch Bewegung ist es möglich, die schädigenden Auswirkungen des Sitzens zu verringern, aber ganz kann das Risiko auch durch Sport nicht eliminiert werden. Das heißt im Klartext: Langes Sitzen ist auch für jene ungesund, die ansonsten viel Bewegung machen [1].

Einschränkungen

Obwohl alle Studienergebnisse in die gleiche Richtung deuten und einheitlich auf ein Gesundheitsrisiko durch langes Sitzen hinweisen, bestehen noch einige Zweifel: Zwar versuchen Forscher möglichst alle anderen wichtigen Einflüsse zu berücksichtigen und diese ‚herauszurechen’. Aber ob das Sitzen tatsächlich unabhängig von anderen Lebensumständen ein Risiko darstellt, ist nicht mit Sicherheit festzustellen; Wechselwirkungen mit Faktoren wie Übergewicht, Ernährung oder sozialem Umfeld täuschen hier eventuell einen Zusammenhang vor.

Dazu kommen methodische Probleme: Wie lange die Studienteilnehmer sitzen, wird meist nur per Fragebogen erhoben. Solche Selbstauskünfte sind unzuverlässig. Die einzige Studie, bei der das Verhalten objektiv erfasst wurde, weist auf ein noch höheres Gesundheitsrisiko durch Sitzen hin. So interessant dieses Resultat auch ist – diese Studie hatte nur verhältnismäßig wenig Teilnehmer und einen kurzen Beobachtungszeitraum. Größere Studien, bei denen das Verhalten einheitlich und objektiv erfasst wird, sind also notwendig, um den Risikofaktor Sitzen klar einordnen zu können.

Bewegungssensoren, die als modischer Armschmuck getragen werden und die Aktivität rund um die Uhr aufzeichnen, sind gerade in Mode; dieses Selftracking mit Smartphone-Apps, Sportuhren und ähnlichen Spielereien produziert ganz von allein Daten, mit denen diese Frage in naher Zukunft eindeutig geklärt werden könnte.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: J. Harlfinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Chau u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: sechs prospektive Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 595086
Fragestellung: tägliche Sitz-Zeit und allgemeines Sterblichkeitsrisiko
Interessenskonflikte: keine angegeben

Chau JY, Grunseit AC, Chey T, Stamatakis E, Brown WJ, Matthews CE, Bauman AE,
van der Ploeg HP. Daily sitting time and all-cause mortality: a meta-analysis.
PLoS One. 2013 Nov 13;8(11):e80000.
Zusammenfassung

[2] Wilmot u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 18 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 794577
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen täglicher Sitz-Zeit, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und allgemeinem Sterblichkeitsrisiko?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Wilmot EG, Edwardson CL, Achana FA, Davies MJ, Gorely T, Gray LJ, Khunti K,
Yates T, Biddle SJ. Sedentary time in adults and the association with diabetes,
cardiovascular disease and death: systematic review and meta-analysis.
Diabetologia. 2012 Nov;55(11):2895-905.
Zusammenfassung

[3] Katzmarzyk, Lee (2012)
Studientyp: Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 5 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 794577
Fragestellung: Zusammenhang von inaktivem Verhalten und allgemeinem Sterblichkeitsrisiko in den USA
Interessenskonflikte: keine angegeben

Sedentary behaviour and life expectancy in the USA:
a cause-deleted life table analysis. BMJOpen 2012; 2 : e000828
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