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Schnuller für gesunden Speichel-Transfer

©iStockphoto.com/hannamonika

Schnuller ablecken oder nicht?

Schnuller Aufheben ist fixer Bestandteil des Bewegungsprogramms junger Eltern. Sollte der Schnuller anschließend abgeleckt oder nur gereinigt werden? Ein Beitrag in „Meine Woche“ spricht für das Ablecken.

Zeitungsartikel: (2.10.2013, Meine Woche)
Frage:Schützt das Ablecken des Schnullers durch die Eltern die Kinder vor allergischen Erkrankungen?
Antwort:Die im Artikel angesprochene Studie ist die erste zu genau dieser Fragestellung. Durch die relativ geringe Teilnehmerzahl ist die Beweislage noch dürftig.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Der Bericht fasst korrekt die wesentlichen Punkte einer aktuellen schwedischen Kohortenstudie zusammen [1]. Dort schließen die Autoren, dass das Ablutschen des Schnullers das Risiko für Allergien senken könnte – und zwar über den Transport von Bakterien aus dem Speichel der Eltern in den Mund der Kleinkinder.

Gesund durch Bakterien?

Bakterien und andere Kleinstlebewesen sind nicht nur Auslöser von Krankheiten, sondern spielen auch beim Aufbau und der Reaktion des Immunsystems eine große Rolle. In den letzten Jahrzehnten haben Allergien stark zugenommen, wofür verschiedene Erklärungen diskutiert werden. Eine davon ist die „Hygiene-Theorie“; demnach wachsen Kinder, die später eine Allergie entwickeln, zu sauber auf, kommen zu wenig mit Kleinstlebewesen in Kontakt und können daher ihr Immunsystem nicht ausreichend ausbilden [1]. Und da kommen die Mikroben aus dem Speichel der Eltern ins Spiel.

Das Zusammenwirken der einzelnen Kleinstlebewesen mit unserem Körper ist allerdings bei weitem noch nicht ausreichend erforscht. Allein die Mundflora des Menschen kann mehr als 600 Arten enthalten. Es ist schwierig zu sagen, was nun eine gesunde Besiedelung des Körpers durch Bakterien ist. Wenn Eltern den Schnuller ihre Kinder ablecken, verändern die Bakterien aus dem elterlichen Speichel die Mundflora der Kinder. Die Studie zeigt, dass im Mund dieser Kinder andere Bakterien leben als im Mund von jenen Kindern, deren Eltern den Schnuller nicht „vorkosten“ [1]. Aber vor allem hatten sie ein geringeres Risiko für Asthma und Ekzeme, zwei Erkrankungen, die in vielen Fällen mit Allergien in Zusammenhang stehen, zumindest bei der Untersuchung nach 18 Monaten. Nach 36 Monaten war die Wirksamkeit des elterlichen Schnullerableckens nur noch für Ekzeme signifikant. Sowohl die Studienautoren als auch der Zeitungsartikel machen völlig korrekt darauf aufmerksam, dass die Studie nur wenige Teilnehmer hat, besonders in Anbetracht dessen, dass hier sehr viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen können. Andere Studien zu genau dieser Fragestellung haben weder die Autoren der Studie noch wir gefunden. Damit existiert zwar ein erster Hinweis, dass es den Nachwuchs schützt, wenn Eltern den Schnuller in den Mund nehmen, aber es bedarf auf jeden Fall noch größerer Studien, um diesen Zusammenhang zu bestätigen.

Was der Schnuller sonst noch macht

Aber sollten Eltern überhaupt ihren Nachwuchs mit einem Schnuller ausrüsten? Das ist keine einfache Frage, denn Schnuller stehen noch mit mehr gesundheitlichen Fragen in Verbindung – sowohl im Positiven wie im Negativen. So gelten sie beispielsweise als Risikofaktor für Mittelohrentzündung [2]. Auf der anderen Seite gibt es deutliche Hinweise, dass Schnuller die Gefahr eines plötzlichen Kindstod verringern können, auch wenn unklar ist, wie der Schnuller das macht [3]. Ob ein Schnuller das Risiko für frühkindliche Karies erhöht, ist nicht geklärt [4][5].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Hesselmar u.a. (2013)
Studientyp: Kohortenstudie.
Teilnehmer insgesamt: 184 Säuglinge, von deren Eltern 65 den Schnuller abgeleckt haben
Fragestellung: Wirkt sich die Art der Schnullerreinigung auf das Allergierisiko der Kinder aus?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Hesselmar B, Sjöberg F, Saalman R, Aberg N, Adlerberth I, Wold AE. Pacifier cleaning practices and risk of allergy development. Pediatrics. 2013 Jun;131(6):e1829-37. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] gesundheitsinformation.de über Mittelohrentzündung, abgerufen am 17.10.2013

[3] Moon ua 2011
Studientyp: Empfehlungen einer Expertengruppe zu plötzlichem Kindstod
Volltext, abgerufen am 17.10.2013

[4] Peressini (2003)
Narrative Übersichtsarbeit.

Peressini S. Pacifier use and early childhood caries: an evidence-based study
of the literature. J Can Dent Assoc. 2003 Jan;69(1):16-9.(Zusammenfassung der Studie)

[5] Vazquez-Nava ua. (2008)
Kohortenstudie.

Vázquez-Nava F, Vázquez RE, Saldivar GA, Beltrán GF, Almeida AV, Vázquez RC.
Allergic rhinitis, feeding and oral habits, toothbrushing and socioeconomic
status. Effects on development of dental caries in primary dentition. Caries Res.
2008;42(2):141-7.(Zusammenfassung der Studie)