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Schützt Sport das Gehirn vor Alkoholschäden?

Alkohol schädigt das Gehirn

Alkohol schädigt das Gehirn

Ausdauersport soll Alkoholschäden im Gehirn entgegenwirken und die geistige Leistungsfähigkeit steigern. Das berichtet ein Artikel bei VorarlbergOnline. Die wissenschaftliche Beweislage dafür ist aber dürftig.
 
 
 

 

Zeitungsartikel: Nach Trinkgelage: Sport repariert Gehirnzellen (18.4.2013, VorarlbergOnline)
Frage:Kann Sport durch Alkoholkonsum beeinträchtigte geistige Leistungsfähigkeit verbessern?
Antwort:Es gibt nur zwei Studien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Nur eine untersucht die Problematik am Menschen, und das ist nur eine kleine Pilotstudie. Ob Sport alkoholbedingte Gehirnschäden verringert ist nicht geklärt.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Dass sich Alkohol auf den Körper auswirkt, weiß wahrscheinlich jeder. Doch die Frage ist: Was genau stellt Alkohol mit unseren Gehirnen an? Zerstört Alkoholkonsum wirklich unsere Gehirnzellen? Und wenn ja, ist die Schädigung dann irreversibel? Oder kann sie durch sportliche Betätigung rückgängig gemacht werden?

Alkohol lässt Hirnmasse schwinden

Bisherige Forschungen legten bereits die schädigende Wirkung von Alkohol auf die weiße Gehirnsubstanz dar. Diese liegt im Inneren des Gehirns und besteht aus Nervenbahnen, über die verschiedene Hirnregionen miteinander kommunizieren. Langjähriger Alkoholmissbrauch führt zu einem Schwund an Hirnmasse im Bereich des Frontalhirns, des Schläfenlappens sowie des Kleinhirns. Sowohl die weiße als auch die graue Hirnsubstanz (die aus Zellkörpern der Nervenzellen besteht) sind davon betroffen. Der Schwund der weißen Substanz lässt sich mit Hilfe bildgebender Hirnscan-Techniken anhand der Hirnventrikel beobachten. Das sind mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume, die bei Verlust an Hirnsubstanz größer werden. Hört ein Betroffener zu trinken auf, bilden sich die beobachtetenVeränderungen zumindest teilweise wieder zurück [6]. Weiters gibt es Hinweise darauf, , dass sich Sport positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirken könnte [5]. Der nächste logische Schritt war demnach zu überprüfen, ob es auch einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fragestellungen gibt.

Damit beschäftigt sich eine neue Studie der University of Colorado an 60 Freiwilligen. Bei Probanden, die in den letzten drei Monaten vermehrt Alkohol getrunken hatten, fanden die Forscher eine Abnahme der weißen Hirnsubstanz. Studienteilnehmer, die zwar viel tranken, aber auch regelmäßig Sport trieben, wiesen keine solche Abnahme auf [1].

Beeinflussung durch Zigaretten und Cannabis?

Die Wissenschaftler können allerdings nicht ausschließen, dass an dem schädlichen Effekt auf das Gehirn auch der Zigaretten- oder Cannabiskonsum der Studienteilnehmer schuld ist. Denn wenn diese Parameter in die Berechnungen mit einbezogen werden, verschwindet der Unterschied zwischen den Sportlern und den Nicht-Sportlern. Die Ursache für den Unterschied zwischen den beiden Vergleichsgruppen ist daher nicht geklärt.

Ob die Abnahme der weißen Hirnsubstanz gleichzeitig auch mit einer Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit einhergeht, prüften die Wissenschaftler nicht. Auf keinen Fall gilt: „Trink so viel du magst, solange du Sport machst.“ Durch das Alkoholtrinken werden nicht nur das Gehirn, sondern auch viele andere Organe beeinträchtigt [3][4]. Außerdem untersucht die Studie lediglich Auswirkungen auf einige wenige Regionen des Gehirns.

Wenig Hintergrundinformation verfälscht Ergebnis

Die Gehirne der Teilnehmer werden nur zu einem Zeitpunkt untersucht. Es kann also passieren, dass andere Faktoren in das Ergebnis mit einfließen. Beispielsweise ist es denkbar, dass sportliche Personen auch in anderen Bereichen mehr auf ihre Gesundheit achten. So kann sich eine ausgewogene Ernährung positiv auf die Gesundheit des Gehirns auswirken. Umgekehrt nehmen Alkoholiker oft zu wenig Vitamine und Nährstoffe mit der Nahrung auf. Diese Mangelernährung kann über längere Zeit ebenfalls zu Hirnschädigungen führen [6]. Daher wäre es wichtig, andere Ursachen für den Abbau von Hirnmasse auszuschließen und die Teilnehmer der Studie über einen längeren Zeitraum intensiv zu begleiten und zu beobachten.

These im Test

Auch an Ratten wurde die Verbindung zwischen Alkoholkonsum, Sport und Gehirnschädigung untersucht. Dabei wurden 37 weibliche Ratten für 14 Tage beobachtet. Im Versuch stellte sich heraus, dass Alkoholkonsum über vier Tage Zellen im Hippocampus zerstört. In dieser Hirnregion findet das Merken neuer Gedächtnisinhalte statt. Übten die Ratten vor der Alkoholaufnahme moderat Sport aus, so wurden weniger Nervenzellen im Hippocampus und den angrenzenden Regionen zerstört. Allerdings können Tierstudien nur sehr eingeschränkt etwas über medizinische Fakten beim Menschen aussagen.

(Autoren: K. Regnat, B. Kerschner, J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Karoly (2013)
Studientyp: retrospektive Querschnittstudie
Teilnehmer: 60
Studiendauer: 3 Monate
Fragestellung: Wie beeinflusst Ausdauer- und kardiovaskuläres Training den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und der Integrität der weißen Gehirnsubstanz?
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

Karoly HC, Stevens CJ, Thayer RE, Magnan RE, Bryan AD, Hutchison KE. Aerobic Exercise Moderates the Effect of Heavy Alcohol Consumption on White Matter Damage. Alcohol Clin Exp Res. 2013 Apr 2. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Leasure and Nixon (2010)
Studientyp: Laborversuch an Ratten
Studiendauer: 14 Tage
Teilnehmer: 37 weibliche Ratten
Fragestellung: Einfluss sportlicher Betätigung vor Alkoholvergiftung und der damit verbundene Effekt auf Neurodegeneration.
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

Leasure JL, Nixon K. Exercise neuroprotection in a rat model of binge alcohol consumption. Alcohol Clin Exp Res. 2010 Mar 1;34(3):404-14. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] National Clinical Guideline Centre (UK) (2010). Alcohol Use Disorders: Diagnosis and Clinical Management of Alcohol-Related Physical Complications [Internet]. London: Royal College of Physicians (UK); 2010. (Leitlinie in voller Länge)

[4] Vonghia L, Leggio L, Ferrulli A, Bertini M, Gasbarrini G, Addolorato G (2008). Alcoholism Treatment Study Group. Acute alcohol intoxication. Eur J Intern Med. 2008 Dec;19(8):561-7. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Angevaren M, Aufdemkampe G, Verhaar HJJ, Aleman A, Vanhees L. (2008). Physical activity and enhanced fitness to improve cognitive function in older people without known cognitive impairment. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 3. Art. No.: CD005381. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Charness ME (2013). Overview of the chronic neurologic complications of alcohol. In Wilterdink JL (ed.). UpToDate. Abgerufen am 10. 5. 2013 unter
http://www.uptodate.com/contents/overview-of-the-chronic-neurologic-complications-of-alcohol