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Sex als Ausdauersport

©iStockphoto.com/dolgachov

Training?

Zum Glück gibt es genug andere gute Gründe für Sex, denn als Ausdauersport taugt er anscheinend nicht: Laut nachrichten.at werden beim Sex weniger Kalorien verbrannt als beim Sport.

Zeitungsartikel: Studie: Beim Sport werden mehr Kalorien verbrannt als beim Sex (2.11.2013, nachrichten.at)
Frage:Ist Sex als Ausdauertraining ähnlich gut geeignet wie Lauftraining?
Antwort:Studien zeigen, dass die körperliche Belastung beim Sex zwar vorhanden, aber eher moderat ist. Im Vergleich mit gezielter sportlicher Betätigung ist der Energieaufwand geringer.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagegegen eine vergleichbare Wirksamkeit.

Sex ist trotz seiner grundsätzlichen Beliebtheit meist nur in Zusammenhang mit übertragbaren Krankheiten Inhalt medizinischer Studien – auch wenn der Boulevardjournalismus Sex gerne mal als Abnehmhilfe oder Gesundheitsvorsorge preist, mit oder ohne Studie dazu. Es ist keine Überraschung, dass eine Untersuchung, die tatsächlich einmal den Kalorienverbrauch beim Sex zum Thema hat, es in die Zeitungen schafft. Kanadische Forscher verglichen den Energieaufwand beim Sex mit einem moderaten Training auf einem Laufband [1]. Wie gut schneidet Sex also als Trainingsmethode ab?

Richtig messen

Der Kalorienverbrauch der 42 Männer und Frauen wurde mit einem Armband gemessen, sowohl beim Sex als auch beim 30-minütigem Laufbandtraining. Das Armband wird am Oberarm befestigt und verarbeitet viele Daten, unter anderem die Bewegung entlang von drei Achsen, die Hauttemperatur und die Temperatur in Körpernähe. Diese Methode ist neu, ältere Studien [2] [3] [4] [5] haben zumeist Blutdruck, Puls und gelegentlich Sauerstoffaufnahme gemessen. Die Teilnehmer dieser früheren Studien waren beim Sex also verkabelt oder hatten gar eine Atemmaske an. Das Armband dürfte weniger stören und erlaubt es vor allem auch, dass die Teilnehmer den Versuch in den eigenen vier Wänden vollziehen können – was zu realistischeren Daten führt. Außerdem wurde der Kalorienverbrauch somit auf eine recht direkte Art bestimmt und nicht über den Umweg anderer Messfaktoren.

Das Ergebnis: Bei einem Sexualakt verbrauchen sowohl Männer als auch Frauen im Durchschnitt deutlich weniger Kalorien als bei einem halbstündigen Laufbandtraining [1]. Manche Männer verbrauchen allerdings beim Sex mehr Kalorien als der Durchschnitt der Männer auf dem Laufband. Sie erreichen einen ähnlichen Energieaufwand wie bei einem moderaten Ausdauertraining. Zumindest die Wirkung eines leichten Trainings haben in der Studie beide Geschlechter erreicht. Laut Studienautoren wäre die Leistung ungefähr mit einem gemütlichen Spaziergang zu vergleichen.
Ein Ergebnis, das auch zu früheren Studien passt: Sex ist durchaus körperlich anstrengend, aber dennoch eher ein wenig intensives Training [3] [5]. Die Belastung liegt im Bereich von rund 60 bis 70 Prozent der Maximalleistung und laut einer Studie aus dem Jahr 1970 liegt der Puls unter dem normalerweise erreichten Tagesmaximalwert [2].

Übrigens wurde in der aktuellen Studie auch gefragt, wie gut der Sex war und wie angenehm im Vergleich zum Laufbandtraining. Eine Person fand, dass Sex nicht wohltuender war als das Laufbandtraining, ob Frau oder Mann ist nicht angegeben.

