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Der Schatz im Silber-Socken

Silber: gesundes Metall?

Silber: gesundes Metall?

Aktualisiert: Kleinste Teilchen von Silber können antibakteriell wirken und finden sich daher in Socken, Kosmetika und sonstigen Alltagsgegenständen. Manche Menschen schlucken sogar Silber in der Hoffnung, es wirke gegen Erkrankungen. Wie wertvoll ist Silber für die Gesundheit? (ursprünglich veröffentlicht am 28.11.2013)

Zeitungsartikel: Nanosilber in Socken, Kosmetika & Co (22.5.2012, derstandard.at)
Frage:Hat Nanosilber einen gesundheitlichen Nutzen?
Antwort:unklar
Erklärung:Nanosilber kann antibiotisch wirken, es gibt aber keinen Nachweis dafür, dass solches Silber in diversen Produkten gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. Auch zu kolloidalem Silber, das geschluckt wird, sind keine guten klinischen Studien zu finden, trotzdem sind Nebenwirkungen bekannt.

Aktualisiert am 27.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien ergibt keine inhaltlichen Änderungen.

Silber ist grundsätzlich für den Körper überflüssig. Eigentlich ist es sogar giftig, und als Nanosilber noch giftiger: Nanosilber besteht aus sehr kleinen Teilchen (mit einem Durchmesser von max.100 Nanometern), die leicht in Gewebe eindringen können und durch die im Verhältnis größere Oberfläche auch stärker in chemische Abläufe im Körper eingreifen [1]. Dennoch kam irgendwer auf die Idee, Nanosilber als zu schluckendes Wundermittel einzunehmen – als Silbersalzpräparate oder flüssige Lösung, meist unter dem Begriff kolloidales Silber. Es gibt keine klinischen Studien, welche die Wirksamkeit überprüft hätten.

Kein pro, viel contra

Gleiches gilt für das Silber in den Alltagsprodukten. Zwar zeigt Silber im Labor Wirkung gegen Bakterien, Viren und Pilze [2], aber ob das beim Einsatz in Alltagsprodukten eine Auswirkung hat, ist ohne klinische Studien nicht zu sagen. Selbst in der Theorie ist nicht klar, ob antibakterielle Produkte überhaupt einen Nutzen für die Gesundheit haben. Warum sollten antibakterielle Socken oder Hautcremes gesünder sein als andere? Die Produktentwickler scheinen hier mehr auf die Ängste der Konsumenten zu setzen als auf wissenschaftliche Befunde. Bei Socken und Textilien wird die Geruchsvermeidung beworben, in wie weit die stattfindet, ist nicht Thema klinischer Studien.

Auch im klinischen Alltag verbreiten sich Produkte mit Silber, vor allem in der Wundbehandlung, wo sie vor Infektionen schützen sollen. Hier ist das Silber deutlich höher dosiert, dennoch sind die Ergebnisse nicht eindeutig. Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration von 2010 zeigt, dass solche Wundbehandlungen mit verschiedenen Formen von Silber nicht besser vor Infektionen schützen als andere oberflächliche Wundbehandlungen, einzelne kleine Studien weisen sogar auf längere Heilungszeiten hin [2]. Klinische Studien zu anderen Silberanwendungen sind kaum zu finden; in einer randomisiert-kontrollierten Studie schnitt ein silberhaltiger Nasenspray in Kombination mit einem Wirkstoff bei Erkältungen besser ab als eine Salzlösung [3]. Aber da ist natürlich nicht klar, ob jetzt das Silber oder der Wirkstoff geholfen hat.

Mit nachgewiesener Wirkung sieht es also schlecht aus. Noch schlechter sieht das Gesamtbild aus, wenn die Nebenwirkungen betrachtet werden: Geschlucktes Kolloidales Silber wird vom Körper aufgenommen und lagert sich in allen Geweben ab [1]. Besonders beeindruckend ist die Ablagerung in der Haut, denn Menschen, die sehr viel kolloidales Silber eingenommen haben, färben sich blau. Diese Nebenwirkung nennt sich Argyrie und ist nicht heilbar: Einmal blau, immer blau. Gift ist immer eine Frage der Dosis, ab wann welche anderen Nebenwirkungen auftreten können, ist noch nicht geklärt. Aus dem Tierversuch weiß man allerdings von zahlreichen Schädigungen, von Gewichtsverlust bis zu negativen Auswirkungen auf das Immunsystem.

Noch mehr contra

Silber ist selten, wenn Menschen es nicht absichtlich schlucken, ist die Gefahr einer Vergiftung gering [1]. Durch den weit verbreiteten Einsatz in Alltagsgegenständen verändert sich jedoch bereits diese Hintergrundbelastung. Auch der Herstellungsprozess hat ökologische Folgen. Zwar sind die Auswirkungen noch nicht klar abzuschätzen, aber Resistenzbildungen sind bereits bekannt [1]. Bakterien und Keime werden also gegen Silber resistent, was das Silber auch im klinischen Einsatz wirkungslos werden lassen kann.

Außerdem sind Bakterien nicht nur böse, sie erfüllen sowohl in unserem Körper als auch in jedem Stoffkreislauf wichtige Funktionen. Die unnötige Anreicherung der Umwelt mit antibiotischen Wirkstoffen ist keine gute Idee, konkret können beispielsweise Schädigungen aquatischer Lebewesen, nützlicher Bakterien in den Kläranlagen und im Ackerboden hervorgerufen werden [a].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Hadrup, Lam (2013)
Studientyp: Übersichtsarbeit.
Fragestellung: Toxizität von oral eingenommenem Nanosilber und kolloidalem Silber
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Hadrup N, Lam HR. Oral toxicity of silver ions, silver nanoparticles and
colloidal silver – a review. Regul Toxicol Pharmacol. 2013 Nov 11. doi:pii:
S0273-2300(13)00186-4. 10.1016/j.yrtph.2013.11.002.
Zusammenfassung

[2] Storm-Versloot ua (2010)
Studientyp:Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
eingeschlossene Studien: 26 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 2066 Teilnehmern
Fragestellung: Oberflächliches Silber für die Vermeidung von Wundinfektionen
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Storm-Versloot MN, Vos CG, Ubbink DT, Vermeulen H. Topical silver for preventing wound infection. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 3. Art. No.: CD006478.
Zusammenfassung

[3] Damiani ua (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 100 Kinder mit Erkältung
Fragestellung: : Wirkt ein Nasenspray mit kolloidalem Silber und Carbossimetyl Beta Glucan besser als ein Nasenspray mit Salzlösung?

Damiani V, Di Carlo M, Grappasonni G, Di Domenico R, Dominici P. Efficacy of a
new medical device based on colloidal silver and carbossimetyl beta glucan in
treatment of upper airways disease in children. Minerva Pediatr. 2011
Oct;63(5):347-54.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Institut für Technikfolgen-Abschätzung der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Dossier über Nanosilber