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Rotschimmelreis gegen Cholesterin: Sicher und wirksam?

Cholesterin-Senker in der Peking-Ente?

Cholesterin-Senker in der Peking-Ente?

Ein erhöhter Cholesterinspiegel kann riskant für die Gesundheit sein. Seit einigen Jahren werden Rotschimmelreis-Produkte als ‚natürliche’ Cholesterinsenker angeboten. Die Nahrungsergänzungsmittel sind jedoch keineswegs harmlos.

 
 

 

Frage:Sind Rotschimmelreis-Produkte wirksam und sicher bei der Bekämpfung von hohen Cholesterinwerten?
Antwort:unklar
Erklärung:Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass manche Rotschimmelreis-Produkte bei der Senkung der Cholesterinwerte helfen können. Allerdings können die Nahrungsergänzungsmittel auch (gefährliche) Nebenwirkungen auslösen; ihre Sicherheit ist fraglich. Rotschimmelreis-Produkte sind keine Alternative zu herkömmlichen Medikamenten zur Cholesterinsenkung.

Seit hunderten Jahren ist Rotschimmelreis eine wichtige Zutat in der chinesischen Küche. Gemahlen machen die roten Körner Speisen und Getränke aromatisch, haltbar und sie verleihen ihnen eine appetitliche Färbung – man denke nur an die berühmte Pekingente [10].

Wandelbare Körner

Rotschimmelreis ist keine eigene Reissorte. Er entsteht, wenn normaler Reis mit speziellen Schimmelpilzen vergoren wird. Durch die Gärung bildet sich einerseits die typische rote Farbe. Außerdem bringt der Prozess noch eine ganze Reihe anderer Substanzen hervor, etwa Monacolin K [10].

Seit einigen Jahren wird Rotschimmelreis in Europa und Nordamerika als Nahrungsergänzungsmittel verkauft – häufig via Internethandel. Die Rotschimmelreis-Kapseln sollen den Spiegel des „schlechten“ LDL-Cholesterins ‚auf natürliche Weise’ senken.

Wunsch nach neuen Behandlungsformen

Diese Ankündigung mag für Personen verlockend klingen, die ihre hohen Blutfettwerte alleine in den Griff bekommen möchten – mit dem Ziel, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall usw.) zu senken. Das Normalisieren des Cholesterinspiegels ist nämlich nicht immer durch Veränderungen des Lebensstils möglich, also durch ausgewogene Ernährung, Gewichtsabnahme und ausreichend Bewegung.

Auch das langfristige Einnehmen von Medikamenten zur Cholesterinsenkung kommt nicht für alle Betroffenen in Frage. Gründe dafür können Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten sein [6].

Cholesterin-Senkung – und dann?

Rotschimmel-Präparate sind allerdings keine sichere Alternative zu den herkömmlichen Therapieansätzen. Zwar finden sich in etlichen Studien aus Asien Hinweise darauf, dass Rotschimmelreis bzw. dessen Extrakt zu hohe Cholesterinwerte günstig beeinflussen kann [1] [2].

Offen bleibt allerdings, ob Rotschimmelreis nur die Cholesterinwerte senkt – oder ob seine Einnahme tatsächlich auch zu weniger Folgeerkrankungen und zu weniger verfrühten Todesfällen führt.

Fragen über Fragen

Zu diesem entscheidenden Punkt gibt es nicht genug gut durchgeführte Untersuchungen; es fehlen belastbare Daten. Ebenfalls ungeklärt: Wie sicher ist die Einnahme von Rotschimmelreis über einen längeren Zeitraum? [6] [10]

Und: Welche Substanz aus dem Rotschimmelreis ist für die Cholesterin-Regulierung verantwortlich? Oder spielen gleich mehrere Rotschimmelreis-Inhaltsstoffe zusammen?

Wirkung und Nebenwirkungen

Als heißer Kandidat für eine cholesterinsenkende Substanz im Rotschimmelreis gilt das Monacolin K. Interessanterweise ist es identisch mit Lovastatin, ein von Pharmaunternehmen hergestelltes Medikament zur Senkung des Cholesterinspiegels.

Lovastatin ist die ‚Hauptzutat’ von weit verbreiteten Medikamenten, die einerseits Cholesterinwerte drosseln – und darüber hinaus das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung reduzieren können [5].

Neben seinen positiven Effekten löst Lovastatin mitunter auch unangenehme bis ernste Nebenwirkungen aus. Dazu gehören Schäden von Muskeln und Leber. Deswegen sind diese Medikamente verschreibungspflichtig [6].

‚Natürlich’, aber nicht harmlos

Bei der Einnahme von Rotschimmelreis-Nahrungsergänzungsmitteln mit dem identischen Inhaltsstoff – und möglicherweise vergleichbarer Wirkung – fehlt diese ärztliche Begleitung und Aufklärung.

Für Konsumenten ist es nicht genau nachvollziehbar, in welcher Dosis sie die mutmaßlichen Wirkstoffe zu sich nehmen. Anders als bei Medikamenten schwankt bei Nahrungsergänzungsmitteln die Konzentration der Inhaltsstoffe mehr oder weniger stark, etwa aufgrund verschiedener Herstellungsmethoden.