Schweißtreibende Vielfalt

Sex mag durchaus großartig sein, aber ein großartiger Kalorienfresser ist er laut Studienlage nicht. Doch so ganz pauschal lässt sich das aus unterschiedlichen Gründen nicht sagen: Die Ergebnisse der erwähnten Studien zeigen eine breite individuelle Streuung, der Kalorienverbrauch schwankt also von Person zu Person stark [1][4]. Die aktuelle Studie wurde an einer sehr einheitlichen Versuchsgruppe durchgeführt: Junge, gesunde, körperlich aktive Kanadier, und von den Frauen nahmen alle die Pille – bei anderen Bevölkerungsgruppen könnte die Ergebnisse anders aussehen.

Unmögliche Schlagzeile

Die Studie ist nicht sehr kompliziert, aber gut gemacht und der kurze Zeitungsartikel gibt die Ergebnisse auch korrekt wieder; nur Überschrift und Vorspann sind unsinnig – schließlich ist es eine kleine Studie mit nur einer sportlichen Übung und einer sehr einheitlichen Teilnehmergruppe. Sie erlaubt daher keinen pauschalen Vergleich von Sex und Sport – schließlich gibt es unzählige Disziplinen und Intensitäten beim Sport. Und auch beim Sex.

Ziel solcher Studien ist es übrigens nicht, Sex als Ausdauersport zu etablieren, sondern die Belastung korrekt einzuschätzen und so eventuelle Risiken zu erkennen, beispielsweise für Patienten mit Herzkreislaufproblemen.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Frappier ua. (2013)
Studientyp: vergleichende Laborstudie.
Teilnehmer: 21 heterosexuelle Paare
Fragestellung: Kalorienverbrauch beim Sex im Vergleich zum Kalorienverbrauch bei einem halbstündigen Laufbandtraining
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Frappier J, Toupin I, Levy JJ, Aubertin-Leheudre M, Karelis AD. Energy
Expenditure during Sexual Activity in Young Healthy Couples. PLoS One. 2013 Oct
24;8(10):e79342.
Zusammenfassung

[2] Hellerstein, Friedmann (1970)
Studientyp: Kohortenstudie
Fragestellung:Sexuelle Aktivität bei ehemaligen Herz-Kreislaufpatienten
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Hellerstein HK, Friedman EH. Sexual activity and the postcoronary patient.
Arch Intern Med. 1970 Jun;125(6):987-99

[3] Masini ua. (1980)
Studientyp:Laborstudie.
Teilnehmer: zehn Paare
Fragestellung: KElektrokardiogramm bei sexueller Aktivität
Masini V, Romei E, Fiorella AT. Dynamic electrocardiogram in normal subjects
during sexual activity. G Ital Cardiol. 1980;10(11):1442-8.
Zusammenfassung

[4] Bohlen ua. (1984)
Studientyp:Laborstudie.
Teilnehmer:zehn gesunde heterosexuelle Männer
Fragestellung: Kreislaufaktivität und Sauerstoffaufnahme während vier unterschiedlicher sexueller Aktivitäten

Bohlen JG, Held JP, Sanderson MO, Patterson RP. Heart rate, rate-pressure
product, and oxygen uptake during four sexual activities. Arch Intern Med. 1984
Sep;144(9):1745-8.
Zusammenfassung

[5] Palmeri ua. (2007)
Studientyp: vergleichende Laborstudie.
Teilnehmer:19 Männer, 12 Frauen
Fragestellung: Vergleich der Kreislaufaktivität bei sexueller Aktivität und Laufbandtraining
Interessenskonflikte:Finanziert von Pfizer

Palmeri ST, Kostis JB, Casazza L, Sleeper LA, Lu M, Nezgoda J, Rosen RS. Heart
rate and blood pressure response in adult men and women during exercise and
sexual activity. Am J Cardiol. 2007 Dec 15;100(12):1795-801.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

Behind the Headlines, Informationen über die Studie [1] in englischer Sprache