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„Rolfing“ bei Schmerzen und Fehlhaltungen: Wirksamkeit unklar

Rolfingbehandlung

Rolfingbehandlung bei Schmerzen

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 20. 7. 2011] Bei Rolfing handelt es sich um eine Reihe von Techniken, die mittels Tiefenmassage von Bindegewebsstrukturen und einer Förderung des Körperbewusstseins Fehlhaltungen korrigieren und Schmerzen lindern können sollen. Obwohl bereits in den 1950er Jahren durch Ida Rolf entwickelt, wurden bis heute nur wenige klinische Studien mit sehr geringen Teilnehmerzahlen zur wissenschaftlichen Untersuchung dieser Methode durchgeführt. Ob Rolfing geeignet ist, Körperfehlhaltungen und Schmerzen zu lindern, bleibt unklar.


Zeitungsartikel: Rolfing: von innen her aufrichten (Der Standard, 10. 7. 2011)
Frage:Bewirkt die „Rolfing“ – Behandlung eine Verbesserung von Körperfehlhaltungen sowie bestimmter Schmerzen?
Antwort:Die wenigen wissenschaftlichen Studien zu „Rolfing“ liefern nur unzureichende Hinweise auf eine konkrete Wirksamkeit bei der Behandlung von Schmerzen und Fehlhaltungen.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

[Aktualisierte Version vom 8.5.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Nach einer Theorie, die von der Wissenschaftlerin Ida Rolf in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde, können bestimmte Bindegewebsstrukturen eine zentrale Rolle bei der Entstehung chronischer Schmerzen spielen. Diese Strukturen, in der Fachsprache Faszien genannt, bestehen aus Kollagenfasern, die Muskeln, Blutgefäße oder Nerven umhüllen und so zusammenhalten. Laut Ida Rolf sollen beispielsweise durch fehlerhafte Körperhaltung verkürzte Faszien für die Entstehung chronischer Schmerzen verantwortlich sein. Eine von ihr entwickelte Massagetechnik sowie eine gezielte Förderung des Körperbewusstseins sollen demnach geeignet sein, den Faszien in ihre ursprüngliche Form zurückzuhelfen und so chronische Schmerzen zu lindern. Nach 10 sogenannten „Rolfing“-Sitzungen seien angeblich deutliche Besserungen der Schmerzen, der Körperhaltung sowie der Bewegungsfreiheit bemerkbar.

Die Vorstellung des Rolfing in einem Artikel im Standard vom 10. 7. 2011 nahmen wir zum Anlass, um die Wirksamkeit dieser Methode bei der Behandlung von Körperfehlhaltungen und chronischen Schmerzen zu überprüfen.

Ergebnis & Interpretation

Obwohl bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt und seit den 1970er Jahren durch ein von Ida Rolf gegründetes Institut für „Strukturelle Integration“ beworben, gibt es bisher nur wenige klinische Studien zur Technik des Rolfing.

In einer nicht-systematischen Übersichtsarbeit von Jones aus dem Jahr 2004 konnte die Autorin nur drei klinische Studien ausmachen, welche die Wirksamkeit von Rolfing auf sehr unterschiedliche Symptome untersuchen.
Zwei dieser Studien untersuchten an relativ wenigen Teilnehmern (30 bzw. 32) die Auswirkung von Rolfing-Sitzungen auf ein indirektes Anzeichen für eine Aktivierung des sogenannten parasympathischen Nervensystems. Dieser Teil des unwillkürlichen Nervensystems hat eine ruhefördernde Wirkung, er bewirkt beispielsweise eine Verlangsamung des Herzschlags. In beiden Untersuchungen zeigte sich im Vergleich zur Kontrollgruppe ein indirekter Hinweis auf eine gesteigerte Funktion des ruhefördernden parasympathischen Nervensystems, wenn auch teilweise nicht bei älteren Teilnehmern. Eine der beiden Studien zeigte auch eine Verringerung der Hüftfehlstellung durch die Rolfing-Sitzungen.

Auch wenn Fehlhaltungen des Körpers an der Entstehung von chronischen Schmerzen beteiligt sein können, wurde die Auswirkung auf eventuelle Schmerzen nicht untersucht. Es ist unklar, ob die indirekt festgestellte Förderung der parasympathischen Nervensystem-Aktivität oder die Verminderung der Hüftfehlstellung überhaupt für die behandelten Teilnehmer relevante und spürbare Auswirkungen darstellten. Zudem ist die methodische Qualität beider Studien mittelmäßig, die festgestellten Auswirkungen könnten daher auch durch nicht bekannte andere Faktoren zustande gekommen sein.

Die dritte Studie aus der Übersichtsarbeit von Jones untersuchte an der geringen Zahl von 10 Patienten die Auswirkung von Rolfing-Sitzungen auf Symptome der Zerebralparese. Dabei handelt es sich um Störungen der willkürlichen Bewegungskoordination bedingt durch eine frühkindliche Hirnschädigung. Nach 10 Rolfing-Sitzungen zeigte sich bei leichter beeinträchtigten Patienten eine Verbesserung der Gehgeschwindigkeit, während sie bei schwer beeinträchtigten Patienten gleich blieb oder sogar abnahm. Da allerdings kein Vergleich zu einer Patientengruppe ohne Rolfing-Behandlung vorgenommen wurde, ist die Aussagekraft dieser Ergebnisse – auch aufgrund der geringen Zahl an Teilnehmern – beschränkt.

Eine etwas neuere Studie aus dem Jahr 2008 (von James und Kollegen) untersuchte an 31 Teilnehmern die Wirkung von Rolfing auf unterschiedliche Schmerzarten. Laut dieser Studie waren die Schmerzen nach 10 Sitzungen deutlich geringer als vor Beginn der ersten Sitzung. Da allerdings kein Vergleich mit einer unbehandelten Kontrollgruppe vorgenommen wurde, ist unbekannt, wie sich die Schmerzen ohne Rolfing-Sitzungen entwickelt hätten. Aus diesen Ergebnissen lässt sich daher nicht automatisch ableiten, dass die Ursache für die Schmerzabnahme in den Rolfing-Behandlungen liegt. Außerdem wurden in der Untersuchung so verschiedene Schmerzarten wie Kopfschmerzen, Schulter- oder Rückenschmerzen nicht unterschiedlich betrachtet.

Insgesamt ist die wissenschaftliche Beweislage zur Wirksamkeit der Rolfing-Technik für die Behandlung von Schmerzen oder Korrektur von Körperfehlhaltungen ungenügend.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

Übersichtsarbeit von Jones (2004)
Studienart: nicht-systematische Übersichtsarbeit
Anzahl der eingeschossenen Studien: 3
Anzahl der Teilnehmer: 10, 30 und 32

Studie von James (2008)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Untersuchungsziel: Einfluss von Rolfing auf Schmerzreduktion
Anzahl Teilnehmer: 31

Wissenschaftliche Quellen:

Jones TA. (2004). Rolfing. Phys Med Rehabil Clin N Am. 2004 Nov;15(4):799-809, vi. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

James H et al. (2008). Rolfing structural integration treatment of cervical spine dysfunction. J Bodyw Mov Ther. 2009 Jul;13(3):229-38. (Studie im Volltext)