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Herzgesundheit ist (k)ein Zuckerschlecken

Ribose-Zucker für ein gesundes Herz?

Ribose-Zucker für ein gesundes Herz?

Ribose statt Zucker – das soll dem Körper neuen Schwung geben. Sogar bei Herzproblemen soll Ribose angeblich helfen. Wirkt die süße „Medizin“ tatsächlich?

Frage:Kann die Einnahme von Ribose bei Herzerkrankungen wie Herzschwäche, Verengung der Herzkranzgefäße (koronarer Herzkrankheit) oder Herzinfarkt helfen?
Antwort:unklar
Erklärung:Einige Studien legen zwar die Vermutung nahe, dass ein möglicher Zusammenhang zwischen der Einnahme von (D)-Ribose und der Herzfunktion bestehen könnte. Allerdings sind diese Untersuchungen nicht sehr aussagekräftig.

Ribose ist eine natürlich vorkommende, leicht süß schmeckende Zuckerart [13] [14]. Wer über Suchmaschinen danach sucht, findet schnell zahlreiche Internetshops, die den Zucker zur Nahrungsergänzung anbieten. Die dabei angepriesenen angeblichen Vorteile füllen ganze Listen. So soll Ribose die Vitalität und körperliche Leistung steigern und die Muskelkraft verbessern. Angeblich erhöht sie die Leistungsfähigkeit unseres Pumporgans sogar bei Herzschwäche („Herzinsuffizienz“) oder nach einem Herzinfarkt. Auch bei einer koronaren Herzkrankheit, bei der die Herzkranzgefäße verengt sind und dadurch unzureichend mit Sauerstoff versorgt werden, soll Ribose helfen.

Unentbehrliches Kohlenhydrat

Der Grundgedanke, der hinter der Einnahmeempfehlung von Ribose bei Herzproblemen steckt, ist nicht neu. Schon in den frühen 1950er-Jahren vermuteten Forschende einen Zusammenhang zwischen der Herzfunktion und den Energiereserven des Herzens [11]. Um normal funktionieren zu können, benötigen alle Körperzellen ausreichend Energie. Die bekommen sie in Form des „Zelltreibstoffs“ ATP (Adenosintriphosphat). Auch der Herzmuskel kann nicht ohne den energiereichen Stoff arbeiten [11].

Das dafür nötige ATP stellt der Körper aus Ribose her. Es bleibt jedoch offen, ob sich die Einnahme von Ribose-Präparaten tatsächlich positiv auf die Herzleistung auswirkt.

Daneben ist Ribose Ausgangsstoff für andere lebenswichtige Verbindungen wie Vitamin B12, das für die Blutbildung und das Nervensystem wichtig ist [13] [14]. Auch die Trägerin unserer Erbinformation, die DNA, ist zum Teil aus Ribose-Bausteinen aufgebaut.

Fehlender Brennstoff

Steht dem Herzmuskel aufgrund von Durchblutungsstörungen zu wenig Sauerstoff zur Verfügung, verringert sich der ATP-Spiegel im Herzmuskel deutlich [1] [3]. Dies kann schließlich zu Funktionsstörungen des Herzens führen: Es fehlt dann quasi der Brennstoff [3]. Dazu kommt es zum Beispiel, wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, oder bei einer plötzlichen schmerzhaften Verengung der Herzkranzgefäße, der so genannten Angina Pectoris.

Ribose statt Zucker in den Kaffee?

Ribose-Präparate sollen das müde, energieverarmte Herz wieder fit machen: sowohl wenn es zu wenig mit Sauerstoff versorgt wird als auch bei Herzschwäche. Die Theorie dahinter ist, dass das Nahrungsergänzungsmittel die ATP Produktion im angegriffenen Herzmuskel ankurbelt und auf diese Weise die Herzleistung wieder verbessert [1] [3].

Die Idee, Herzerkrankungen mit Ribose zu heilen, klingt vielversprechend. Ob Ribose statt Würfelzucker im Kaffee das Herz tatsächlich stärken kann, ist jedoch unklar. Die wissenschaftliche Beweislage ist zur Zeit noch zu gering, um dies bestätigen oder widerlegen zu können.

Gefahr durch niedrigen Blutzucker

Auch wenn Ribose eine natürlich vorkommende Zuckerart ist, kann sie Nebenwirkungen auslösen. Diese scheinen zwar selten und nur bei hohen Dosen aufzutreten, allerdings fehlen auch zu diesem Thema wirklich aussagekräftige Studien. Immerhin kann die Einnahme von Ribose den Blutzuckerspiegel schon ab einer Dosis von fünf bis zehn Gramm leicht absenken [12]. Die Folge können unter anderem Heißhunger, Übelkeit, Zittern sowie innere Unruhe sein. Um dies zu vermeiden, empfehlen Fachleute, Ribose mit einer Mahlzeit oder mit einem Stück Traubenzucker einzunehmen [4]. Daneben kann es auch zu Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, weiche, Stuhl oder Durchfall kommen [4].

 

Die Studien im Detail

Hinweise, dass Ribose bei Herzerkrankungen wirksam helfen könnte, gibt es bisher nur aus Tierversuchen [7] [8] [9] [10]. Diese lassen sich jedoch nicht auf den Menschen übertragen. Bekommt der Herzmuskel zu wenig Sauerstoff, etwa aufgrund eines Herzinfarkts, schrumpfen dessen ATP-Vorräte rapide [3] [11]. Um diese wieder aufzufüllen, dauert es drei bis vier Tage [1] [3].
Die Tierversuche zeigen, dass die Zufuhr von D-Ribose die ATP-Produktion beschleunigen könnte [3].

