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Intelligent durch Schlafmangel?

Schlau oder schlapp nach wenig Schlaf?

Schlau oder schlapp nach wenig Schlaf?

Mehr als sieben Stunden Schlaf schaden der geistigen Fitness, behauptet das Wirtschaftsblatt. Grundlage ist eine als Studienergebnisse getarnte PR-Meldung. Wahr scheint das Gegenteil zu sein – an geistiger Leistungsfähigkeit büßt eher ein, wer zu wenig schläft.

 
 

 

Zeitungsartikel: „Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot“ (19.6.2014, Wirtschaftsblatt.at)
Frage:Erhöht weniger als 7h Schlaf täglich die geistige Leistungsfähigkeit?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Zwei kleine randomisiert-kontrollierte Studien weisen darauf hin, dass die geistige Leistungsfähigkeit mit der Anzahl an schlaflosen Stunden pro Nacht und der Anzahl an Nächten mit ungenügend Schlaf absinkt. Auf eine Steigerung geistiger Leistungsfähigkeit durch eine kürzere Schlafdauer liefert keine einzige wissenschaftliche Studie Hinweise.

Macht Ausschlafen dumm? Einer Studie der Firma Memorado zufolge haben Personen, die angaben, nur vier Stunden pro Nacht zu schlafen, die höchste geistige Leistungskraft, so das „Wirtschaftsblatt“. Wer länger als sieben Stunden schläft, erziele demnach in den Bereichen Logik, Gedächtnisleistung deutlich schlechtere Ergebnisse.

Die Studie selbst wurde allerdings in keiner wissenschaftlichen Zeitschrift zur öffentlichen Einsicht publiziert. Mehrfache Anfragen nach dem vollen Studientext durch Medizin-Transparent ignorierte das Unternehmen. Memorado bietet über seine Webseite ein online-basiertes Trainingsprogramm zur Erhöhung der „Gehirnleistung und Lebensfreude“ an. Die besagte Studie sei dem Wirtschaftsblatt zufolge an 10.000 Nutzern der Trainingsplattform durchgeführt worden.

Schon sechs Stunden Schlaf mindern Hirnleistung

Die Ergebnisse einer kleinen randomisiert-kontrollierten Studie [1] widersprechen der Behauptung vom leistungssteigernden Schlafverzicht deutlich. Die Studienautoren teilten 48 Freiwillige per Zufall verschiedenen Versuchsgruppen zu, die zwei Wochen lang entweder jeweils nur 4, 6 oder 8 Stunden pro Nacht oder aber zwei Nächte gar nicht schlafen sollten. Dabei untersuchten sie täglich die Reaktionsfertigkeit, das Kurzzeitgedächtnis oder die geistige Verarbeitungskapazität der Teilnehmer.

Schon nach wenigen Nächten zeigte sich: je kürzer die Teilnehmer nachts schlafen konnten, umso schlechter schnitten sie in den Tests im Vergleich zur Gruppe mit acht Stunden Schlaf ab. Die schlechtesten Ergebnisse zeigten die Teilnehmer, die zwei Nächte gar nicht schliefen, doch bereits sechs Stunden pro Nacht beeinträchtigte die geistige Leistungsfähigkeit deutlich. Die geringe Teilnehmerzahl mindert jedoch die Aussagekraft der Studienergebnisse.

Ein anderes Forscherteam kam zu ähnlichen Ergebnissen [2]. Es ließ 142 per Zufall ausgewählte Studienteilnehmern fünf Nächte in Folge jeweils nur 4 Stunden Zeit, im Bett zu liegen. Dann verglichen die Wissenschaftler ihre Reaktionsfähigkeit und geistige Verarbeitungskapazität mit einer Kontrollgruppe von 17 Teilnehmern, die jeweils 10 Stunden im Bett zubringen durften. Die Leistungen der Schlafdefizitgruppe waren im Vergleich zur Kontrollgruppe nach fünf Tagen deutlich schlechter, auch wenn die Aussagekraft durch die geringe Größe der Kontrollgruppe eingeschränkt ist.

Nach den fünf Nächten gönnten die Wissenschaftler einigen ermüdeten Teilnehmer eine Nacht mit mehr Schlaf. Deren Testergebnisse waren anschließend umso besser, je mehr Schlaf sie aufholen konnten. Das zeigt, dass Schlafmangel tatsächlich die Ursache für die schlechtere geistige Leistungsfähigkeit zu sein schien. Zur Absicherung der Ergebnisse wären allerdings Studien mit deutlich größeren Teilnehmerzahlen nötig.

