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Salzlösungen inhalieren als Schutz vor Infektionen?

©iStockphoto.com/Nikodash

Salzlösungen lindern Symptome

Es ist Rinnende-Nasen-Zeit, manche quälen sich seit Weihnachten mit hartnäckigen Erkältungen, andere surfen auf der Grippewelle. Dabei gibt es laut Kleine Zeitung einen einfachen Schutz: Inhalationen mit Salzlösungen verhindern angeblich Infektionen.

Zeitungsartikel: Trockene Nase zur Winterzeit (7.12.2013), ORF Niederösterreich, bzw. Sole beugt Infekten vor, Kleine Zeitung
Frage:Kann das Inhalieren von Salzlösungen Infektionen verhindern?
Antwort:Laut aktueller Studienlage hilft das Inhalieren von Salzlösung dabei, die Symptome bei chronischen Erkältungskrankheiten zu lindern. Ob sie allerdings Infekte verhindern kann, ist nicht untersucht.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Als Spray in die Nase gepumpt, aus dem Kochtopf inhaliert oder eingetropft – viele Wege führen in die Nase. Bei Erkältungskrankheiten wie Schnupfen oder Husten greifen Patienten häufig zu Salzlösungen (Wasser mit Kochsalz), um die Atemwege frei zu bekommen und die Symptome zu lindern. Aber helfen die salzigen Therapien auch, um derartige Infektionen erst gar nicht aufkommen zu lassen? Im Grunde soll die Nasenschleimhaut durch die Wasser-Salz-Mischungen widerstandsfähiger gegen zudringliche Krankheitserreger werden.

Kein Beweis für vorbeugende Wirkung

Zur Vorbeugung gegen Infekte haben wir nur eine Studie gefunden: In Schweden führten 60 gesunde junge Männer 20 Wochen lang ein Protokoll über Erkältungssymptome; zehn Wochen verwendeten sie täglich einen Spray mit salzhaltiger Lösung und zehn Wochen nicht. Das Ergebnis: In der Zeit mit Nasenspray hatten die Teilnehmer seltener Symptome einer entzündeten Nasenschleimhaut. Mehr Tage mit völliger Gesundheit konnten sie allerdings nicht verbuchen [1]. Aufgrund methodischer Einschränkungen ist das Ergebnis nicht ausreichend, um auch nur eine geringe Evidenz für eine vorbeugende Wirkung gegen Infektionen zu bescheinigen.

Entzündungs-Symptome gelindert

Anders als in der schwedischen Studie sprühen sich Gesunde in den wenigsten Fällen dauernd Salzlösung in die Nase. Die Mittel werden zumeist von Patienten mit chronischen Entzündungen der Nasenschleimhäute verwendet, um ihre Symptome zu lindern, also beispielsweise um die Nase frei zu bekommen und Schmerzen zu bekämpfen. Inwiefern dies überhaupt möglich ist, beschreibt eine Übersichtsarbeit von 2007, die häufig als vermeintlicher Beleg für die Wirksamkeit zitiert wird [2]. Demnach helfen Inhalationen mit Salzlösung immerhin besser als keine Behandlung.
Andere Studien geben Hinweise auf positive Effekte hinsichtlich der Lebensqualität, wenn Patienten mit chronischen Entzündungen der Nasenschleimhäute die Salzlösung zusätzlich zur Einnahme von Antihistaminika inhalieren. Es ist denkbar, dass die Lebensqualität bei chronischen Beschwerden nicht nur steigt, weil die Symptome gemildert werden, sondern weil auch weniger Infekte auftreten. Darüber geben die Untersuchungen allerdings keinen Aufschluss. Auch eine neuere Übersichtsarbeit von 2013 empfiehlt, bei chronischen Erkältungskrankheiten Salzlösungen zu inhalieren [3].

Wirkung bei akuten Erkältungen?

Und was ist mit akuten Erkältungskrankheiten, schließlich wird auch hier oft zur Salzlösung gegriffen? Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2010 fand nur drei kleine Studien; da alle dreigewisse Mängeln aufweisen, ist das zu wenig, um eine Wirkung nachzuweisen [4]. Nur bei Kleinkindern mit akuter Entzündung kleinster Verzweigungen der Atemwege in der Lunge (Bronchiolitis) ist eine verdampfte Salzlösung hilfreich; sie mildert Symptome und verkürzt den Spitalsaufenthalt [5].

