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Sex statt Kopfwehtablette

Sex als Heilmittel?

Sex als Heilmittel?

Sexuelle Aktivität soll Kopfschmerzen lindern können, melden derStandard.at und oe24.at. Bei einzelnen Personen mag das funktionieren, verlassen sollte man sich auf die schmerzstillende Wirkung aber nicht.

Zeitungsartikel: Sex hilft bei Kopfweh, aber nicht in allen Fällen (13. 3. 2013, DerStandard.at),
Sex hilft gegen Kopfschmerzen (14. 3. 2013, oe24.at)
Frage:Kann sexuelle Aktivität Kopfschmerzen lindern?
Antwort:Einzelne Personen berichten von einer subjektiven Besserung. Verlässliche wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sexuelle Aktivität allgemein Migräne- und Cluster-Kopfschmerzen lindern kann, sind jedoch unzureichend.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Sechs von zehn Migränepatienten könne Sex bei Kopfschmerzen helfen, berichten derstandard.at und oe24.at über die Ergebnisse einer neuen Studie [1] der Universität Münster. Ob mit Partner oder nur alleine, spiele dabei keine Rolle. Doch verlässlich scheint die Wirkung nicht zu sein. Bei einem Drittel der Migräneleidenden würden sexuelle Aktivitäten die Kopfschmerzen nämlich sogar verstärken.

Besserung oder Verschlechterung?

Für die erwähnte Studie [1] baten Wissenschaftler 402 Kopfschmerz-Patienten anonym einen Fragebogen auszufüllen. Ein Drittel der Befragten (133 Personen) gab dabei an, bereits ein oder mehrmals sexuellen Aktivitäten während einer Kopfschmerzperiode nachgegangen zu sein.

Die Anzahl derer, die danach eine Besserung verspürten, war aber geringer als in den Medien behauptet. Statt den kolportierten 60 bemerkten nur 44 von 100 Migränepatienten – weniger als die Hälfte –tatsächlich zumindest manchmal eine Linderung ihrer Schmerzen. Bei 17 von 100 Betroffenen führten die sexuellen Aktivitäten hingegen zu einer Verschlechterung der Migräne. 17 weitere erlebten manchmal eine Besserung, an anderen Tagen aber eine Verschlimmerung der Schmerzen. Bei 23 von 100 Migräneleidenden schließlich führte Sex zu keiner Veränderung.

Patienten mit Cluster-Kopfschmerz, einer seltenen, aber schweren Kopfschmerz-Form, berichten ähnliches. Bei rund einem Drittel der Befragten führten sexuelle Aktivitäten gelegentlich zu einer Besserung, bei der Hälfte aber zu einer Verschlimmerung der Symptome.

Ob Betroffene auf eine Schmerzlinderung hoffen könnten, ließe sich allerdings nicht vorhersagen, meinen die Studienautoren. Männer könnten jedoch stärker profitieren. Etwa ein Drittel der befragten männlichen Kopfschmerz-Betroffenen nutzte sexuelle Aktivitäten regelmäßig als Therapie. Unter den weiblichen Befragten hingegen schien dies nur auf ein Siebtel der Migräneleidenden zuzutreffen, jedoch in keinem Fall auf Patientinnen mit Clusterkopfschmerzen. Immerhin mache es den Studienautoren zufolge keinen Unterschied, ob die sexuellen Aktivitäten zu zweit oder alleine erfolgten.

Keine Verallgemeinerung möglich

Verlässliche Hinweise auf eine Wirksamkeit der bekleidungsarmen Behandlungsmethode existieren mit dieser Studie allerdings keine. So geben die Autoren selbst zu, dass etwa eine Verallgemeinerung auf andere Formen von Kopfschmerz – etwa den häufig vorkommenden Spannungskopfschmerz – nicht möglich ist.

Befragungen wie diese sind, auch wenn anonym durchgeführt, generell anfällig für Verzerrungen: es ist unklar, ob die Befragten bei diesem intimen Thema tatsächlich immer wahrheitsgemäß geantwortet haben. Auch ist es möglich, dass sich die Betroffenen nur ungenau an weiter zurückliegende Ereignisse erinnern.

Um die Wirksamkeit einer medizinischen Behandlung gründlich zu untersuchen, ist aber zumindest der Vergleich mit einer unbehandelten Gruppe notwendig. Dies mag für diese unkonventionelle Therapiemethode schwierig sein. Doch nur so ließe sich ausschließen, dass sich die Kopfschmerzen nicht auch ohne sexuelle Aktivitäten wieder gebessert hätten. Andere wissenschaftliche Studien, die die Befragungsergebnisse entweder bekräftigen oder abschwächen könnten, finden sich bisher aber keine.

Was bleibt ist selber ausprobieren – auch wenn das Risiko für eine Steigerung der Schmerzsymptome besteht.

Kopfweh durch Sex

Ein anerkanntes Krankheitsbild sind Kopfschmerzen, die durch sexuelle Aktivitäten ausgelöst werden. Der sogenannte Sexualkopfschmerz ist nur wenig verbreitet, etwa jeder Hundertste ist einmal im Leben davon betroffen.

Die Schmerzen können dumpf sein und mit steigender sexueller Erregung stärker werden. In der Mehrzahl der Fälle treten die Schmerzen jedoch plötzlich kurz vor oder während des Orgasmus auf. Männer scheinen davon häufiger betroffen zu sein als Frauen.

Die Ursache für Sexualkpopfschmerzen sind wenig erforscht, eventuell hängen sie mit dem erhöhten Blutdruck und Herzschlag während der sexuellen Aktivität zusammen. In seltenen Fällen können sexuell bedingte Kopfschmerzen ein Hinweis auf Erkrankungen im Gehirn sein, daher ist eine ärztliche Abklärung ratsam [2].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Hambach u.a. (2013)
Studientyp: nicht-kontrollierte Querschnittsstudie
Teilnehmer: 402 Kopfschmerzpatienten (306 Migränepatienten, 96 mit Cluster-Kopfschmerz)
Fragestellung: Bewirkt sexuelle Aktivität eine Besserung von Kopfschmerzen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Hambach A, Evers S, Summ O, Husstedt IW, Frese A. The impact of sexual activity on idiopathic headaches: An observational study. Cephalalgia. 2013 Feb 19. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Cutrer FM (2013). Primary headache associated with sexual activity. In Dashe JF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 3. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/primary-headache-associated-with-sexual-activity