Die beiden Studien ergänzen die Erkenntnisse aus bisherigen Untersuchungen. Demnach lassen ein bis zwei Nächte ohne Schlaf Aufmerksamkeit, geistige Verarbeitungsgeschwindigkeit und Kurzzeitgedächtnis merkbar einbrechen [3].

Insgesamt gilt: Wer nur sechs oder weniger Stunden pro Nacht schläft, wird kaum klüger., sondern scheint dadurch seine geistige Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen.

Schlafmangel mit gravierenden Folgen

Der individuelle Schlafbedarf ist von Person zu Person unterschiedlich, die meisten Menschen benötigen jedoch rund acht Stunden Schlaf pro Nacht [4]. Einer großen Gesundheitsbefragung zufolge schläft mehr als ein Drittel aller Befragten in den USA weniger als sieben Stunden in Nächten vor Arbeitstagen [4] [5]. Diejenigen mit weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht klagten dabei häufiger über Konzentrationsprobleme als die übrigen Befragungsteilnehmer.

Die Beeinträchtigung durch Schlafmangel hat auch gravierende Konsequenzen: So ist Übermüdung die zweithäufigste Ursache für Autounfälle und der häufigste Grund für Lastwagenunfälle in den Vereinigten Staaten. Beispielsweise waren Jungärzte in Ausbildung einer Kohortenstudie zufolge mehr als doppelt so häufig in Autounfälle verwickelt, wenn sie zuvor einen Nachtdienst über mehr als 24 Stunden absolviert hatten als nach einem gewöhnlichen Arbeitstag [6].

Auch große Katastophen wie die Nuklearunfälle in Tschnerobyl und auf Three Mile Island oder die Exxon Valdez Ölkatastrophe werden auf die verringerte Entscheidungsfähigkeit übermüdeter Arbeiter zurückgeführt [4].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Van Dongen u.a. (2003)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 48 gesunde Erwachsene (9 schliefen 8 Std pro Nacht, jeweils 13 schliefen 6 Std, 4 Std. oder gar nicht pro Nacht)
Versuchsdauer: 14 Tage für Teilnehmer mit 4, 6 oder 8 Std. Schlaf pro Nacht, 2 Nächte für Teilnehmer mit völligem Schlafverzicht
Fragestellung: wirkt sich eine chronische Schlafreduktion (4 oder 6 Stunden Schlaf pro Nacht über 14 Tage im Vergleich zu 8 Stunden Schlaf pro Nacht) negativ auf kognitive Leistungen aus?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Van Dongen HP, Maislin G, Mullington JM, Dinges DF. The cumulative cost of additional wakefulness: dose-response effects on neurobehavioral functions and sleep physiology from chronic sleep restriction and total sleep deprivation. Sleep. 2003 Mar 15;26(2):117-26. Erratum in: Sleep. 2004 Jun 15;27(4):600. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Banks u.a. (2010)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 159 gesunde Erwachsene
Fragestellung: Wie wirkt sich eine chronische Schlafreduktion (4 oder 6 Stunden Schlaf pro Nacht über 5 Tage im Vergleich zu 8 Stunden Schlaf pro Nacht) plus eine Nacht zur Erholung auf kognitive Leistungen aus?
Interessenskonflikte: Studie nicht Industrie-finanziert, Autoren haben aber in der Vergangenheit verschiedene monetäre Beziehungen zu pharmazeutischen und anderen Unternehmen unterhalten.

Banks S, Van Dongen HP, Maislin G, Dinges DF. Neurobehavioral dynamics
following chronic sleep restriction: dose-response effects of one night for recovery. Sleep. 2010 Aug;33(8):1013-26. (Studie in voller Länge)

[3] Lim u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 70
Fragestellung: Wie wirkt sich der Verzicht auf Schlaf über 24 bis 48 Stunden auf kognitive Leistungen aus?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Lim J, Dinges DF. A meta-analysis of the impact of short-term sleep
deprivation on cognitive variables. Psychol Bull. 2010 May;136(3):375-89. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Pressman MR (2013). Definition and consequences of sleep deprivation. In Eichler AF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 24. 6. 2014 unter http://www.uptodate.com/contents/definition-and-consequences-of-sleep-deprivation

[5] Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Effect of short sleep duration on daily activities–United States, 2005-2008. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2011 Mar 4;60(8):239-42. (Umfrageergebnisse in voller Länge)

[6] Bonnie RJ, Geroge CF (2014). Performance and safety risks of sleep deprivation and sleep disorders. In Eichler AF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 24.6.2014 unter http://www.uptodate.com/contents/performance-and-safety-risks-of-sleep-deprivation-and-sleep-disorders