Pro: Mechanismus und geringe Nebenwirkungen

Klar ist hingegen, dass das Inhalieren von Salzlösung die Befeuchtung und Durchblutung jener Schleimhäute verbessert, die Nasenhöhle und Nasennebenhöhlen auskleiden. Außerdem wird die Aktivität der Flimmerhärchen gefördert, die Fremdstoffe werden schneller wieder aus den Atemwegen herausbefördern, die Selbstreinigungskräfte werden also angekurbelt [2] [4].
In Summe ist die Empfehlung vieler Experten [a] durchaus verständlich – wenn auch die Beweislage nicht großartig ist. Doch Salzlösungen zu inhalieren hat nur minimale Nebenwirkungen, wie leichtes Brennen oder Übelkeit. Auch die Kosten sind überschaubar. Ihr Einsatz kann sich also schon bei geringem Nutzen lohnen, zumindest für Personen mit chronischen Entzündungen der Nasenschleimhaut.

Was sonst noch hilft

Bei entzündeter Nasenschleimhaut helfen Kortison oder andere Medikamente, welche die Nasenschleimhaut zum Abschwellen bringen. Das sorgt für Erleichterung, die Wirkung hält aber nicht besonders lange an, und Kortison ist bei längerer Einnahme mit Nebenwirkungen verbunden. Abschwellende Nasenspray sind mit Vorsicht zu benutzen: nach wenigen Stunden kann die Schleimhaut wieder zuschwellen; dieser Rebound-Effekt kann umso stärker sein, je häufiger man Nasensprays einsetzt. Daher wird von der durchgehenden Einnahme von länger als einigen Tagen abgeraten. Antibiotika sind nur in wenigen Fällen sinnvoll, da sie nur gegen Bakterien wirken und Nasenschleimhaut-Entzündungen normalerweise nicht von Bakterien ausgelöst werden. In sehr schweren, immer wiederkehrenden Fällen können auch Operationen die Beschwerden lindern, hier werden beispielsweise die Engstellen in den Nasennebenhöhlen erweitert und eventuelle Polypen entfernt [b].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: J. Harlfinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Tano L., Tano K. (2004)
Studientyp: Vergleichsstudie
Teilnehmer insgesamt: 108 junge gesunde Männer, Daten von nur 60 ausgewertet
Fragestellung: Verhindern tägliche Anwendungen von salzhaltigem Nasenspray Infektionen?
Interessenskonflikte:

Tano L, Tano K. A daily nasal spray with saline prevents symptoms of rhinitis.
Acta Otolaryngol. 2004 Nov;124(9):1059-62.
Zusammenfassung

[2] Harvey u.a. (2007)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien:acht randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Sind Salzlösungen wirksam gegen die Symptome chronischer Rhinosinusitis?
Interessenskonflikte:

Harvey R, Hannan SA, Badia L, Scadding G. Nasal saline irrigations for the symptoms of chronic rhinosinusitis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 3. Art. No.: CD006394
Zusammenfassung

[3] Rudmik u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit mit Behandlungsempfehlungen
Eingeschlossene Studien:acht randomisiert-kontrollierte Studien zu Salzlösungen
Fragestellung: Oberflächliche Behandlungen von chronischer Rhinosinusitis
Interessenskonflikte: keine angegeben

Rudmik L, Hoy M, Schlosser RJ, Harvey RJ, Welch KC, Lund V, Smith TL. Topical
therapies in the management of chronic rhinosinusitis: an evidence-based review
with recommendations. Int Forum Allergy Rhinol. 2013 Apr;3(4):281-98.
Zusammenfassung

[4] Kassel u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien:drei randomisiert-kontrollierte Studien zu Salzlösungen
Teilnehmer insgesamt: 618
Fragestellung: Sind Salzlösungen wirksam gegen die Symptome akute Rhinosinusitis?
Interessenskonflikte:

Kassel JC, King D, Spurling GKP. Saline nasal irrigation for acute upper respiratory tract infections. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 3. Art. No.: CD006821
Zusammenfassung

[5] Zhang u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien:elf randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 1090
Fragestellung: Ist hypertonische Salzlösung aus dem Zerstäuber wirksam gegen akute Bronchiolitis bei Kleinkindern?
Interessenskonflikte:

Zhang L, Mendoza-Sassi RA, Wainwright C, Klassen TP. Nebulised hypertonic saline solution for acute bronchiolitis in infants. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 7. Art. No.: CD006458

Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Robb-Nicholson C.(2013) Ask the doctor. I have chronic sinusitis that flares up into an infection a couple of times each year. Do nasal saline washes really help prevent flares? Harv Womens Health Watch. 2013 Mar;20(7):2.

[b] Information des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) zur chronischen Nasennebenhöhlenentzündung