Außerdem wurde in manchen Rotschimmelreis-Produkten bereits gefährliche Mengen des Pilzgifts Citrinin entdeckt. Es kann die Nieren angreifen [7] [8].

Diskussion um Verbot

In mehreren Ländern stand oder steht zur Debatte, ob Rotschimmelreis unter der harmlosen Anmutung eines Nahrungsergänzungsmittels verkauft werden darf. Nach Ansicht mancher Experten ähnelt Rotschimmelreis in Wirkung und Nebenwirkungen zu sehr einem Arzneimittel, um als Nahrungsergänzungsmittel durchzugehen [4].

In der Schweiz sind Rotschimmelreis-Produkte mittlerweile verboten [9]. In den USA dürfen sie zur Nahrungsergänzung nur verkauft werden, wenn sie keine nennenswerten Mengen von Monacolin K enthalten [8]. Auch in Österreich ist dazu noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Fragwürdige Spezial-Margarine

Eine ähnliche Diskussion zum Thema Cholesterinsenkung in Eigenregie hat Medizin-Transparent bereits in der Vergangenheit beleuchtet: Damals stellte sich die Frage, ob der Verzehr von spezieller Margarine möglicherweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Nachzulesen unter ‚Risiko durch Cholesterin-senkende Margarine?

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Li u.a. (2014)
Studientyp: Übersichtsarbeit, Metaanalyse
Eingeschlossene Studien: 13 RCTs
Teilnehmer: 804 Personen
Fragestellung:Ist Rotschimmelreis wirksam und sicher bei der Behandlung von Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämie)?
mögliche Interessenskonflikte: keine
Li Y, Jiang L, Jia Z, Xin W, Yang S, Yang Q, Wang L. A meta-analysis of red yeast rice: an effective and relatively safe alternative approach for dyslipidemia. PLoS One. 2014 Jun 4;9(6):e98611. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Liu u.a. (2006)
Studientyp: Übersichtsarbeit, Metaanalyse
Eingeschlossene Studien: 93 RCTs
Teilnehmer: 9625 Personen
Fragestellung: Wie wirkt sich Rotschimmelreis auf erhöhte Bluttfettwerte (Hyperlipidämie) aus?
mögliche Interessenskonflikte: keine

Liu J, Zhang J, Shi Y, Grimsgaard S, Alraek T, Fønnebø V. Chinese red yeast rice (Monascus purpureus) for primary hyperlipidemia: a meta-analysis of randomized controlled trials. Chin Med. 2006 Nov 23;1:4. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Shang u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Metaanalyse
Eingeschlossene Studien: 22 RCTs
Teilnehmer: 6520 Patienten
Fragestellung: Hilft Xuezhikang (Rotschimmelreis-Extrakt) bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung und Fettstoffwechsel-Störung (Dyslipidämie)?
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Shang Q, Liu Z, Chen K, Xu H, Liu J. A systematic review of xuezhikang, an extract from red yeast rice, for coronary heart disease complicated by dyslipidemia. Evid Based Complement Alternat Med. 2012;2012:636547. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] DFG Senatskommission zur gesundheitlichen Bewertung von Lebensmitteln (2012) Toxikologische Bewertung von Rotschimmelreis: Aktualisierung. Abgerufen am 10.10.2014 unter
http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/2012/sklm_rotschimmelreis_121218.pdf

[5] Huffman u.a. (2013)
Studientyp:  systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Fragestellung: Sind Statine wirksam bei der Vorbeugung von Erkrankungen des Herzkreislaufsystems?

Taylor F, Huffman MD, Macedo AF, Moore THM, Burke M, Davey Smith G, Ward K, Ebrahim S. Statins for the primary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 1. Art. No.: CD004816. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] IQWIG (2013) Erhöhte Cholesterinwerte.
Abgerufen am 10.10.2014 unter http://www.gesundheitsinformation.de/erhoehte-cholesterinwerte.2178.de.html

[7] Klimek u.a. (2009)
Studientyp:  Übersichtsarbeit
Fragestellung: Ist Rotschimmelreis bei der Therapie von erhöhten Blutfettwerten wirksam und sicher?

Viljoen E, Visser J, Koen N, Musekiwa A. A systematic review and meta-analysis of the effect and safety of ginger in the treatment of pregnancy-associated nausea and vomiting. Nutr J. 2014 Mar 19;13:20. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[8] National Institues of Health, National Center for Complementary and Alternative Medicine (2013) Red Yeast Rice: An Introduction. Abgerufen am 10.10.2014 unter http://nccam.nih.gov/health/redyeastrice

[9] Schweizerisches Heilmittelinstitut (2014)
Im Brennpunkt: Vermarktung von Präparaten mit Monascus purpureus (Rotschimmelreis, rote Reishefe) ist in der Schweiz nicht zulässig. Swiss Medic Journal 2/2014, ab Seite 80. www.swissmedic.ch

[10] UpToDate (2014). Lipid lowering with diet or dietary supplements. Abgerufen am 10.10.2014 unter http://www.uptodate.com/contents/lipid-lowering-with-diet-or-dietary-supplements