Es gibt auch zahlreiche Studien an Personen mit Herzerkrankungen, die zeigen, dass der Körper nach Einnahme von Ribose mehr ATP produziert. Diese Studien sind allerdings oft von mangelhafter Qualität, unter anderem, weil nur wenige Personen untersucht wurden.

Oft zitiert, wenig aussagekräftig

Das trifft auch auf eine von vielen Ribose-Anbietern und in zahlreichen narrativen Übersichtsarbeiten zitierte Studie zu [1]. Das Ergebnis dieser randomisiert kontrollierten Studie erscheint auf den ersten Blick tatsächlich vielversprechend: Demnach konnten Herzkranke, die Ribose erhielten, länger auf einem Laufband laufen als Herzkranke, die Glucose bekamen.

Bei genauem Blick auf die Studiendetails stechen aber rasch methodische Mängel ins Auge. So wussten die Studienteilnehmer möglicherweise, dass sie das eventuell wirksame Mittel Ribose statt der wahrscheinlich wirkungslosen Glucose bekommen hatten. Allein der Glaube an die Wirkung des Mittels könnte die Ergebnisse verfälscht haben. Zudem ist nicht klar, ob sie an weiteren Erkrankungen litten und zusätzliche Medikamente einnahmen. Die geringe Anzahl von nur 20 Männern und eine Studiendauer von nur drei Tagen reicht außerdem nicht, um eine verlässliche Aussage treffen zu können.

Ähnliche Mängel hat eine im Jahr 2000 durchgeführte deutsche Studie, die die Auswirkung einer Ribose-Einnahme auf die Herzfunktion und die Lebensqualität bei Personen mit bestehender Herzschwäche untersucht hat [2].

In einer narrativen Übersichtsarbeit [3] aus dem Jahr 2012 kommt die Autorin zu dem Schluss, dass Ribose vor allem die diastolische Herzfunktion (Entspannungs- und Füllphase) von Personen mit Sauerstoff-unterversorgtem Herzen verbessern kann. Dabei stützt sie sich jedoch wieder hauptsächlich auf Ergebnisse aus Tierversuchen beziehungsweise aus kleinen, methodisch mangelhaften Studien an Menschen.

[Die ursprüngliche Fassung dieses Beitrags erschien am 9.4.2015. Eine neuerliche Literatursuche brachte keine Änderung unserer Einschätzung.]

(Autorin: C. Christof, Review: J. Wipplinger, B. Kerschner)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Pliml et al (1992)
Studienart: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 20 Männer mit koronarer Herzkrankheit
Fragestellung: Verbessert D-Ribose die Herzleistung bei stabiler koronarer Herzkrankheit?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Effects of ribose on exercise-induced ischaemia in stable coronary artery disease. Lancet 1992;340:507-510 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Omran et al (2003)
Studienart: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmende: 15 Personen mit Herzinsuffizienz infolge stabiler Herz-Kreislauf-Erkrankung
Fragestellung: Welchen Effekt hat D-Ribose auf Herzfunktion und Lebensqualität?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

D-Ribose improves diastolic function and quality of life in congestive heart failure patients: a prospective feasibility study. Eur J Heart Fail. 2003 Oct;5(5):615-9 (Zusammenfassung der Studie)

[3] Shecterle (2012)
Studienart: narrative Übersichtsarbeit

Alterations in Myocardial Cellular Energy and Diastolic Function, a Potential Role for D-Ribose. INTECH Open Access Publisher, 2012 (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Shecterle u.a. (2010)
The patented uses of D-ribose in cardiovascular diseases. Recent Pat Cardiovasc Drug Discov. 2010 Jun;5(2):138-42 (Zusammenfassung der Arbeit)

[5] Gonzalez u.a. (2009)
Ribose treatment reduced the infarct size and improved heart function after myocardial infarction in rats. Cell Physiol Biochem. 2009; 24(3-4): 211-8 (Zusammenfassung der Tierstudie)

[6] Zimmer u.a. (1989)
Myocardial infarction in rats: effects of metabolic and pharmacologic interventions. Basic Res Cardiol. 1989 May-Jun; 84(3):332-43 (Zusammenfassung der Tierstudie)

[7] Zimmer & Gerlach (1978)
Stimulation of myocardial adenine nucleotide biosynthesis by pentoses and penitols. Pflugers Arch 1978;376:223-227 (Zusammenfassung der Tierstudie)

[8] Pasque u.a. (1982)
Ribose-enhanced myocardial recovery following ischemia in the isolated working rat heart. J Thorac Cardiovasc Surg 1982;83:390-398 (Zusammenfassung der Tierstudie)

[9] St. Cyr u.a. (1989)
Enhanced high energy phosphate recovery with ribose infusion after global myocardial ischemia in a canine model. J Surg Res, 1989; 46(2):157-162 (Zusammenfassung der Tierstudie)

[10] Zimmer (1983)
Normalization of depressed heart function in rats by ribose. Science. 1983 Apr 1;220(4592):81-2 (Zusammenfassung der Tierstudie)

[11] Ingwall & Weiss (2004)
Is the failing heart energy starved? On using chemical energy to support cardiac function. Circ Res. 2004 Jul 23;95(2):135-45 (Narrative Übersichtsarbeit in voller Länge)

[12] Seifert u.a. (2008)
Assessment of Hematological and Biochemical parameters with extended D-Ribose ingestion. J Int Soc Sports Nutr. 2008 Sep 15;5:13 (Studie in voller Länge)

[13] Ammon & Hunnius (2014)
Hunnius Pharmazeutisches Wörterbuch (11., aktualisierte Aufl. ed.). Berlin: DeGruyter

[14] Pschyrembel & Arnold (2014)
Pschyrembel Klinisches Wörterbuch (266., aktualisierte Aufl. ed.). Berlin [u.a.]: DeGruyter